PARIS / LONDON (IT BOLTWISE) – Frankreich will ein Nachfolgemodell für die Rafale künftig als nationales Projekt entwickeln. Nach dem Scheitern von FCAS mit Deutschland und Spanien skizzierte Luft- und Raumfahrtstabschef Jérôme Bellanger die Zielmarke: bis 2040 sollen konventionelle Missionen möglich sein. Gleichzeitig betont er die Notwendigkeit der Zusammenarbeit – vor allem bei einer europäischen „Combat Cloud“ zur interoperablen Nutzung bemannter Systeme. Für die Einsatzvorbereitung werden zudem neue Waffensysteme wie MBDA Deluge und Drohnen-Wellen eingeplant.

Frankreich zieht nach dem FCAS-Kollaps die Konsequenz aus einem mehrjährigen Technologie- und Industrieprojekt: Ein Nachfolger der Rafale soll als nationales Kampfflugzeug entstehen. Das kündigte der Chef des Luft- und Raumfahrtverbands, Jérôme Bellanger, bei einer Anhörung im Verteidigungsausschuss der Nationalversammlung in Paris an. Das Vorhaben trägt intern den Namen Avion de Combat du Futur (ACF) und ist als programmatische Klammer für die nächste Generation gedacht – mit einem klaren Zeithorizont für konventionelle Einsätze: 2040. Bellanger stellte dabei nicht nur die Flugzeugidee in den Mittelpunkt, sondern auch die „Vorarbeit“, die das spätere Entstehen des ACF überhaupt erst ermöglichen soll, inklusive der industriellen und technischen Grundlagen.
Technisch beschreibt Bellanger den Brückenschlag zwischen dem, was im FCAS-Umfeld bereits erarbeitet wurde, und dem, was künftig national weitergeführt werden soll. Er betonte, dass die Teams an Bereichen wie Flugzeug-Entwicklung, Drohnensystemen, Stealth, Konnektivität und einer Combat-Cloud gearbeitet hätten. Diese Arbeit sei in FCAS in mehrere sogenannte „Pillars“ aufgeteilt gewesen, wobei Dassault und Airbus im Kern an einer nächsten Kampfflugzeug-Teilkomponente innerhalb des Gesamtsystems gearbeitet hätten. Dass das Projekt als gemeinsames Industrieprogramm nun beendet ist, bedeutet nach seiner Darstellung nicht, dass „alles weggeworfen“ werden muss. Gleichzeitig verbindet sich das nationale Vorgehen mit dem politischen und operativen Zwang zur Interoperabilität: Frankreich will die späteren Systeme so auslegen, dass europäische bemannte Plattformen zusammen in einer gemeinsamen Einsatzlogik funktionieren.
Hintergrund ist ein realer Zielkonflikt, der sich in Europa seit Jahren durch Industriezuschnitte und Spezifikationsstreitigkeiten zieht. Frankreich und Deutschland hatten sich im Juni darauf verständigt, das FCAS-Vorhaben einzustellen – nach Jahren über Anforderungen und die industrielle Steuerung zwischen Dassault Aviation und Airbus. Für Frankreich bleibt damit die Frage nach einem klaren Rafale-Nachfolger drängend, während Deutschland seinerseits parallel die eigene Übergangsstrategie weiter festigt: Laut Plan soll die Eurofighter-Flotte schrittweise durch die bereits bestellten F-35 ersetzt werden, die in dieser Phase anrollen. Dass Deutschland und Frankreich nun auseinandersteuern, erhöht aber gleichzeitig den Druck, die digitale Einsatzschicht trotzdem gemeinsam nutzbar zu halten – genau dort setzt Bellangers Fokus auf die Combat Cloud an.
Aus der Zeitachse leitet sich eine zweite technische Leitplanke ab: Das neue Kampfflugzeug soll ab 2050 die ASN4G-Hyperschall-Nuklearkreuzfahrt-Rakete tragen können. Wenn man von diesem Endzustand zurückrechnet, ergibt sich Bellangers Logik für die konventionellen Flug- und Einsatzfähigkeiten bereits 2040. Für die Zwischenetappe nennt er außerdem einen Rafale-Standard F5 bis 2035, der erste Komponenten des zukünftigen Kampfflugzeugs enthalten soll – darunter Elemente zu Triebwerk und Sensorik sowie Bezugspunkte zu Stratus RS, das für die Neutralisierung feindlicher Luftverteidigung gedacht ist. Diese „komponentenorientierte“ Übergangsstrategie ist organisatorisch wichtig, weil sie Entwicklungsschritte in Phasen aufteilt: Statt alles auf den Erstflug des ACF zu warten, fließen Teilfähigkeiten kontinuierlich in die Rafale-Familie ein.
Neben dem Flugzeug rückt Bellanger aber deutlich die zweite Ebene in den Vordergrund: das System aus Effektoren, Sensorik und digitalen Netzen, das in heutigen Luftkriegsbildern oft über die Wirkung entscheidet. Die Air and Space Force will im Sommer 2027 erstmals weitreichende „one-way“-Munition erhalten – mit MBDA Deluge als Basis für ein erstes Geschwader für Bombardierungs- und Aufklärungsdrohnen. Parallel testet die Truppe Abfangdrohnen, um perspektivisch ein eigenes Drohnen-Interceptor-Geschwader aufzubauen. Ergänzend plant sie ein sehr hochfliegendes Geschwader für Stratosphären-Ballons, die als Kommunikationsrelais dienen oder als Träger für Aufklärungssensoren fungieren können; auch längere Verweilzeiten mit Tethered-Ballons sollen im Portfolio landen. Damit verschiebt sich die Rolle der Luftstreitkräfte vom „Trägerplattform“-Denken hin zu einer architektonischen Sicht: Plattformen, die sich gegenseitig Daten liefern, Effektoren verteilen und gegnerische Luftabwehr über mehrere Ebenen aushebeln.
Das Operationskonzept, das Bellanger beschreibt, läuft auf zwei Wellen hinaus. Zuerst sollen viele Einwegdrohnen ausgebracht werden, um die gegnerische Luftverteidigung zu schwächen; diese Drohnen sollen sowohl kinetische als auch nicht-kinetische Operationen können – etwa durch Störmaßnahmen, Sättigung oder Täuschung. Eine zweite Welle soll dann einen „Durchbruch“ schaffen: wiederverwendbar, aber dennoch als „expendable“ eingeordnet, um danach tiefe Schläge mit bemannten und unbemannten Systemen zu ermöglichen. Besonders bemerkenswert ist dabei die strategische Konsequenz, die Bellanger im Wortlaut betont: Wenn man im gegnerischen Territorium zuschlagen will, muss man Luftverteidigung mit Low-Cost-Drohnen und offensiver elektronischer Kampfführung so überwältigen, dass die eigenen Systeme überhaupt erst durchdringen können. Für die Umsetzung bedeutet das auch, dass Frankreich die Entwicklung nicht nur am Flugzeug misst, sondern an der Koordination vieler kleiner Wirkmittel – und genau hier gewinnt die Interoperabilität über die Combat Cloud noch einmal Gewicht, weil sie den „Takt“ zwischen den Systemen festlegt.
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