LONDON (IT BOLTWISE) – Halliday bringt mit den Gen 2 Smart Glasses eine deutlich überarbeitete Display-Architektur auf den Markt. Statt des zuvor „wackeligen“ Display-Einsatzes setzt das Setup auf diskrete Waveguides und zwei getrennte Einzeldisplays pro Auge. Im Fokus steht außerdem KI-Unterstützung für Meetings, unter anderem mit Echtzeit-Updates zu Entscheidungen, To-dos und Gesprächsverläufen. Der Preis von 599 US-Dollar und mögliche Kosten für Sehstärke-Linsen bleiben jedoch eine Hürde für den breiten Einsatz.

Halliday hat seine Smart-Glasses-Strategie spürbar geändert: Aus dem eher experimentellen Ansatz der ersten Generation wird ein fokussiertes Werkzeug für Arbeitsmeetings. Der wichtigste technische Schritt ist dabei nicht das Marketing um „smarte“ Funktionen, sondern die Display-Umsetzung. Bei der Gen 1 war ein kleines, bewegliches Display-Element direkt im Rahmen integriert, das laut persönlicher Erfahrung im Messekontext schwer zu treffen und visuell anstrengend war. In der Gen 2 ist diese Lösung verschwunden: Stattdessen nutzt das System traditionellere, aber bewusst unauffällige Waveguides, die das Bild über eine einzelne Display-Fläche je Auge in den Blickkanal bringen.
Die Anzeige bleibt jedoch nicht nur „anders“, sondern auch messbar anders ausgelegt. Halliday positioniert die Gen 2 als monochrome Lösung mit grünem Farbschema und nennt 1.600 nits maximale Helligkeit sowie 600 mal 300 Pixel pro Auge. Das klingt nach klassischen Spezifikationen für Augmented- oder Smart-Display-Brillen, aber der entscheidende Punkt liegt in der Wahrnehmbarkeit im Alltag: In einem dunkleren Raum war die Anzeige laut Demo direkt sichtbar; bei direktem Sonnenlicht blieb die konkrete Performance vorerst offen. Dazu passt, dass die Wellenleiter zwar im richtigen Winkel Spiegelungen zeigen, aber deutlich leichter zu erkennen sind als bei Anzeigen, die so stark „verschluckt“ werden, dass Nutzer sie kaum wahrnehmen können.
Auch ergonomisch setzt Halliday auf einen anderen Charakter. Die Gen 2 wirkt auf dem Gesicht unscheinbar und ist im Vergleich zu anderen Display-Brillen, die bereits getestet wurden, auffallend leicht. Für die Interaktion wurde zudem das Mikrofon-Setup als zentraler Baustein priorisiert: Eine Vier-Mikrofon-Array-Konfiguration soll Sprachkommandos auch in Umgebungslautstärke erfassen. Halliday nennt dafür eine typische Nutzungsdauer von etwa 12 Stunden. Der Hintergrund ist dabei indirekt: Die Brille verzichtet bewusst auf eine Kamera. Das ist nicht nur ein Datenschutzargument, sondern vor allem ein Energie- und Rechen-Engineering-Entscheid, weil Bildverarbeitung typischerweise deutlich mehr Last erzeugt als reine Audioanalyse und lokale Sprachverarbeitung.
Auf Software-Ebene verschiebt sich damit die Wirkung von „Aufnahme“ zu „Kontext“. Mit „Meeting Flow“ will Halliday KI so einsetzen, dass Teilnehmende Diskussionen verfolgen können, ohne ständig Laptop oder Smartphone zu öffnen. Das Versprechen ist dabei nicht das neue „Gimmick“ einer Live-Übersetzung an sich, sondern die Reduktion von kognitiver Last: Fakten und Kontext sollen zur richtigen Zeit sichtbar werden. Neben allgemeineren KI-Funktionen nennt Halliday konkrete Meeting-Features, die sich an Entscheidungs- und Nachverfolgungslogik orientieren. Dazu zählen „Thread Tracker“ für die Rekonstruktion, wie ein Gespräch thematisch weitergeht; „Decision Confirmation“, um das Ende von Entscheidungen mitzuverfolgen; sowie „Commitment Check“, der Action Items samt Verantwortlichen und Deadline prüfbar machen soll.
