BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Hannah Mann veröffentlicht mit „Zeppelin und Karpfen“ ihren ersten Roman. Das Buch verknüpft drei Generationen von Frauen mit einer Spurensuche, die im Berlin der 1980er und bis an den Bodensee reicht. Im Zentrum steht die Frage, was ein berühmter Familienname mit dem eigenen Schreiben macht. Neben der Familiengeschichte arbeitet der Roman auch an der Entzauberung des Mythos, der im Kopf der Leser sofort anspringt.

Hannah Mann: „Zeppelin und Karpfen“ zeigt den Druck des berühmten Namens
Hannah Mann: „Zeppelin und Karpfen“ zeigt den Druck des berühmten Namens (Foto: IT BOLTWISE)
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Wer sich dem neuen Roman „Zeppelin und Karpfen“ von Hannah Mann nähert, wird nicht nur in eine Familienchronik gezogen, sondern in ein konkretes Gedankenlabyrinth: den Druck eines Namens. Hannah Mann, in Berlin geboren, macht diesen Konflikt bereits biografisch sichtbar. Sie beschreibt das Verhältnis zu ihrem berühmten Urgroßvater Heinrich Mann als etwas, das Ruhm und Zweifel eng verzahnt: „Sein Ruhm, meine Zweifel. Aneinander gekettet wie zwei Sträflinge unterschiedlicher Körpergröße“. Gleichzeitig setzt sie einen zentralen Maßstab dagegen: „Eine Arztpraxis kann man übernehmen, einen Mythos nicht. Man kann ihn aber auch nicht ablegen. Das ist das Problem.“ Der Roman greift genau dort an, wo solche Sätze in den Alltag hineinwirken: beim Versuch, als Autorin eine eigene Form von Zugriff zu finden, ohne dem Erwartungsapparat auszuweichen.

Inhaltlich setzt Hannah Mann auf eine Rahmenhandlung, die mit dem Verschwinden einer Großmutter beginnt und über mehrere Schauplätze hinweg Ermittlungsdrama erzeugt. Drei Frauen aus drei Generationen stehen im Mittelpunkt: Großmutter Nina, ihre Tochter Suzanna und das Enkelkind Daria. Nina sitzt tagaus, tagein kettenrauchend im Pelzmantel im ungeheizten Gewächshaus. Schon diese Gegenüberstellung – luxuriöse Vorstadt-Villa als erreichter Status, ungeheiztes Gewächshaus als Zuhause – zeigt, wie fremd Selbstbild und Realität nebeneinander stehen können. Suzanna arbeitet als Fotografin und ist mit einem eher mittelmäßig erfolgreichen Maler verheiratet; bei Daria wiederum dominiert ein Zahltick und ein Glaube an Ufos. Als Nina verschwindet, verwandelt sich die familiäre Nähe in eine Schnitzeljagd: Ein schrottreifer VW-Käfer mit Hippie-Bemalung trägt die Spur durch die DDR bis an den Bodensee.

Technisch betrachtet ist das Buch dabei weniger „Krimi“ als vielmehr ein Inszenierungsmodell für Erinnerung: Eine einzige bildliche Evidenz wird zum Trigger, der weitere Annahmen freisetzt. Am Bodensee gibt es ein Zeppelin-Museum, und dort findet sich das einzige Indiz zur Großmutter: Ein Foto aus den 1930er Jahren zeigt Nina vor einem Luftschiff. Wer der Junge ist, der auf dem Bild neben ihr steht, wird zur Frage, die den Weg nach Russland öffnet. So entsteht eine Dramaturgie aus Blicken und Blickfolgen. Die Leserinnen und Leser erfahren nicht einfach „die Lösung“, sondern erleben die Mechanik, wie Familiengeschichten Lücken füllen, wie aus einzelnen Objekten Biografien rekonstruiert werden und wie gerade das Unvollständige Spannung erzeugt. Für Unternehmen und Medienhäuser, die heute über Markenwirkung nachdenken, ist das ein bemerkenswertes Beispiel: Der Roman führt vor, wie stark Narrative auf Basis weniger Signale eine Erwartungskette auslösen.

