LONDON (IT BOLTWISE) – Helsing und Hensoldt bauen ihre Zusammenarbeit am autonomen Kampfflugzeug CA-1 Europa aus. Im Fokus steht die Integration eines passiven Flugkörperwarnsystems namens CAIRAS sowie eine Escort Support Jammer-Variante für die elektronische Kampfführung. Dadurch soll die Maschine trotz fehlender manueller Pilot-Einordnung autonomer auf Bedrohungen reagieren können. Gleichzeitig berichten beide Unternehmen über messbare Fortschritte in der Fertigung des Flugzeugs.

Helsing und Hensoldt treiben die Umsetzung ihres autonomen Kampfflugzeugs CA-1 Europa weiter voran – und zwar nicht nur auf der Ebene der allgemeinen Systemintegration, sondern mit konkreten Bausteinen für Überleben im Einsatz. Laut einer aktuellen Abstimmung wurde das Memorandum of Understanding ausgeweitet, nachdem bereits im Februar eine strategische Partnerschaft vereinbart worden war. Die Meldung macht damit deutlich, dass sich die Kooperation in Richtung enger Verzahnung von Sensorik, elektronischer Kampfführung und Schutzsuite bewegt. Für die Industrie ist das relevant, weil genau diese Kombination aus passiver Detektion und darauf aufbauender autonomer Gegenmaßnahmekette in der Praxis oft den größten Engineering- und Validierungsaufwand verursacht.
Technisch betrachtet erhält die CA-1 Europa nach Angaben von Helsing zusätzliche Sensor- und Schutzfunktionen aus dem Hause Hensoldt: Das neue Flugkörperwarnsystem CAIRAS (Compact Infrared Reconnaissance and Alert System) soll in die Drohne integriert werden. CAIRAS basiert auf passiver Infrarot-Erkennung und soll die Selbstschutzfähigkeit des unbemannten Systems stärken, insbesondere gegen Bedrohungen wie Raketen- oder Flugkörperbeschuss. Entscheidend ist dabei nicht nur die Fähigkeit, ein Ereignis überhaupt zu erkennen, sondern die Qualität der Signale in einem Umfeld, in dem autonome Systeme keine „gefühlte“ Lagebeurteilung durch einen Piloten haben. Laut Hensoldt entsteht der Vorteil unter anderem durch eine Zwei-Farben-Infrarot-Technologie im Raketenwarnsystem, die das Warnleistungsniveau gegenüber konventionellen Ansätzen erhöhen und zugleich die Falschalarmrate minimieren soll.
Die Architektur hinter CAIRAS setzt dabei auf eine zentrale Recheneinheit mit bis zu sieben Infrarotsensoren der neuesten Generation. Hensoldt beschreibt die Zielsetzung als möglichst hohe Detektionswahrscheinlichkeit bei großen Erfassungsreichweiten, ergänzt um eine 360°-Abdeckung sowie Echtzeit-Panoramabilder im Infrarotspektrum. Diese Kombination ist für die Integration in eine autonome Schutzkette besonders wichtig: Ein System, das nur punktuell warnt, kann zwar einen Alarm auslösen, aber es liefert dann oft zu wenig Kontext, um unmittelbar die passende Gegenmaßnahme abzuleiten. Wenn stattdessen eine rundum gerichtete Wahrnehmung und kontinuierliche Panorama-Ausgabe verfügbar sind, können Softwaremodule zur Datenfusion und Entscheidungslogik deutlich zuverlässiger arbeiten. Hensoldt nennt als weitere Aufgaben die Detektion und Lokalisierung feindlichen Beschusses – also zwei Schritte, die in der Praxis zusammengehören, weil „gesehen“ nicht automatisch „richtig eingeordnet“ bedeutet.