Wie das praktisch aussehen könnte, wurde in einer kurzen Demo angedeutet, auch wenn ein Produktgespräch naturgemäß weniger „planungsähnliche“ Daten liefert als eine echte Projektbesprechung. Trotzdem lässt sich das Muster klar erkennen: Thread Tracker soll den Weg von Budgetthemen hin zu Punkten wie neuen Mitarbeitenden und Zeitplänen nachzeichnen. Decision Confirmation kann anschließend anzeigen, dass das Meeting zu einer konkreten Aussage über den Abschluss neuer Rollen bis zu einem Datum gekommen ist. Commitment Check wiederum adressiert den häufigsten Bruch zwischen Meeting und Umsetzung: Wann wurde welche Aufgabe wem zugewiesen, und bis wann? Dazu kommen post-meeting Transkripte und Zusammenfassungen, die das eigentliche Wissensobjekt aus dem Gespräch extrahieren sollen.
Für breitere Nutzung ergänzt Halliday das Meeting-Fokus-Set um Funktionen, die den Alltag vieler Nutzer treffen: Unter anderem Captions, Echtzeit-Übersetzungen für mehr als 45 Sprachen, Telefonanrufe sowie teleprompterartige Notizunterstützung für Sprecher. Zusätzlich kann die Halliday-eigene KI per Spracheingabe gesteuert werden. Genau hier liegt aber auch das Risiko, das bei KI-Wearables immer wieder auftaucht: Die Technologie kann hervorragend transkribieren, zusammenfassen oder übersetzen, doch die eigentliche Wertschöpfung hängt daran, ob sie die richtigen Schwerpunkte erkennt und zu den richtigen Schlussfolgerungen führt. In früheren Tests solcher Systeme wurde zwar beobachtet, dass die „Intuition“ für das, was eine Person in einem Gespräch wirklich benötigt, oft hinter den Erwartungen zurückbleibt. Halliday positioniert die Gen 2 zwar klar als Meeting-Werkzeug; am Ende wird sich entscheiden, ob Meeting Flow in echten Organisationen verlässlich liefert oder nur hübsche Automatisierung darstellt.
Preislich setzt Halliday ebenfalls eine klare Grenze: 599 US-Dollar für die Gen 2, mit einem Vorbestell-Mechanismus ab dem Auslieferungszeitraum „ab heute“ über eine Anzahlung von 10 US-Dollar und anschließendem Rabatt von 100 US-Dollar auf den Endpreis. Die Auslieferung soll im September beginnen. Für viele Unternehmen und Vielnutzer ist das Gerät damit kein „zweites Gimmick“, sondern eine Anschaffung, die in Pilotbudgets passen müsste. Private Endkunden müssen zusätzlich die Kosten für Korrekturlinsen einplanen; Halliday behauptet zwar Unterstützung für die individuelle Sehstärke, in der Demo wurden -10 und -8,75 in den beiden Augen mit starkem Astigmatismus erwähnt. In der Praxis bleibt damit offen, wie gut die Optik nach dem Kalibrierprozess zur Anzeige passt und ob sich die vermeintlich leichte Bauform weiterhin angenehm anfühlt. Wenn Meeting Flow hier solide Ergebnisse liefert, kann die Kamera-Vermeidung sogar als Vorteil wirken, weil sie Nutzerverhalten weniger „überwacht“ und die Brille stärker auf Aufmerksamkeit statt Datenerhebung ausrichtet. Wenn nicht, bleibt die Gen 2 trotz besserer Displays ein weiteres KI-Device, dessen Nutzen stark vom konkreten Use Case abhängt.
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