LONDON (IT BOLTWISE) – HSBC sieht den KI-Boom weiterhin intakt und ordnet die Rotation aus Halbleitern in Hyperscaler und Software als Repositionierung ein. Die Bank verweist auf stark steigende KI-Inferenz-Nachfrage, die von nahezu null auf über 400 Billionen Tokens pro Tag gewachsen sei. Für 2026 erwartet HSBC zudem ein US-Gewinnwachstum von 24 Prozent im Jahresvergleich. Neben KI spielen laut Bericht geopolitische Spannungen, eine restriktivere Fed und die Politik des neuen britischen Premierministers Andy Burnham eine Rolle.

HSBC interpretiert die jüngste Sektorrotation an den Aktienmärkten nicht als Qualitätsverlust beim KI-Thema, sondern als klassische Portfolio-Neuausrichtung. Laut Bank haben sich Anlegerpositionen von Halbleiterwerten in Richtung Hyperscaler- und Softwareaktien verschoben, nachdem die Unternehmen rund um KI deutlich höhere Investitionen angekündigt oder bereits umgesetzt hatten. Entscheidend ist dabei die Deutung: Die Bewegung sei Gewinnmitnahme und Repositionierung, nicht Ausdruck eines Vertrauensverlusts in die technologische Leitidee hinter Künstlicher Intelligenz. Gleichzeitig rechnet HSBC damit, dass Volatilität und Rotation weiter ein Thema bleiben, weil der Markt die Auswirkungen der KI-Entwicklung fortlaufend neu bewertet.
Unterfüttert wird diese Sicht durch eine Kennzahl zur Nachfrage nach KI-Inferenz. HSBC nennt ein exponentielles Wachstum der globalen Inferenz-Nachfrage, gemessen in Billionen verarbeiteter Tokens pro Tag: Von nahezu null Mitte 2024 sei der Wert auf über 400 Billionen Tokens im Frühjahr 2026 gestiegen. Für Investoren ist das mehr als nur eine Story-Zahl. In der Praxis bedeutet mehr Inferenz-Nachfrage, dass sich die KI-Implementierung von reinen Proof-of-Concepts wegbewegt und die Betriebskosten-Logik stärker in den Vordergrund rückt: Rechenzeit, Speicherbedarf, Netzwerk-Transfer und Skalierungskapazität werden zu dauerhaften Kostentreibern. Genau deshalb betrachtet HSBC die Rotation als Verschiebung innerhalb des KI-Ökosystems statt als Abschwächung der Gesamtnachfrage.
Finanziell blickt HSBC auf ein breiteres Gewinnwachstum, das sich laut Bericht zunehmend über den Technologiesektor hinaus ausdehnt. Für 2026 erwartet die Bank ein US-Gewinnwachstum von 24 Prozent im Jahresvergleich. Auch im laufenden Jahr sieht HSBC positive Signale; erste Ergebnisse für das zweite Quartal seien ermutigend ausgefallen, insbesondere in den Sektoren Energie, IT und Materials. Gleichzeitig beschreibt die Bank die Bewertungen als mittlerweile ausgeglichener als noch zu Jahresbeginn – ein Detail, das Anleger oft als Grundlage nutzen, um die nächste Reifephase zu finanzieren: Wenn Bewertungsniveaus wieder näher an das Erwartungsniveau heranrücken, sinkt für viele Portfolios das Risiko, dass ein einzelner Stimmungswechsel sofort zu überproportionalen Kursreaktionen führt.
Für die konkrete Positionierung empfiehlt HSBC zwar eine Übergewichtung im IT-Sektor, begründet dies aber ausdrücklich mit dem langfristigen KI-Trend statt mit kurzfristigem Momentum. Genau hier liegt die praktische Übersetzung für Unternehmen und Fonds: Wer KI als strukturelles Infrastruktur- und Software-Thema versteht, investiert nicht nur in „den einen“ Teilbereich, sondern streut über mehrere Bausteine – Halbleiter, Hyperscaler, Software und damit verbundene Wertschöpfungsstufen. HSBC spricht zudem von der Gefahr, bei plötzlichen Verschiebungen der Marktstimmung überrascht zu werden, wenn man sich zu stark auf einzelne Segmente fokussiert. Diese Diversifikationslogik passt auch zur technischen Realität von KI-Projekten: Selbst bei scheinbar „fertigen“ Modellen bleibt der operative Teil – Inferenz-Betrieb, Optimierung, Monitoring und Systemintegration – für viele Unternehmen über Monate und Jahre relevant.
Außerhalb der Aktienauswahl adressiert HSBC weitere Belastungsfaktoren, die den KI-Handelsnarrativ kurzzeitig überdecken können. Geopolitische Spannungen im Nahen Osten hätten zuletzt zu höheren Ölpreisen geführt, auch wenn sich die Lage nach einer Pause der US-Angriffe auf den Iran etwas beruhigt habe. Die Bank erwartet dennoch keine breit angelegte Abwärtskorrektur bei globalen Gewinnerwartungen, weil das makroökonomische Umfeld weiterhin stützend wirken soll. An den Anleihemärkten beschreibt HSBC ein Zusammenspiel aus einer fragilen Waffenruhe zwischen den USA und dem Iran, stark steigenden KI-Investitionen und einer restriktiveren Fed unter dem neuen Vorsitzenden Warsh. Dabei bevorzugt die Bank Investment-Grade-Anleihen gegenüber Staatsanleihen und verweist auf ein Rekordvolumen neuer US-Investment-Grade-Emissionen von 1,2 Billionen US-Dollar im ersten Halbjahr – ein erheblicher Teil davon soll zur Finanzierung von KI-Kapitalausgaben durch Technologieunternehmen dienen.
Auch in Großbritannien verortet HSBC ein politisches Risiko für die Marktpreisdynamik. Der neue Premierminister Andy Burnham verfolge ein „neues Wirtschaftsmodell“ mit niedrigeren Lebenshaltungskosten, Dezentralisierung von Entscheidungen und höheren öffentlichen Investitionen. Laut HSBC signalisieren seine Aussagen zu mehr Flexibilität bei Staatsverschuldung und -ausgaben eine potenziell expansivere Fiskalpolitik, was die Renditen britischer Staatsanleihen (Gilts) über die gesamte Laufzeitkurve steigen lassen könne. Das Pfund habe zudem an Wert verloren, da Anleger offenbar eine höhere Risikoprämie für das Halten britischer Anleihen verlangen. Für Entscheider in Unternehmen heißt das: Selbst wenn KI als Wachstumstreiber gilt, beeinflussen Zins- und Währungsbedingungen die Kapitalbeschaffung, die Bewertung von Risikoassets und damit die Geschwindigkeit, mit der Investitionsbudgets umgesetzt werden.
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