HAMBURG / LONDON (IT BOLTWISE) – Fielmann-Chef sieht Smartglasses zwar als anhaltenden Trend, hält aber einen kurzfristigen Ersatz von Smartphones für unwahrscheinlich. In rund 200 von etwa 1.300 Filialen weltweit würden bereits Smartglasses verkauft. Der Vorstand verweist darauf, dass die Nutzerzahl derzeit kaum mit AirPods oder Smartwatches vergleichbar sei, eher mit einer Spezialkategorie wie Sportsonnenbrillen. An der Börse legt die Fielmann-Aktie zeitweise um 0,62 Prozent auf 40,9 Euro zu.

Die Kursreaktion der Fielmann-Aktie wirkt auf den ersten Blick widersprüchlich: Obwohl Smartglasses in der Kommunikation vieler Tech-Fans als nächster große Plattformwechsel gehandelt werden, dämpft der Hamburger Optik-Anbieter die Erwartungen spürbar. Der Vorstandsvorsitzende erklärte in einem Interview, dass sich an dieser Einschätzung in den nächsten zwei bis drei Jahren voraussichtlich wenig ändern werde. Solche Zeitfenster sind für Anleger relevant, weil sie die Wahrscheinlichkeit steuern, wann aus einem Trend ein massentaugliches Volumenprodukt wird. Wenn die Markterwartungen gleichzeitig hoch und die konkrete Umsetzung bei der Produktstrategie noch zurückhaltend wirkt, entsteht schnell ein Bewertungs- und Entkopplungseffekt: Der Kurs kann steigen, während die Wachstumsstory gedämpft wird.
Technisch betrachtet lohnt sich der Blick auf die Spezifik von Smartglasses, denn genau dort liegt der Kern der Vergleichsfrage. Die Brillen sehen zunächst wie normale Fassungen aus, sind aber je nach Modell zusätzlich mit kleinen Kameras, Mikrofonen, Lautsprechern und Displays ausgestattet. Daraus entsteht ein sehr breiter Funktionsradius: Nutzer können laut der Beschreibung solche Brillen für das Aufzeichnen der Umgebung, für Telefonate und sogar für Übersetzungsfunktionen im Gespräch nutzen. Damit überschneiden sich Smartglasses nicht nur mit Wearables, sondern auch mit mobilen Endgeräten wie dem Smartphone. Gleichzeitig ist die Einstiegshürde höher als bei klassischen Kopfhörern: Abgesehen von der technischen Ausstattung müssen Nutzer auch Komfort, Alltagstauglichkeit und Datenschutzwahrnehmung akzeptieren, bevor sich ein echter „Replace“-Effekt einstellt.
Auch die Marktlogik, die Fielmann anführt, ist deshalb eher eine Investitions- und Vergleichsfrage als nur eine Produktfrage. Der Vorstand sagte, die Nutzerzahlen seien derzeit nicht mit anderen Wearables wie AirPods oder Smartwatches vergleichbar. Stattdessen ordnet er Smartglasses eher in eine Spezialkategorie ein, vergleichbar mit Sportsonnenbrillen. Das ist strategisch bedeutsam, weil es die Erwartungskurve verschiebt: Eine Kategorie, die zunächst funktional Nischen bedient, wächst typischerweise über Ausbaustufen wie bessere Sensorik, reduzierte Energie- und Geräuschlast oder größere Passform-Kompatibilität. Fielmann verkauft Smartglasses in rund 200 der insgesamt etwa 1.300 Filialen weltweit, was den Zwischenstatus „vorhanden, aber noch nicht flächendeckend“ praktisch übersetzt. Wenn Nachfrage „bombastisch“ wäre, würde man sie dem Vorstand zufolge zwar überall anbieten; aktuell sieht er diesen Kipppunkt offenbar nicht als gegeben.
Spannend ist zudem, wie die Aussage im Wettbewerbskontext zu lesen ist. In der Debatte rund um Smartglasses spielt Meta eine prominente Rolle: Der Vorstand referierte eine Einschätzung, wonach Meta bei hohen Investitionen darauf setze, das Smartphone perspektivisch abzulösen. Solche Aussagen zeigen, dass große Plattformplayer nicht nur an Hardware, sondern auch an einem Ökosystem aus Anwendungen, Datenflüssen und Nutzerinteraktionen arbeiten. Für Optik-Anbieter ist das zugleich Chance und Risiko: Chance, weil die Distribution über stationäre Standorte Vertrauen und Beratung liefern kann. Risiko, weil eine Plattformdominanz im Software- und Servicebereich die Margenstruktur gegenüber proprietären Hardwarekandidaten beeinflussen kann. Der Marktpreis einer Aktie reagiert deshalb nicht nur auf die Produkttechnik, sondern auf das erwartete Timing der Plattformverschiebung.
Dass die Fielmann-Aktie laut den Kursdaten über XETRA zeitweise um 0,62 Prozent auf 40,9 Euro zulegt, lässt sich auch als „Realismus-Prämie“ interpretieren. Anleger scheinen offenbar zwischen zwei Ebenen zu unterscheiden: Auf der einen Seite bleibt der Trend zu KI-gestützten Assistenzfunktionen und „Wear“-fähiger Computertechnik bestehen. Auf der anderen Seite wird kurzfristig nicht mit dem vollständig dominanten Smartglasses-Szenario gerechnet, das manche Tech-Enthusiasten skizzieren. Fielmanns Hinweis auf eine tendenziell höhere Nachfrage in Großstädten und im Ausland – etwa in Spanien und den USA – liefert zudem ein Muster, das zu einem schrittweisen Rollout passt. Für Unternehmen bedeutet das: Wenn es regionale Schwerpunkte gibt, sind Bestandsplanung, Serviceprozesse und Produktauswahl stärker gefragt als pauschale Mengenziele.
Für die nächsten Jahre lassen sich aus den Aussagen mehrere konkrete Implikationen ableiten. Erstens spricht vieles dafür, dass Smartglasses bei der Adoption eher mit bestimmten Zielgruppen wachsen, die eine klare Nutzwert-Kante haben, etwa bei Sport, unterwegs, im professionellen Einsatz oder für bestimmte Kommunikations-Workflows. Zweitens betont die Filialsteuerung in etwa 200 Standorten, dass die Distribution und der Beratungsaufwand aktiv gesteuert werden: Optik ist kein reines Massen-Gadget, sondern ein Produkt mit Individualisierung und möglicher Anpassung. Drittens verschiebt sich damit die relevante Messgröße: Nicht nur die Gesamtzahl der Käufer, sondern die Bereitschaft, Funktionen im Alltag dauerhaft zu nutzen, entscheidet über den Übergang von „Spezialkategorie“ zu „Mainstream-Endgerät“. Genau dieses Übergangsszenario bleibt in Fielmanns Einschätzung im Kern noch offen, was die Börse offenbar mit einem moderaten, nicht euphorischen Optimismus quittiert.
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