Parallel zur passiven Warnkomponente erweitert Hensoldt die CA-1 Europa auch um elektronische Angriffs- und Schutzfähigkeiten: Helsing verweist auf die auf der ILA vorgestellte „CA-1 Electronic Attack“, die als Escort Jammer-Variante beschrieben wird. Konkret soll diese Variante mit einem Escort Support Jammer von Hensoldt ausgestattet werden. Der Begriff „Escort Support“ steht dabei typischerweise für Unterstützung von Prozessen, die Angriffs- und Bedrohungsbahnen begleiten, während das System Signale auswertet und die Störwirkung in Echtzeit anpasst. Für Unternehmen, die solche Funktionen in bestehende Missions- oder Schutzsoftware einbetten, verschiebt sich damit der Schwerpunkt von reiner Hardware-Verfügbarkeit hin zu Schnittstellen: Welche Datenformate liefert die Sensorik, wie werden Störzustände modelliert, und wie synchronisiert man beides innerhalb der Echtzeit-Pipeline der Flugsteuerung?
Auf Software- und Systemebene ordnet Hensoldt CAIRAS in die Selbstschutz-Suite AMPS-MR (Airborne Missile Protection System) ein. Dort werden der Flugkörperwarner CAIRAS („M“) mit einem Radarwarner Kalӓzron („R“) sowie einem Dispenser-System zur Ausbringung von Täuschkörpern kombiniert. Laut Mittelung handelt es sich dabei um den ersten Einsatz von AMPS auf einem unbemannten Luftfahrzeug. Gerade diese Aussage unterstreicht die Umstellungsarbeit: Bei bemannten Systemen lassen sich Zustände und Entscheidungsfolgen oft stärker durch manuelle Eingriffe oder etablierte Betriebsmodi absichern, während bei unbemannten Plattformen ein konsistentes Zusammenspiel aus Sensorfusion, Bedrohungserkennung und Gegenmaßnahme zwingend in die Systemlogik integriert sein muss. Hensoldt betont zudem die Einbettung in die eigene Software-Suite MDOcore, in die die CAIRAS-Daten einfließen sollen.
Ein zentraler Punkt der Meldung ist die Begründung für die passive Arbeitsweise von CAIRAS im Kontext unbemannter Operationen. Hensoldt argumentiert, dass an Bord kein Pilot die Bedrohungslage manuell einordnen kann; deshalb braucht die Plattform maschinell auswertbare, verlässliche Sensordaten, die autonom reagieren lassen und gleichzeitig durch eine geringe Falschalarmrate den „Autonomie-Overhead“ reduzieren. Daraus folgt eine engineering-nahe Konsequenz: Die Validierung darf sich nicht auf Laborbedingungen beschränken, sondern muss auch die typischen Fehlalarmszenarien adressieren, etwa durch unterschiedliche Hintergründe, Meteorologie und variierende Bedrohungsprofile. Gleichzeitig hebt Hensoldt den Vorteil hervor, dass die eigene Position durch aktive Emissionen nicht preisgegeben werden soll – was in der Systemplanung meist bedeutet, dass passive und aktive Komponenten so koordiniert werden, dass nur dann emittiert wird, wenn es wirklich notwendig ist.
Neben der Sensorik und der elektronischen Kampfführung liefert Helsing auch einen Status zur Fertigung der CA-1 Europa. Dem Unternehmen zufolge befindet sich das Vorhaben „voll im Plan“: Die Fertigung des V-Tail Leitwerks sei vollständig abgeschlossen, die Hauptkomponenten der Flügel – einschließlich Ober- und Unterschale – seien gefertigt und würden im nächsten Schritt zum Flügel zusammengesetzt. Auch die Rumpfformen seien vollständig fertiggestellt, sodass in Kürze die Laminierung erfolgen soll. Zudem sei das Preliminary Design Review (PDR) für das Fly-by-Wire-System erfolgreich abgeschlossen. Solche Meilensteine sind für die Projektplanung entscheidend, weil Schutzsuite, Electronic Attack und Flugregelung nicht unabhängig voneinander getestet werden können: Erst wenn die Luftfahrtschnittstellen stabil sind, lässt sich die gewünschte Schutzfunktionalität in Flugversuchen zuverlässig nachstellen. Damit verlagert sich der nächste Engpass typischerweise von der Konstruktion in die System- und Softwareintegration – also in den Bereich, in dem Sensorfusion, Gegenmaßnahmelogik und Flugsteuerungsdaten sauber zusammengeführt werden müssen.
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