ESSEN / LONDON (IT BOLTWISE) – Ein Hochschulwettbewerb hat 23 Konzepte für das ZPL-Gebäude R12 am Campus Essen der Universität Duisburg-Essen prämiert. Studierende aus acht Hochschulen sollten den Bestand in flexible Lern- und Arbeitsumgebungen übersetzen und dabei Nutzerorientierung, Nachhaltigkeit und Umsetzbarkeit zusammenbringen. Die ausgezeichneten Entwürfe reichen von mobilen Wänden und modularer Möblierung bis zu Lernmodellen in kombinierbaren Systembausteinen. Damit wird die Frage greifbar, wie man serielle Hochschularchitektur für moderne Lernpraxis weiterentwickelt, ohne den Bestand zu entkernen.

Wer Hochschulgebäude baut, denkt häufig in festen Nutzungslogiken: Vorlesungen, Seminare, Verwaltungswege. Der Hochschulwettbewerb „New Learning Spaces“ dreht den Blick genau auf diesen Zwang zur Stetigkeit und nimmt ihn als konstruktive Herausforderung. Als konkrete Entwurfsaufgabe diente das ZPL-Gebäude R12 am Campus Essen der Universität Duisburg-Essen. Gerade weil die serielle und modulare Struktur des Hochschulbaus historisch auf Wiederholung ausgelegt ist, eignet sie sich besonders für die Implementierung neuer Nutzungskonzepte: Statt die Architektur als Kulisse für Lehrformate zu behandeln, wird sie zum „Werkzeugkasten“ für Lern- und Arbeitsprozesse.
Im Kern ging es um Transformation, nicht um Abrissromantik. Der Wettbewerb richtete sich an Studierende der Architektur und Innenarchitektur und verlangte, die vorhandenen Qualitäten des ZPL-Bestands zu identifizieren und mit modernen Formen des Lernens, Arbeitens und Austauschs zu verbinden. Die Jury bewertete dabei mehrere Dimensionen parallel: Kreativität und Innovationskraft, aber eben auch Funktionalität, Nutzerorientierung, architektonische und innenarchitektonische Qualität sowie Nachhaltigkeit. Entscheidend war zudem, ob die Einreichungen die „New Learning“-Prinzipien nachvollziehbar auf den Campuskontext übertragen konnten. Damit wird ein Maßstab sichtbar, der in vielen Wettbewerben oft getrennt wird: Entwurfsidee und Betriebseignung werden hier nicht gegeneinander ausgespielt.
Die Bandbreite der prämierten Konzepte zeigt, wie unterschiedlich man modulare Strukturen für flexible Lernrealitäten interpretieren kann. Den ersten Preis erhielt Jan Poggel von der Hochschule Düsseldorf, Peter Behrens School of Arts (PBSA), für „Bildungswerkstatt – Lern- und Arbeitswelten für den ZPL-Bestand“. Sein Ansatz knüpft direkt an die modulare Gebäudestruktur an und entwickelt sie über mobile Wände, modulare Möblierung und eine zentrale „Toolbox“ weiter. Technisch und organisatorisch ist das mehr als ein Raumlayout: Nutzer sollen Räume situationsgerecht bilden, verändern und neu aneignen können. Die Jury hob dabei ausdrücklich das Zusammenspiel aus konzeptioneller Klarheit, innenarchitektonischer Qualität, realistischer Umsetzbarkeit und Übertragbarkeit auf vergleichbare ZPL-Bauten hervor. Solche Übertragbarkeit ist in der Immobilienpraxis meist der Unterschied zwischen „guter Idee“ und „tauglichem Sanierungspfad“.
Auch der zweite Preis setzt auf Struktur, aber auf eine andere Logik der Lernorganisation. Jule Merkelbach von der Hochschule Coburg, Fakultät Design, erhielt den Preis für „Learning in Pieces“. Ihr Entwurf basiert auf vier Lernzuständen – Interaktion, Exploration, Stabilisation und Reflexion – und übersetzt diese in ein räumliches System aus kombinierbaren Modulen. Das System reicht vom individuellen Arbeitsplatz über Workshop- und Begegnungsräume bis hin zu Makerspaces und Rückzugsorten. Damit werden Lernformen nicht nur nebeneinander gestellt, sondern als wechselnde Zustände gedacht, die sich im Tages- oder Projektverlauf abbilden lassen. Der dritte Preis ging an Franziska Pfeuffer, ebenfalls Hochschule Coburg, für „Begegnung ist die beste Lehre!“. Hier verschiebt sich der Fokus von der Modulfunktion hin zur Geometrie sozialer Räume: Verkehrs- und Zwischenräume werden zu aktiven Orten für Austausch, Bewegung, Aufenthalt und gemeinsames Arbeiten umgewandelt. Besonders interessant ist daran die konsequente Nutzung der Alltagsflächen als Lerninfrastruktur – ein Ansatz, der in Bestandsbauten oft schneller als eine Komplettsanierung greifen kann, weil er weniger Eingriffstiefe verlangt.
