LONDON (IT BOLTWISE) – Jeremy Grantham, der frühere Chefstratege von GMO, hält Bitcoin langfristig für einen Totalausfall. Der Krypto-Analyst Michaël van de Poppe kontert scharf und bezeichnet die Aussage als „dumm“ – und stößt damit eine Debatte über Fundament, Zweck und Markterzählungen an. Während BTC zum Zeitpunkt der Meldung bei 59.355,06 US-Dollar notiert und innerhalb von 24 Stunden um 0,87% fällt, liefern die Diskussion um „Bitcoin-Obituaries“ und der Vergleich zu früheren Asset-Blasen zusätzlichen Zündstoff. Für Unternehmen stellt sich vor allem die Frage, wie man Krypto-Risiken, Compliance und Custody in eine belastbare Strategie übersetzt.

Grantham-Nullerwartung für Bitcoin trifft auf Kritik: Van de Poppe widerspricht
Grantham-Nullerwartung für Bitcoin trifft auf Kritik: Van de Poppe widerspricht (Foto: IT BOLTWISE)
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Jeremy Grantham, Mitbegründer der Investmentfirma GMO und in der Vergangenheit vor allem wegen seiner Bubble-Warnungen bekannt, hat in einem Podcast-Format erneut eine provokante Position bezogen: Bitcoin werde „bestimmt“ irgendwann auf null fallen, auch wenn es „lange dauern“ könne. Der Krypto-Analyst Michaël van de Poppe ging darauf am 29. Juni 2026 mit einer klaren Ansage ein. Er wertete Granthams Einschätzung als „ridiculous“ beziehungsweise „stupid“ und kritisierte, viele „große Männer“ würden die Grundlagen und den Zweck von Bitcoin nicht wirklich verstehen. In der Marktdebatte wirkt das wie ein Wiederaufflammen alter Muster: In früheren Phasen prallten Skepsis und Euphorie aufeinander – zuletzt etwa bei dot-com und im Nachgang der globalen Finanzkrise.

Technisch betrachtet bleibt die Kernfrage hinter solchen Statements oft dieselbe: Wofür steht ein Netzwerk wie Bitcoin, und welche Rolle spielen dessen Mechanismen im Wertversprechen? Bitcoin basiert auf einem dezentralen Konsensmodell und nutzt kryptografische Verfahren, um Transaktionen nachvollziehbar zu machen, ohne zentrale Instanz. Für Befürworter ist das weniger „Hoffnung“ als eine Kombination aus Knappheit (festes Emissionsverhalten) und Zensurresistenz. Kritiker verweisen dagegen auf die starken Preisfluktuationen und auf die beobachtbare Nutzung in kriminellen Geldflüssen. Granthams Argument zielt genau auf diesen Vorwurf: Er habe nie Kryptowährungen besessen und würde auch niemandem dazu raten. Van de Poppe versucht hingegen, die Debatte weg von Moralinseln („Kriminelle“) hin zu Nutzwert und Fundamentaldaten zu drehen.

Die Marktreaktion ist dabei nicht nur psychologischer Natur, sondern spiegelt auch konkrete Kursbewegungen wider. Zum Zeitpunkt der Meldung wurde Bitcoin mit 59.355,06 US-Dollar gehandelt und lag damit 0,87% unter dem Vortagesschnitt über 24 Stunden. Solche kurzfristigen Bewegungen sind allerdings zu träge, um allein die Narrative zu widerlegen oder zu bestätigen; sie liefern eher die Bühne, auf der Kommentatoren ihre Interpretationen platzieren. Hinzu kommt eine Art sozialer Beweis aus der Community: Eine Website namens Bitcoindeaths.com verzeichnet laut Input 475 „Bitcoin-Obituaries“, darunter auch von bekannten Skeptikern wie Nouriel Roubini und Peter Schiff sowie von einflussreichen Investoren wie Warren Buffett und Jamie Dimon. Das macht deutlich, wie schnell sich Meinungsstreit in wiederkehrende Zyklen aus Gewinner- und Verlierer-Erzählungen verwandeln kann.

