LONDON (IT BOLTWISE) – Die Debatte „Bitcoin statt Gold“ wirkt laut 3iQ-CIO Tommaso Mancuso inzwischen überholt. Er argumentiert, dass Gold und Bitcoin sich eher ergänzen: Gold als defensiver Anker, Bitcoin als deutlich volatilerer Wachstumsmotor. Dahinter stehen steigende Staatsschulden, geopolitische Risiken und die wachsende institutionelle Verankerung beider Märkte. Zusätzlich rückt tokenisiertes Gold in den Fokus, weil es physische Barren über Blockchain-Strukturen handelbar macht.

Statt „Entweder-oder“ wird die Frage nach der Rolle von Gold und Bitcoin zunehmend zu einem „Beides zusammen, aber mit unterschiedlichen Aufgaben“. Tommaso Mancuso, President und Chief Investment Officer bei 3iQ für digitale Assets, ordnet die klassische Debatte in einen breiteren Kontext ein: Institutionelle Investoren müssten weniger darüber nachdenken, ob Bitcoin Gold ablöst, sondern wie sich beide Werte als Bausteine zur Absicherung in werthaltigen Anlagen ergänzen lassen. Der Kern der Argumentation: Anhaltende Haushaltsdefizite, wachsende Staatsschulden und geopolitische Spannungen verschieben den Blick auf Reserven und Risikoallokation – und damit auch auf Anlageklassen außerhalb traditioneller staatlicher Verbindlichkeiten.
Die institutionelle Nachfrage bekommt in diesem Narrativ eine konkrete Substanz. Laut den Angaben, die in dem Bericht zitiert werden, kaufen Zentralbanken zwischen 2022 und 2025 im Jahresschnitt rund 1.000 Tonnen Gold pro Jahr – etwa doppelt so viel wie im Schnitt des vorangegangenen Jahrzehnts. Parallel dazu wird Bitcoin über mehrere Wege tiefer im etablierten Finanzsystem verankert: über Spot-ETFs, über den Einzug in Unternehmensbilanzen und über die wachsende Beteiligung institutioneller Akteure. Besonders betont wird außerdem der Bestand physischer Goldreserven: Sovereign-Institutionen sollen inzwischen mehr als 36.000 Tonnen halten, bewertet mit umgerechnet knapp 5 Billionen US-Dollar. Zusammengenommen stützt das die These, dass Gold nicht nur aus Tradition gekauft wird, sondern als elementarer Teil einer neuen Reserve-Logik.
Wesentliche Marktimpulse kommen dabei aus der makroökonomischen Last, die im Text über den IWF-Ansatz konkretisiert wird. Für 2026 wird eine durchschnittliche Verschuldung der G7-Staaten von 123,7 Prozent der Wirtschaftsleistung projiziert. Mancuso verortet darin einen strukturellen Belastungsfaktor, der die Suche nach Alternativen verstärkt und das Kontrahentenrisiko einzelner Staaten stärker in den Mittelpunkt rückt. In seiner Sicht teilen Gold und Bitcoin eine „monetäre Grundstruktur“: Beide verfügen über ein begrenztes Angebot, lassen sich außerhalb des klassischen staatlichen Finanzsystems halten, und ein wesentlicher Teil ihrer Bewertung hängt an der Fähigkeit, Kaufkraft zu erhalten – nicht an einer industriellen oder transaktionalen Nutzung. Genau diese Gemeinsamkeit macht die Kombination in der Logik plausibel.
Gleichzeitig warnt der 3iQ-CIO vor einer Gleichsetzung. Gold sei in erster Linie ein defensiver Anker, getragen von einem monetären Netzwerk, das historisch von Zentralbanken und institutionellen Investoren genutzt wird. Für die Risikodimension werden im Bericht auch konkrete Größen genannt: Bei Gold liege die annualisierte Volatilität laut Mancuso typischerweise im Bereich von etwa 12 bis 15 Prozent, während Rückschläge selten mehr als 30 Prozent erreichten. Bitcoin wird dem gegenüber als deutlich schwankungsintensiver beschrieben: Dort nennt der Bericht eine annualisierte Volatilität von 40 bis 50 Prozent sowie historische Rückgänge von 70 bis 80 Prozent. Daraus folgt nicht nur eine andere Renditechance, sondern vor allem eine andere Risikostruktur, die sich im Portfolio über den Anlagehorizont und die Verlusttragfähigkeit steuert.
Technisch nimmt „Tokenisiertes Gold“ als Brücke zwischen Welten eine eigene Rolle ein. Mancuso sieht darin eine Möglichkeit, einen klassischen Nachteil von Gold gegenüber digitalen Assets abzubauen: Tokenisierte Produkte koppeln den Wert an physisch verwahrte Barren und kombinieren diese Kopplung mit Blockchain-Abwicklung. Dadurch sollen durchgehender Handel, schnellere Transfermechanismen und die Nutzung als Sicherheit in Kreditmärkten leichter werden. Genannt werden in dem Bericht Beispiele wie Tether Gold und Pax Gold sowie die Marktentwicklung: Anfang 2026 soll der Markt für tokenisiertes Gold die 6-Milliarden-US-Dollar-Marke überschritten haben, bei gleichzeitigem Hinweis, dass dies im Verhältnis zum globalen Goldmarkt mit rund 30 Billionen US-Dollar oberhalb der Erdoberfl.äche weiterhin eine frühe Phase bleibt. Wichtig ist dabei der Gegenpunkt: Laut Bericht fließen Erträge nicht dem physischen Gold selbst zu; zusätzlich entstehen Smart-Contract-, Kontrahenten- und Liquiditätsrisiken, die physische Barren so nicht kennen.
Für Anleger ergibt sich aus dieser Gegenüberstellung eher eine Portfolio-Architektur als eine Ersatzstory. Der Text formuliert die Konsequenz: Gold kann als vergleichsweise defensiver Baustein zur Diversifikation dienen, während Bitcoin mit potenziell deutlich höheren Kursschwankungen und stärkeren historischen Rücksetzern verbunden ist. Wer beide Klassen kombiniert, sollte deshalb nicht nur auf Renditeerwartungen schauen, sondern vor allem auf das Zusammenspiel von Volatilität, Liquidität und konkreter Produktausgestaltung. Bei tokenisiertem Gold kommt hinzu, dass die digitale Hülle neue Risiken einführt, die man nicht automatisch aus dem physischen Asset ableiten kann. In der praktischen Planung bleibt damit der Zeitfaktor zentral: Entscheidend sind die weitere Entwicklung der G7-Schuldenquote im Jahresverlauf und ob das Tempo der Zentralbankkäufe bei Gold anhaltend bleibt; daneben ist offen, ob der noch junge Markt für tokenisiertes Gold genügend Volumen und robuste Infrastruktur aufbaut, damit sich die Schnittstellen beider Anlagewelten weiter stabilisieren.
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