LONDON / LONDON (IT BOLTWISE) – Ein neuer Bericht von Human Rights Watch beschreibt, dass ein Sicherheitsunternehmen aus Abu Dhabi hunderte kolumbianische private Militärkräfte über Militärstandorte in den Vereinigten Arabischen Emiraten nach Sudan geschleust und damit die Rapid Support Forces unterstützt haben soll. Besonders brisant ist der Vorwurf, dass unter den RSF-Rekrutierten auch Kinder eingesetzt worden seien. Die Rechteorganisation fordert die internationale Gemeinschaft, einschließlich der EU, zu Druckmaßnahmen gegen mögliche Rüstungs- und Militärkooperationen der UAE auf.

HRW-Report belastet die UAE mit Rekrutierung von Kolumbianern für den RSF in Sudan
HRW-Report belastet die UAE mit Rekrutierung von Kolumbianern für den RSF in Sudan (Foto: IT BOLTWISE)
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Die Lage im Sudan bleibt nach drei Jahren Bürgerkrieg nicht nur humanitär, sondern auch rechtlich hoch umstritten. In diesem Umfeld hat eine Menschenrechtsorganisation erneut Vorwürfe gegen die Rolle externer Akteure erhoben: Laut Human Rights Watch soll eine in den Vereinigten Arabischen Emiraten (UAE) ansässige Sicherheitsfirma hunderte kolumbianische private Militärdienstleister angeworben und über UAE-Standorte nach Sudan verlegt haben, um die Rapid Support Forces (RSF) zu unterstützen. Die RSF werden seit langem mit schweren Menschenrechtsverletzungen in Verbindung gebracht, was die Vorwürfe in den Bereich von Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit rückt.

Im Kern geht es dabei um eine Mechanik, die in vielen Konflikten der letzten Jahre ähnlich beobachtet wurde: militärische Unterstützung läuft nicht immer über offiziell deklarierte Truppen, sondern über vertraglich eingebundene Akteure, Logistik und Rekrutierung. Human Rights Watch benennt als Ausgangspunkt seit 2024 einen Sicherheitsdienstleister mit Sitz in Abu Dhabi, Global Security Services Group (GSSP), der demnach Hunderte kolumbianischer Kontraktoren gewonnen haben soll. Entscheidend ist außerdem der Transithintergrund: Die Rekrutierten sollen über ein Militärbasis-Gebiet in Ghiyathi und über eine Militäranlage in Al Wathba in die Einsatzzone gebracht worden sein, bevor sie ihre Aufgaben in Sudan übernehmen.

Technisch betrachtet erinnert dieses Vorgehen an eine „Lieferkette“ für Gewalt, bei der Rekrutierung, Training, Transport und Einsatz als getrennte Prozessschritte organisiert werden können. Ein Beispiel aus dem Bericht: Ein interviewter kolumbianischer Auftragnehmer habe RSF-Rekruten an seinem Hauptstandort in South Darfur trainiert, wobei er laut HRW auch das Auftreten von Kindern unter den Rekrutierten beschrieben habe. Damit entsteht ein doppeltes Risiko, das über die reine Sicherheitslage hinausgeht: Zum einen werden operative Fähigkeiten durch ausgebildetes Personal gestärkt, zum anderen verschärft sich die rechtliche Bewertung durch den Einsatz Minderjähriger im aktiven Konflikt. Die Genfer Konvention verbietet die Rekrutierung und Nutzung von Kindern unter 15 Jahren im bewaffneten Konflikt.

Auch auf der internationalen Ebene ist der Fall nicht isoliert. Der UN-Generalsekretär soll dem Bericht zufolge 16 Fälle der Kinderrekrutierung durch die RSF verifiziert haben. Gleichzeitig verweist HRW darauf, dass die UAE-Behörden und GSSP auf die Vorwürfe bislang nicht reagiert hätten. Die UAE wiederum weisen militärische Unterstützung für Konfliktparteien in Sudan seit Jahren zurück und betonen, keine entsprechende Unterstützung zu leisten. Dieser Widerspruch wird dadurch verschärft, dass Staaten häufig auf formale Kategorien setzen („keine Truppen“, „nur Beratung“ oder „keine Lieferung“), während Menschenrechtsorganisationen stärker auf den tatsächlichen Wirkungspfad abstellen: Wer Rekrutierung, Training und Logistik ermöglicht, beeinflusst die Kampffähigkeit eines Akteurs.

Gerade hier lohnt ein Blick auf frühere Muster privater Militärunternehmen. Historisch sind in mehreren Konfliktregionen private Militärdienstleister als Schattenelement staatlicher oder nichtstaatlicher Politik aufgetreten; häufig wurden sie als „Contractors“ beschrieben, während der Streit um Verantwortung und Rechtsdurchsetzung sich über Jahre zog. In der öffentlichen Debatte dienen diese Fälle oft als Vergleichsfolie, um zu erklären, warum Ermittlungen nicht bei der abstrakten Frage „gibt es einen Vertrag?“ stehen bleiben dürfen, sondern bei Nachweisen zu Rekrutierung, Transportwegen, Ausbildungseinrichtungen und Befehlsketten. Human Rights Watch formuliert daher auch eine Forderung an die internationalen Partner: Länder dürften die pauschalen Dementis der UAE nicht als Platzhalter für Fakten akzeptieren.

