JENA / LONDON (IT BOLTWISE) – Die Debatte um die Reduzierung der Krankenkassen in Deutschland wird von Experten als überbewertet angesehen. Trotz der Forderungen nach Einsparungen durch eine Verringerung der Kassenanzahl, zeigen aktuelle Analysen, dass die Verwaltungskosten nur einen geringen Anteil an den Gesamtausgaben ausmachen. Die Gesundheitswissenschaftlerin Verena Vogt betont, dass die Vielzahl der Krankenkassen nicht der Hauptkostentreiber im Gesundheitswesen ist.

In der aktuellen Diskussion über die Gesundheitsreform in Deutschland wird häufig die Reduzierung der Anzahl der Krankenkassen als potenzieller Kostensenkungsfaktor genannt. Doch Experten, wie die Gesundheitswissenschaftlerin Verena Vogt vom Universitätsklinikum Jena, warnen davor, den Einspareffekt zu überschätzen. Laut Vogt machten die Nettoverwaltungsausgaben der Krankenkassen im vergangenen Jahr nur etwa vier Prozent der Gesamtausgaben in der gesetzlichen Krankenversicherung aus. Dies zeigt, dass die Vielzahl der Krankenkassen nicht der primäre Kostentreiber im Gesundheitswesen ist.
Derzeit gibt es in Deutschland 93 gesetzliche Krankenkassen, eine Zahl, die seit der Jahrtausendwende durch zahlreiche Fusionen stark reduziert wurde. Damals existierten noch 420 Kassen. Trotz dieser Reduzierung sind die Verwaltungsausgaben der Kassen im vergangenen Jahrzehnt jährlich im Schnitt um 2,5 Prozent gestiegen, während die Leistungsausgaben um 5,2 Prozent zugenommen haben. Dies verdeutlicht, dass die Verwaltungskosten nicht der Hauptfaktor für steigende Gesundheitsausgaben sind.
Ein Expertengremium, dem auch Vogt angehört, hat dem Bundesgesundheitsministerium kürzlich 66 Vorschläge zur Stabilisierung der Kassenbeiträge vorgelegt. Einer dieser Vorschläge beinhaltet die Reduzierung der Ausgaben für Werbemaßnahmen der Krankenkassen auf 2,80 Euro je Mitglied, was jährliche Einsparungen von rund 70 Millionen Euro bringen könnte. Dieser Vorschlag wurde bereits in den Kernpunkten eines neuen Sparpakets von Gesundheitsministerin Nina Warken aufgegriffen.
Ein Blick nach Österreich zeigt, dass eine drastische Reduzierung der Kassenzahl nicht zwangsläufig zu geringeren Verwaltungskosten führt. Dort führte die Vereinigung mehrerer Kassen zu einer Gebietskrankenkasse zwischen 2020 und 2024 zu einer 25-prozentigen Steigerung der Verwaltungsausgaben. Im Vergleich dazu stiegen die Gesamtausgaben im deutschen Gesundheitswesen im gleichen Zeitraum nur um sieben Prozent. Diese Beispiele verdeutlichen, dass die Reduzierung der Krankenkassenanzahl nicht automatisch zu Kosteneinsparungen führt.
Politiker der Koalition, wie der gesundheitspolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Christos Pantazis, und CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann, haben sich für eine Verringerung der Krankenkassen auf ein halbes Dutzend bis maximal ein Dutzend große, leistungsfähige Kassen ausgesprochen. Doch die Erfahrungen aus der Vergangenheit und aus anderen Ländern zeigen, dass eine solche Maßnahme nicht zwangsläufig die gewünschten Einsparungen bringt. Vielmehr sollten andere Ansätze zur Kostensenkung im Gesundheitswesen in Betracht gezogen werden.
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