LONDON (IT BOLTWISE) – Der FIFA-Betriebsdirektor Kevin Lamour hat die Investorenpläne rund um ein neues Tochterunternehmen öffentlich scharf kritisiert. In einem Schreiben, das der Nachrichtenagentur AP vorliegt, wirft er dem FIFA-Präsidenten Gianni Infantino vor, Mitarbeiter hintergangen zu haben. Parallel steht der Rücktritt eines weiteren hochrangigen Beraters im Kontext der Debatte. Unklar bleibt, ob sich die Mehrheit der nationalen Verbände weltweit hinter das Konzept stellen wird.

Die FIFA-Pläne für einen Einstieg privater Investoren stoßen nicht mehr nur auf politische Skepsis, sondern bringen hochrangige Funktionskreise in direkten Konflikt mit dem eigenen Präsidentenapparat. Im Zentrum steht ein Schreiben von FIFA-Betriebsdirektor Kevin Lamour, das der Nachrichtenagentur AP vorliegt und das die Investorenidee rund um das neu zu gründende Tochterunternehmen FFE in sehr deutlichen Worten angreift. Lamour, der sein Amt seit dem 1. November 2024 ausübt, widerspricht damit der internen Linie nicht im Ton einer Routinekritik, sondern mit Vorwürfen, die auf Vertrauensbruch zielen.
Lamour warf Gianni Infantino vor, Mitarbeiter hintergangen zu haben. Außerdem bringt er in dem Schreiben die Forderung nach Konsequenzen ins Spiel – nicht nur in der Form, dass das Projekt gestoppt werden solle, sondern auch als Dringlichkeitsappell an die politischen Entscheidungsträger im Weltfußball. Dabei verbindet er seine Aussage mit einer persönlichen Haltung: Er habe nicht angekündigt, aus seinem Amt auszuscheren, betont aber, dass er seine Entscheidung auch akzeptieren könne, falls sie seinen Job kosten sollte. Die Passage zielt auf eine innere Legitimation ab: Er wolle zumindest „nachts ruhig schlafen“.
Der Druck in der Organisation war zuvor bereits sichtbar geworden. Laut den Angaben im Text hatte Carlos Cordeiro, ein hochrangiger Berater Infantinos, aus Protest gegen das Vorhaben zur Einführung der Investorenpläne seinen Rücktritt erklärt. Auch Cordeiro hatte demnach betont, nicht an den Plänen beteiligt gewesen zu sein. Damit verdichtet sich innerhalb kurzer Zeit ein Muster: Zwei Stimmen aus dem Umfeld der FIFA-Führungslinie positionieren sich gegen das gleiche Konzept, obwohl beide über unterschiedliche Rollen verfügen – Lamour als Betriebsdirektor und Cordeiro als Berater. Für die Governance-Diskussion bedeutet das, dass es offenbar nicht allein um Details der Finanzierung geht, sondern um die Frage, wie intern Entscheidungen vorbereitet und kommuniziert werden.
Technisch betrachtet verschiebt das Vorhaben die Eigentums- und Nutzungsrechte an zentralen Wettbewerbsbausteinen. Nach Angaben der FIFA sollen private Geldgeber rund 20 Prozent der Anteile an der FFE erwerben können, während der Gesamtwert des Tochterunternehmens zunächst auf insgesamt 20 Milliarden Dollar festgelegt sein soll. In der FFE würden demnach die kommerziellen Rechte an FIFA-Wettbewerben gebündelt – einschließlich der Männerversions- und Frauenweltmeisterschaften sowie der Klub-WM. Operativ bleibt laut FIFA der Mehrheitsgesellschafter im Hintergrund: Die FIFA will die Kontrolle über den Spielkalender und die Regelwerksfragen behalten. Genau diese Mischung aus teilweiser Kapitalöffnung und weiterhin definierter Kontrolle dürfte ein Kernkonflikt sein, denn sie entscheidet darüber, wie unabhängig kommerzielle Rechte künftig gestaltet werden.
Auch der Markt- und Verbandskontext wirkt verstärkend. Der Text nennt massiven Widerstand seit Bekanntwerden der Pläne; besonders auffällig ist die Drohung der Europäischen Fußball-Union, ihre 55 Mitgliedsverbände könnten bei FIFA-Wettbewerben wie Weltmeisterschaften nicht mehr antreten. Solche Schritte sind in Verbandsstrukturen zwar selten, weil sie kurzfristig sportliche und wirtschaftliche Kosten verursachen, sie zeigen jedoch, wie stark die Verhandlungsposition in Regionen mit großer politischer Schlagkraft geworden ist. Gleichzeitig bleibt die entscheidende Hürde in der FIFA selbst: Unklar ist, ob sich eine Mehrheit der weltweit 211 Verbände für die Pläne aussprechen würde. Die Abstimmungslogik in so einem Gremium hängt meist nicht nur am monetären Versprechen, sondern an der politischen Risikoabwägung, ob kommerzielle Rechte faktisch die Spielkultur dominieren könnten.
Für Unternehmen, Agenturen und Rechtehändler ist die Auseinandersetzung zudem ein Signal, dass „Rechte-Pakete“ im Fußball zunehmend wie moderne Infrastruktur behandelt werden: als Bündel aus Lizenzen, Auswertungswegen und Governance-Mechanismen. Wenn die FFE tatsächlich Geschäftslogik nach Vorbild kapitalmarktnaher Strukturen übernimmt, können neue Lizenzierungsmodelle, Laufzeiten und Verwertungsketten entstehen – aber nur, wenn die FIFA intern und extern genug Akzeptanz findet, um Investorenentscheidungen rechtssicher und strategisch stabil umzusetzen. Bis eine tragfähige Mehrheit erreicht ist, dürfte der Fokus eher auf den formalen Zuständigkeiten liegen: Wer kontrolliert welche Stellschrauben, und wie werden Interessenkonflikte zwischen kommerzieller Rechteverwertung und sportlichem Regelwerk gelöst? Genau hier wird sich zeigen, ob die Debatte um Lamours Vorwürfe am Ende „nur“ eine Kommunikationskrise bleibt oder eine strukturelle Zäsur einleitet.
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