Hinter der Handlung steht zudem eine doppelte Herkunftsgeschichte, die Hannah Mann selbst als Realitätsanker beschreibt. Die Familie im Roman wurde gegen ihren Willen aus Polen ausgewiesen und lebt nun in West-Berlin. Auch in der Biografie der Autorin spiegeln sich solche Wege: Ihre Eltern verließen Warschau und Prag 1968 und zogen nach Berlin, wo sie aufwuchs. Die Zeitdimension ist bewusst gewählt. Der Roman spielt in den 1980er Jahren, einer Phase, in der in West- und Ostdeutschland vieles gleichzeitig in Bewegung war: Lebensentwürfe, kulturelle Identitäten, Alltagslogistik. Im Buch wirkt diese Epoche nicht als Kulisse, sondern als Atmosphärenverstärker für das Gefühl, dass Herkunft nicht nur Vergangenheit ist, sondern die Gegenwart strukturiert. Darin liegt auch die Verbindung zur Eingangsfrage nach dem „berühmten Namen“: Der Mythos ist nicht nur ein literarisches Problem, sondern wird als sozialer Druck greifbar.

Dass Hannah Mann nun überhaupt schreibt, war lange nicht klar, und auch das ist eine wichtige Lesespur. In einem Essay von 2021 schildert sie, wie sie über Jahre brauchte, bis sie sich eingestand, dass sie eigentlich nur schreiben wolle. Der Name habe nicht geholfen, sondern eher gebremst: „Es dauerte Jahre, bis ich mir eingestand, dass ich eigentlich nur schreiben will“. Zugleich benennt sie den Charakter der Hürde ziemlich präzise: Man erwartet in Schriftstellerfamilien etwas „Besonderes“, aber der Weg dorthin fühlt sich schnell wie ein Nachweiszwang an. Auch ihr Vater, der Filmregisseur Jindrich Mann, habe ihr abgeraten – nicht mit Geringschätzung, sondern mit einer Art pragmatischem Blick auf Karriere: „Du willst doch mit dem Namen Mann nicht hausieren gehen, oder? Besser wäre ein ordentlicher Beruf.“ Der Roman wirkt deshalb nicht wie ein Racheakt gegen Biografie, sondern wie ein Versuch, die eigene Wahl wieder lesbar zu machen.

Dass „Zeppelin und Karpfen“ beim Lesen genau diese Erwartungshaltung nicht vollständig einlöst, formuliert eine selbstkritische Perspektive, die aus dem Buch und aus der Rezeption heraus verständlich wird. Wer die Familie der „Manns“ im Kopf trägt, sucht einen besonderen Glanz, findet ihn aber nicht automatisch. Stattdessen bleibt viel beim kleinteiligen Protokollieren, das die Figuren zwar sichtbar macht, aber nicht zwingend emotional näher führt. Vor allem das Ende hinterlässt demnach einen unbefriedigten Nachhall. Solche Urteile sind für Literaturverlage und Feuilletons nicht nur Diskussionsstoff, sondern ein Indikator für ein grundsätzliches Phänomen: Familiendynastien erhöhen nicht nur die Bekanntheit, sie verschieben auch die Maßstäbe. Dass sich das bei Nachkommen berühmter Schriftstellerinnen und Schriftsteller besonders bemerkbar machen kann, lässt sich auch an weiteren Konstellationen erkennen, die in der Literaturgeschichte wiederholt auftauchen.

Ein weiterer, entscheidender Baustein in Hannah Manns Selbsterzählung ist die Lesehaltung zu Heinrich und Thomas Mann. Sie gesteht, sie habe nie ein Buch von Heinrich oder Thomas Mann gelesen. Und sie beschreibt die Wirkung recht drastisch: „Immer wenn ich es versuchte, verlor ich mich in den langen Sätzen, und es überfiel mich eine lähmende Trägheit. Ihre Bücher sind mein ganz persönliches Kryptonit.“ Das erklärt, warum der Roman nicht wie eine Fortsetzung im Schatten wirkt. Wer das „Kryptonit“ kennt, nimmt anders wahr, wie Nina, Suzanna und Daria ihre eigenen Regeln bauen, um sich nicht in fremder Sprache aufzulösen. Damit wird der Mythos weniger zu einem literarischen Erbe als zu einem physischen Widerstand. Und der Roman beantwortet die Problemformel nicht mit einem endgültigen Sieg, sondern mit einer Suche, die den Namen zwar nicht ablegt, aber in eine neue Erzählbewegung überführt.


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