Aus markt- und industriepolitischer Sicht geht es dabei nicht nur um Geopolitik, sondern um Compliance-Risiken in der Rüstungs- und Sicherheitsökonomie. Wenn Sicherheitskooperationen und Arms-Transfers nicht ausreichend kontrolliert werden, entsteht eine Art „Regulierungsarbitrage“: Akteure suchen sich Jurisdiktionen und Transitwege, in denen Haftungsfragen schwerer zu klären sind oder Zuständigkeiten aus formalen Gründen scheitern. Die EU steht in diesem Kontext besonders im Fokus, weil sie über Exportkontrollen, Sanktionsregime und Kriterien zur Beachtung des humanitären Völkerrechts Einfluss nehmen kann. HRW fordert ausdrücklich, die UAE unter Druck zu setzen, die Unterstützung für die RSF zu beenden, unter anderem durch die Aussetzung militärischer Zusammenarbeit und den Stopp von Rüstungslieferungen.

Rechtlich zeigt sich die Lage zudem an einem zweiten Frontverlauf: Sudan habe die UAE zuvor vor dem Internationalen Gerichtshof (IGH) wegen mutmaßlicher Beihilfe zu Handlungen der RSF in Darfur angegangen. Der IGH habe die Zuständigkeit jedoch abgelehnt, weil die UAE bei der Unterzeichnung der Genozid-Konvention eine entsprechende Zuständigkeitsklausel reserviert habe. Für das Verständnis des Gesamtbilds ist das wesentlich: Selbst wenn die Vorwürfe schwerwiegend sind, können prozessuale Hürden die Durchsetzung internationaler Ansprüche verlangsamen. Umso wichtiger werden daher andere Ebenen, etwa nationale Ermittlungen, befristete Kooperationen, Dokumentationspflichten und gegebenenfalls gezielte Sanktionen.

Der humanitäre Kontext liefert dabei die zeitkritische Klammer. Der Konflikt im Sudan wird weiterhin als eine der größten humanitären Krisen weltweit beschrieben, mit massenhaften Tötungen und einer dramatisch hohen Zahl an Menschen, die dringend Unterstützung benötigen. Laut UN-Warnungen sollen rund 34 Millionen Menschen auf akute humanitäre Hilfe angewiesen sein. In solchen Situationen wird die Debatte um „private“ Akteure schnell zur Frage, ob Behörden und internationale Organisationen schnell genug intervenieren, um weitere Eskalation zu verhindern. HRW argumentiert in diesem Sinne nicht nur moralisch, sondern operational: Werden Rekrutierung und Training fortgesetzt, steigt unmittelbar die Fähigkeit einer bewaffneten Gruppe zu Gewalt.

Für Unternehmen, Forschungsinstitute und Sicherheits- oder Logistikdienstleister ergibt sich daraus eine klare Implikation: Sicherheits- und Compliance-Teams müssen die Kette der Verantwortung breiter betrachten als nur direkte Rüstungslieferungen. In der Praxis heißt das, dass „Know your counterpart“ für Geschäftspartner, „Know your channel“ für Transit- und Lieferwege sowie belastbare Prozesse zur Einordnung bewaffneter Konfliktkontexte notwendig werden. Auch wenn es im Alltag oft um operative Effizienz geht, zeigt der Bericht, wie schnell sich Geschäftsbeziehungen in einen rechtlich und ethisch hoch riskanten Bereich verschieben können. Entscheidend wird außerdem die Nachweisbarkeit: Wer öffentlich bestreitet, muss bei Vorwürfen schnell und konkret Daten liefern können, statt nur pauschale Ablehnung zu kommunizieren.

Mit Blick auf die nächsten Schritte ist zu erwarten, dass der Druck auf die UAE und auf Regierungen, die Sicherheitskooperationen unterstützen, politisch weiter zunimmt. Für die EU und andere internationale Akteure dürfte sich die Frage stellen, wie restriktiv sie Kooperationen handhaben und ob bestehende Mechanismen für Risikoanalysen und Sanktionsscreening konsequent angewendet werden. Gleichzeitig bleibt der Fokus bei der RSF-Frage an Minderjährigen besonders kritisch, weil Kinderrekrutierung nicht nur ein Menschenrechtsverstoß ist, sondern die langfristige Stabilität ganzer Regionen unterminiert. Sollte es zu neuen Untersuchungen kommen, werden Unternehmen und Behörden daran gemessen, ob sie Unterstützung tatsächlich beenden können – bevor sich aus „privatem Recruiting“ erneut eine stabile Operationsbasis entwickelt.


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