Historisch ist die Vergleichslinie zwischen Granthams Stil und früheren Warnungen auffällig. Er gilt als Stratege, der große Asset-Blasen wie die dot-com-Mania der späten 1990er Jahre sowie die Wohnimmobilien- und Finanzkrise 2008 frühzeitig thematisierte. Genau deshalb trifft seine „Null“-Prognose viele Anleger emotional – selbst wenn sich Bitcoin technisch nicht 1:1 mit Aktien ohne Konsensmechanismus oder mit hypothekenlastigen Strukturen gleichsetzen lässt. Van de Poppe kontert nicht nur die Aussage, sondern auch das Framing: „Viele große alte Männer“ hätten „keine Ahnung“, was Bitcoin sei und „was es tut“. In solchen Auseinandersetzungen geht es oft um mehr als Bewertungen; es geht um die Frage, welche Daten als „Fundament“ gelten. Befürworter nehmen häufig die On-Chain-Strukturen, Angebot/Emission und das Sicherheitsmodell in den Blick, während Skeptiker eher Marktmissbrauch, Volatilität und regulatorische Hürden gewichten.

Aus Wettbewerbssicht lohnt auch der Blick auf Alternativen in der Krypto-Landschaft. Während Bitcoin oft als „digitales Gold“ positioniert wird, adressieren andere Netzwerke wie Ethereum andere Eigenschaften, etwa Smart-Contract-Funktionen und damit programmierbare Anwendungsfälle. Wenn Investoren den Nutzen von Krypto grundsätzlich infrage stellen, geraten nicht nur Wallets und Börsen in die Kritik, sondern auch die gesamte Infrastruktur: von Custody-Lösungen über Handelsabwicklung bis hin zu Risiko- und Compliance-Prozessen. In der Praxis betrifft das Unternehmen unmittelbar. Wer Krypto heute testet oder in Treasury-/Investment-Projekte einbindet, muss operational mit Risiken umgehen, beispielsweise mit Zugangskontrollen für private Keys, Sicherungsstrategien und Auditierbarkeit. Auf regulatorischer Ebene spielen aktuell Rahmen wie die EU-Regulierung MiCA sowie strengere Anforderungen an AML-Prüfungen und Transparenz eine wachsende Rolle, gerade wenn Unternehmen Custody- oder Zahlungsprozesse betreiben. Eine rein narrative Debatte hilft da wenig.

Für die Zukunft dürfte die Grantham-gegen-Van-de-Poppe-Dynamik vor allem eines verstärken: die Spaltung zwischen langfristiger Technologiegläubigkeit und kurzfristiger Risikoabwägung. Selbst wenn „null“ als Extremszenario selten als technisches Ergebnis begründet wird, wirkt es als Stresstest für Investmentthesen. Branchenexperten argumentieren häufig, dass nicht jede Krypto-These denselben Zeithorizont braucht: Der Wert kann sich über Jahre bilden, aber einzelne Marktereignisse können in Wochen Portfolios um Prozentpunkte drehen. Entscheidend wird sein, ob sich Unternehmen auf belastbare Kriterien einigen – etwa klare Risikolimits, nachvollziehbare Custody-Architekturen und ein Compliance-Design, das auch bei Kursvolatilität funktioniert. Für Entwickler entsteht daraus eine Chance: KI-gestützte Monitoring- und Anomalieerkennung kann dabei helfen, Transaktionsmuster früh zu bewerten, ohne allein auf Bauchgefühl oder PR zu setzen. Gleichzeitig wird der Markt weiter zwischen den „Obituaries“ und den nächsten Wachstumswellen pendeln, bis regulatorische Klarheit und technische Reife die Debatte messbarer machen.


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