LONDON (IT BOLTWISE) – Das Bundesfinanzministerium plant ab 2027 eine Frühstartrente: Der Staat zahlt monatlich 10 Euro in zertifizierte Kinderdepots. Eltern können zusätzlich einzahlen, die Erträge bleiben in der Ansparphase steuerfrei. Die Auszahlung soll frühestens mit 65 Jahren erfolgen. Damit setzt der Gesetzesentwurf vor allem auf einen früheren Einstieg in den Kapitalmarkt – und stößt zugleich auf Kritik an Stichtagen und Förderdynamik.

Frühstartrente: Staat zahlt 10 Euro monatlich für Kinderdepots ab 2027
Frühstartrente: Staat zahlt 10 Euro monatlich für Kinderdepots ab 2027 (Foto: IT BOLTWISE)
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Mit der geplanten Frühstartrente verschiebt sich der Fokus der deutschen Altersvorsorge spürbar nach vorn: Nicht erst im Berufsleben, sondern ab dem Kindesalter sollen monatliche Beträge den Grundstock für spätere Vermögensbildung legen. Das Bundesfinanzministerium hat dazu nach Angaben im Entwurf ein Modell vorgestellt, bei dem für Kinder im Alter von 6 bis 18 Jahren automatisch staatliche Einzahlungen in zertifizierte Depots fließen. Praktisch bedeutet das: Eltern müssen nicht zuerst selbst ein komplexes Setup anstoßen, sondern erhalten die Förderung über die Kopplung an den Kindergeldbezug.

Technisch und prozessual ist die Idee deshalb so interessant, weil sie zwei Hürden gleichzeitig adressiert. Erstens reduziert sie den „Startmoment“, der bei vielen Vorsorgestrategien die entscheidende psychologische und organisatorische Barriere darstellt: Wer nicht sofort ein eigenes Produkt auswählt, verliert oft wertvolle Zeit. Zweitens schafft der Entwurf mit zertifizierten Depots einen Rahmen, der Kosten, Ausgestaltung und die spätere Übertragbarkeit vereinheitlichen soll. Der Gesetzentwurf sieht eine rückwirkende Förderung ab 1. Januar 2026 für den Geburtsjahrgang 2020 vor, danach kommt ab 2027 jeweils ein weiterer Jahrgang hinzu. Das heißt, die Mechanik wird gestaffelt ausgerollt und wächst mit der Kohortenlogik über mehrere Jahre.

Im Kern geht es um eine Kalkulation, die sich an der Zeitkomponente orientiert. Der Basisbetrag von 10 Euro monatlich entspricht bis zum 18. Lebensjahr rund 2.200 Euro aus staatlichen Einzahlungen. Rechnet das Finanzministerium mit einer angenommenen Rendite von 6 Prozent, steigt dieser Wert bis zur Rente auf etwa 53.000 Euro an – zumindest nach der vereinfachenden Annahme des Entwurfs. Entscheidend ist dabei nicht nur die Höhe, sondern die Frage, wie lange das Kapital im Produkt verbleibt. Für die Förderdynamik ist zudem relevant, dass Eltern zusätzlich einzahlen können: bis zu 6.840 Euro pro Jahr. Mit solchen Zuzahlungen würden sich die Werte in der Darstellung des Ministeriums deutlich erhöhen, bei 10 Euro pro Monat zusätzlich auf etwa 107.000 Euro zum Renteneintritt, und bei 50 Euro Zuzahlung auf bis zu 320.000 Euro.

