LONDON (IT BOLTWISE) – Google plant, die KI-Funktion „Gems“ bis Oktober 2026 einzustellen und durch „Skills“ zu ersetzen. Für viele Nutzer bedeutet das einen Umstieg ohne automatische Übernahme: bestehende Gems müssen manuell migriert werden. Zusätzlich bleibt der Zugang zu Skills in Teilen Europas und in bestimmten Kontokonstellationen eingeschränkt. Parallel verschiebt Google auch den Fokus weg vom bisherigen Google Assistant hin zu Gemini.

Googles Gemini-Plattform bekommt eine harte Produkt-Kosmetik, die für Unternehmen und Power-User gleichermaßen spürbar wird: Die individuell erstellbaren KI-Persönlichkeiten, die unter „Gems“ liefen, sollen offenbar bis Oktober 2026 auslaufen. Damit verschwindet nicht nur eine Funktionskategorie aus dem UI, sondern auch ein wichtiger Teil der „Personalisierung über Konfiguration“ – also die Idee, dass sich ein KI-Assistent durch vorher definierte Eigenschaften und Rollen im Alltag anpassen lässt. Der Ersatz über „Skills“ setzt dagegen auf ein Modell, in dem Gestaltung stärker an bereitgestellte Bausteine gebunden ist und der Nutzer weniger frei über die eigene Assistentenlogik verfügen dürfte.
Für Nutzer in Deutschland und Europa liegt der erste Bruch direkt im Migrationspfad. Der Wechsel kommt ohne automatische Übertragung bestehender Gems, wie aus der Beschreibung der Umstellung hervorgeht. Praktisch heißt das: Teams und Einzelanwender, die Gems in Workflows eingebaut haben, müssen Daten und Einstellungen manuell migrieren, statt sie in einem Schritt übernehmen zu lassen. Das ist aus IT-Sicht nicht trivial, weil sich die „Quelle“ der Personalisierung damit in eine Phase verschiebt, in der Dokumentation, interne Versionierung und wiederholbare Schritte wichtiger werden. Gerade wenn Gemini-Funktionen später in Kombination mit Notebooks oder anderen Unternehmensdaten genutzt werden, entsteht sonst schnell ein Flickenteppich aus alten und neuen Skill-Varianten.
Noch deutlicher wird der Einschnitt beim Zugang: „Skills“ bleiben dem Text zufolge zahlenden Abonnenten vorbehalten, konkret wird ein Google-AI-Pro- oder Ultra-Abo als Voraussetzung genannt. Zusätzlich zeigt sich Google bei der regionalen Verfügbarkeit zurückhaltend: Für den Europäischen Wirtschaftsraum, Großbritannien, die Schweiz und Nigeria soll die Funktion nicht angeboten werden. Auch Workspace-Geschäftskonten bleiben beim Start außen vor. Damit entsteht eine Zweiklassensituation, in der dieselbe Produktbezeichnung auf sehr unterschiedliche Nutzungsmöglichkeiten trifft – abhängig von Vertrag, Region und Kontotyp. Für Firmen, die Gemini als Baustein für produktive KI-Assistenten planen, heißt das: Nicht nur die technische Integration muss geprüft werden, sondern auch, ob die gewünschten Skill-Funktionen überhaupt für die jeweiligen Nutzerprofile freigegeben sind.
Die Umstellung ist zudem Teil einer breiteren Strategie, den bisherigen Google Assistant schrittweise durch Gemini zu ersetzen. Ab dem 4. September 2026 soll der alte Assistent von Android-Smartphones, Tablets, Wear-OS-Geräten, Kopfhörern und Android-Auto-Schnittstellen verschwinden. Das ist aus Marktsicht konsistent mit dem, was man in der letzten Zeit bei großen Plattformen beobachtet: KI-Funktionen werden von „standalone Features“ in Richtung zentraler Agenten- oder Assistenzschichten verschoben. Gleichzeitig erhöht das die Bedeutung von Betrieb und Change-Management, weil Konsistenz über Geräteklassen hinweg oft über Jahre gewachsen ist. Wenn die Endgeräte-Schnittstelle wechselt, ändern sich auch Nutzererwartungen, Prompting-Gewohnheiten und die Frage, welche Interaktionsmuster zuverlässig funktionieren.
Parallel treibt Google weitere Integrationen voran, die im Firmenumfeld besonders relevant sind. Seit dem 6. August 2026 sollen Workspace-Kunden in den Tarifen Business, Enterprise und Education automatisch Quellen zu Gemini-Notebooks hinzufügen können – darunter Textdateien, Google-Drive-Dokumente, YouTube-Links und Webinhalte. Für private Google-Konten bleibt diese Funktion vorerst gesperrt. Zusätzlich wird mit Android 17 die Erstellung von Widgets per Sprachbefehl in Aussicht gestellt, sodass Nutzer personalisierte KI-Widgets über Gespräche generieren können. Zusammengenommen zeigt das: Google baut die KI-Umgebung stärker in den Arbeits- und Gerätealltag ein und verlagert damit auch die Verantwortung für Zugriffsmodelle, Datenflüsse und Nutzungsgrenzen von „einmalige Einstellungen“ hin zu einem kontinuierlichen Monitoring.
Dass der Umbau in einer Wachstumsphase stattfindet, unterstreicht auch die Größenordnung der gemeldeten Nutzer- und Systemlast: Die monatlich aktiven Nutzer der Gemini-App sollen von 400 Millionen im Mai 2025 auf rund 950 Millionen im August 2026 gestiegen sein; die KI-gestützte Suche inklusive AI Overviews wird auf schätzungsweise 2,5 Milliarden Nutzer monatlich beziffert. Gleichzeitig nennt der Text Investitionen und Betriebslasten: Zwischen April und Juni 2026 flossen 195 bis 205 Milliarden US-Dollar in KI, Google Cloud steigerte den Umsatz im gleichen Zeitraum um 82 Prozent auf 24,77 Milliarden US-Dollar, der Auftragsbestand wird mit 514 Milliarden US-Dollar angegeben. Technisch wird zudem die Infrastrukturbetonung sichtbar, wenn im April 2026 190 Milliarden API-Tokens pro Minute verarbeitet wurden. Für Entscheider ist das ein klarer Hinweis darauf, dass sich die Plattform-Entscheidungen nicht nur nach Produktlogik, sondern auch nach Skalierung, Kostenstruktur und Plattformarchitektur richten.
Abseits von Gemini räumt Google auch bei älteren Mail-Zugängen auf: Funktionen wie „Check mail from other accounts“ per POP und „Gmailify“ sollen bis Januar 2027 eingestellt werden, der Zugang für Neukunden werde bereits im ersten Quartal 2026 blockiert; als Alternativen verweist das Unternehmen auf IMAP und native Mobile-Apps. Für europäische Nutzer bleibt zudem die offene Frage, ob Googles regionale Beschränkung bei Skills stabil bleibt oder sich aufgrund des Drucks durch neue Regeln rund um KI-Anwendungen verschiebt. Gerade die Kombination aus Produktwechsel (Gems zu Skills), Abo-Paywall und regionaler Freigabe macht deutlich, wie schnell sich selbst scheinbar kleine Feature-Kategorien in Abhängigkeiten verwandeln können. Wer Gemini in der Organisation einsetzen will, sollte deshalb jetzt nicht nur testen, sondern die Roadmap in die interne Migrationsplanung integrieren: Welche Assistentenfunktionen benötigen welche Datenquellen, welche Nutzerprofile sind vertraglich abgedeckt, und wie wird sichergestellt, dass alte Personalisierungen nicht stillschweigend wegfallen.
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