Die weiteren Auszeichnungen unterstreichen zusätzlich, dass Nachhaltigkeit und „New Learning“ nicht nur durch Materialwahl, sondern auch durch räumliche Vernetzung und Kreislauffähigkeit zusammenkommen. Eine Anerkennung ging an Antonia Stuhm und Clara Stöcker von der Bauhaus-Universität Weimar für „Re: Form R12 – Eine lernfähige Struktur“. Dieser Entwurf versteht den Bestand als Ausgangsmaterial: Er setzt auf die Weiterentwicklung des Bestands, die Wiederverwendung vorhandener Bauteile sowie eine stärkere räumliche Vernetzung der Geschosse. So entsteht eine direkte Klammer zwischen Kreislauffähigkeit und ressourcenbewusstem Bauen – und damit zwischen dem, was häufig getrennt geplant wird: Architekturentwicklung und Betriebskonzept. Solche Verknüpfungen sind gerade bei seriellen Hochschulgebäuden relevant, weil Umbauoptionen typischerweise an Schnittstellen hängen, etwa an Erschließung, Tragstruktur und Ausbaugrenzen.
Dass der Wettbewerb nicht im luftleeren Raum stattfand, sondern durch Partner aus Bau- und Immobilienrealität unterstützt wurde, macht die praktische Ausrichtung deutlich. Ausgerichtet wurde der Wettbewerb von bkp in Kooperation mit dem Bau- und Liegenschaftsbetrieb NRW, der Lindner Group und der Universität Duisburg-Essen. In den begleitenden Stellungnahmen wurde wiederholt herausgestellt, dass der Wettbewerb Theorie und Praxis zusammenführt und neue Perspektiven auf aktuelle Fragestellungen eröffnet. Heiner Kolde, Geschäftsführer von bkp, betonte die Vielfalt der Beiträge zum Thema „New Learning Spaces“ sowie das Engagement der Studierenden bei der Auseinandersetzung mit zukünftigen Lern- und Arbeitswelten. Aus Sicht der Lindner Group hob Matthias Quinkert hervor, dass Lernen ein kontinuierlicher Teil der Unternehmenskultur sein sollte, der Neugier, Austausch und das Hinterfragen des Status quo umfasst. Till Neschen, Duisburger Niederlassungsleiter des Bau- und Liegenschaftsbetrieb NRW, ergänzte, dass die Konzepte wertvolle Impulse für die künftige Entwicklung der ZPL-Gebäude liefern und zeigen, wie bestehende Qualitäten in flexible Lern- und Arbeitswelten weitergedacht werden können.
Für die Immobilienentwicklung liegt der Nutzen vor allem in der Art, wie die Entwürfe „Entscheidungsgrundlagen“ liefern. Bestandsgebäude wie R12 haben meist ein festes Raster, klare Leitungs- und Erschließungsbedingungen und zugleich Potenziale durch modulare Flächen. Genau dort können flexible Nutzungen ansetzen: durch verschiebbare Trennwände, standardisierte Möblierung, wiederverwendbare Elemente und eine räumliche Dramaturgie, die Wechsel zwischen Fokus, Kollaboration und Rückzug ermöglicht. Für Betreiber und Bauverantwortliche sind solche Muster besonders hilfreich, weil sie die Sanierung auf den Bereich „aktivierbarer Funktionen“ fokussieren und damit die Hürde für Pilotprojekte senken. Der Wettbewerb zeigt damit auch, wie man die typische Kluft zwischen Entwurfsstudium und späterer Baupraxis überbrückt: Nicht nur das „Wie sieht es aus?“ zählt, sondern das „Wie lässt es sich im laufenden Betrieb abbilden?“ – und genau daran entscheidet sich die Skalierung im Portfolio.
Auf einer übergeordneten Ebene spiegelt die Ausschreibung einen Trend wider, der sich in vielen Campus- und Büroimmobilien abzeichnet: Lern- und Arbeitsumgebungen werden zu dynamischen Systemen, die Nutzungswechsel unterstützen müssen. Dabei geht es weniger um einzelne Räume als um die Fähigkeit, Räume über Zeit anzupassen, ohne jedes Mal neue Grundrisse zu erfinden. Die ausgezeichneten Konzepte liefern dafür unterschiedliche Bedienoberflächen – von der mobilen Trennwandlogik über kombinierbare Module bis zur Umwandlung von Zwischenräumen in Aufenthaltsqualität. Wenn solche Ansätze künftig stärker in Standardisierungen, Sanierungsfahrpläne und Ausschreibungsunterlagen einfließen, dürfte sich die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass „New Learning“ nicht nur als Vision präsentiert wird, sondern als messbar nutzbare Architektur im Bestand ankommt.
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