Ein weiterer Baustein betrifft den Umgang mit der Frage, wo das Geld investiert wird und was passiert, wenn kein privates Depot eröffnet wird. Der Entwurf setzt hier auf die Deutsche Bundesbank als Auffanglösung: Wer kein privates Depot bei einem zertifizierten Anbieter anlegt, bekommt das Geld in ein Sondervermögen der Bundesbank eingelagert, das kollektiv in internationale Aktien und ETFs investiert. Bis zum 25. Lebensjahr sollen die Kinder das Guthaben dann in ein eigenes Depot übertragen können. Diese Konstruktion hat eine operative Konsequenz für Eltern und Anbieter gleichermaßen: Sie schafft eine „Fallback“-Route, damit die staatliche Förderung nicht an der Produktauswahl scheitert. Gleichzeitig bleibt ein Spannungsfeld zwischen Standardisierung (zertifizierte Depots, klar definierter Rahmen) und individueller Depotstruktur (spätere Übertragung in ein eigenes Depot).

Auch die Kostenperspektive ist ein zentraler Punkt für die Marktdurchdringung. Der Bund wird den Angaben zufolge mit knapp 200 Millionen Euro im Jahr 2027 belastet, bis 2030 steigen die Kosten auf etwa 411 Millionen Euro. Für Finanzinstitute ist das vor allem deshalb relevant, weil die Förderung die Nutzerbasis vergrößert und damit neue Depoterlebnisse in Apps und Beratungssystemen anstoßen kann. In der Branche zeigt man deshalb Interesse: Sparkassen wollen spezielle Depotkonzepte in ihre Anwendungen integrieren, und ein Anbieter wie Trade Republic bereitet entsprechende Produkte vor. Für zertifizierte Depots soll zudem eine Kostenobergrenze von unter einem Prozent pro Jahr gelten; Verbraucherschützer fordern demgegenüber eine Deckelung auf 0,5 Prozent. Genau hier entscheidet sich, ob die staatliche Förderung in der Praxis ihre Renditevorteile tatsächlich trägt oder ob laufende Gebühren den Effekt teilweise auffressen.

Während die Grundidee auf Zustimmung stößt, ist die Ausgestaltung politisch und sozial umstritten. Ein Kritikpunkt richtet sich auf ältere Geschwister oder Studierende: Wer nicht in den begünstigten Jahrgängen startet, bekommt die Förderung nicht. Der Entwurf nennt die Förderung ab Jahrgang 2020, wodurch ältere Kinder leer ausgehen. Zusätzlich endet die staatliche Förderung mit 18 Jahren, was besonders für Schüler und Studierende problematisch sein kann, weil der Übergang in die „Erwachsenenvorsorge“ oft erst mit dem Berufsstart erfolgt. Juristen und Fachjournalisten argumentieren deshalb, dass Stichtagsregeln eine Vorsorgelücke erzeugen können, die sich über Lebensphasen hinweg verfestigt. Der Deutsche Gewerkschaftsbund wiederum bemängelt die Höhe der Förderung: 10 Euro monatlich würden nach 60 Jahren rechnerisch eine Bruttorente von etwa 30 Euro ergeben, so die Kritik – das löse das Rentenproblem nicht.

Für Unternehmen und besonders für die Umsetzung in der Beratungspraxis ergibt sich daraus eine anspruchsvolle Aufgabe: Systeme müssen Jahrgangslogik, Kindergeld-Kopplung, Depotzertifizierung und Kostenregeln konsistent abbilden. Gleichzeitig müssen sie verständlich erklären, was die staatliche Frühförderung leistet – und was sie eben nicht leistet, etwa im Hinblick auf die alleinige Sicherung des Lebensstandards. Für Eltern steht daher weniger die Frage „ob“ im Vordergrund, sondern „wie“: Wie können Zuzahlungen sinnvoll geplant werden, ohne dass Gebühren und Produktwechsel die langfristige Wirkung verwässern? Genau solche Fragen werden nun in den Fokus rücken, sobald klar ist, wie die zertifizierten Anbieter die Depots technisch und kaufmännisch ausprägen und wie die Übertragung bis zum 25. Lebensjahr in der Praxis abgewickelt wird. Der Gesetzentwurf soll noch 2026 verabschiedet werden und zum 1. Januar 2027 in Kraft treten.


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