LONDON (IT BOLTWISE) – Ein nontheistischer Humanist hat eine Ausnahmegenehmigung erreicht, die ihm die Nutzung von KI am Arbeitsplatz erspart. Die Begründung knüpft an seine Überzeugung an, dass der Einsatz von KI seine Fähigkeit zu moralischem Handeln und kritischem Denken schwächen kann. Die Universität prüft solche Anfragen individuell und richtet die Ausnahme so aus, dass die wesentlichen Aufgaben weiter erfüllt werden. Der Fall macht sichtbar, wie eng künftig „Arbeitsanforderungen“ und persönliche Werte bei KI-Tools zusammenrücken können.

In vielen Unternehmen gilt KI mittlerweile als Standardwerkzeug: von der Textbearbeitung bis zur Recherche in internen Wissensdatenbanken. Genau deshalb wirkt der aktuelle Fall so ungewöhnlich: Ein nontheistischer Humanist hat eine Ausnahmegenehmigung erhalten, die ihm die Nutzung von KI im Arbeitskontext untersagt. Der Kern liegt dabei nicht in einer religiösen Technikfeindlichkeit, sondern in der Frage, wie weit Arbeitgeber bei der Einführung neuer Assistenzsysteme auf individuelle Werte Rücksicht nehmen müssen. Der Vorgang zeigt zudem, dass KI-Nutzung nicht nur als Produktivitätsentscheidung verstanden wird, sondern als Faktor, der mit Selbstbild, Verantwortungsgefühl und Denkgewohnheiten kollidieren kann.
David Durman, der als Administrator an der University of Kentucky tätig ist, argumentiert aus der Perspektive des säkularen Humanismus. Humanismus beschreibt für ihn eine Haltung, die das menschliche Wohlbefinden und das gedeihliche Zusammenleben in den Mittelpunkt stellt. In seiner Sichtweise führt eine übermäßige Abhängigkeit von KI dazu, dass Menschen weniger aktiv ihre Urteilsfähigkeit einsetzen; das könne sich wiederum negativ auf die Fähigkeit auswirken, sowohl für sich selbst als auch für andere moralisch als handelnde Personen aufzutreten. Besonders relevant ist das Argument auch deshalb, weil es nicht nur um „Glaubensfragen“ geht, sondern um eine konkrete Praxis: Durman beschreibt die KI-Nutzung als potenziellen Hebel, der die eigene mentale Arbeit verdrängen kann, und damit das, was er als Voraussetzung für verantwortliches Handeln betrachtet.
Der Weg zur Ausnahme lief über eine Rechts- und Interessenstruktur: Durman wandte sich an die American Humanist Association, eine Organisation, die säkularen Humanismus fördert. Laut Durman und der Darstellung des Falls stellte er dabei nicht primär eine allgemeine Debatte über KI in den Raum, sondern suchte rechtlich abgesicherte Spielräume für seine Tätigkeit. Er verweist zudem auf weitere Risiken, etwa die Folgen von KI für Umweltkosten sowie die Rolle von menschlicher Kreativität in Kultur und Produktion. Ob und wie diese Punkte im Detail mit den konkreten Arbeitsaufgaben abgewogen werden, hängt in der Praxis stark von der jeweiligen Arbeitsplatzsituation ab, denn eine Arbeitsausnahme muss immer mit der Betriebsrealität kompatibel bleiben.
Die University of Kentucky prüft Anfragen auf individuelle religiöse bzw. weltanschauliche Ausnahmen jeweils im Einzelfall. Dazu gehört eine Bewertung, welche Aufgaben als „essential functions“ gelten, also welche Kernanforderungen die Mitarbeitenden zwingend erfüllen müssen. Jay Blanton, ein Sprecher der Universität, hebt in der Begründung hervor, dass im konkreten Fall eine Unterkunft möglich sei, ohne dass Durman die wesentlichen Funktionen seiner Position nicht mehr ausführen könnte. Gerade weil sich Technik und Arbeitsanforderungen weiterentwickeln, könne die Ausnahme außerdem später überprüft werden, um sicherzustellen, dass sie weiterhin „reasonable and workable“ bleibt. Das ist für Unternehmen wichtig: KI-Regeln werden nicht einmalig festgeschrieben, sondern müssen fortlaufend mit der tatsächlichen Rollenarchitektur und den sich ändernden Arbeitsabläufen synchron gehalten werden.
Der Blick auf die Branche macht die Dimension des Problems greifbar. In vielen Ingenieurs- und Wissensberufen gilt KI-Unterstützung inzwischen als Standard: Softwareentwickler schreiben Code selten ohne Assistenz, weil Tools Autovervollständigung, Code-Analyse und Beispielgenerierung übernehmen. Der Fall ist deshalb auch insofern besonders, als Durman nicht als Entwickler arbeitet, sondern als Administrator, der Forschungsteams bei der Beantragung von Fördermitteln unterstützt. Trotzdem war der Zeitpunkt der Anfrage strategisch: Einige Kolleginnen und Kollegen sowie Führungskräfte empfahlen offenbar, KI-Tools auszuprobieren. Durman wollte eine Ausnahme frühzeitig sichern, „für den Fall“, dass aus Empfehlungen später verbindliche Vorgaben werden. Damit wird der Konflikt zwischen freiwilliger Pilotphase und verpflichtender Betriebsregel sichtbar – und er betrifft nicht nur Humanisten, sondern potenziell jede Mitarbeitendengruppe mit starken Gewissens- oder Wertepositionen.
Dass es offenbar auch bereits eine ähnliche Ausnahme für Erin Maus, eine Unitarian Universalist und Softwareingenieurin, gab, unterstreicht: Der rechtliche Hebel existiert nicht im luftleeren Raum. Die Seltenheit solcher Entscheidungen liegt eher daran, dass Betroffene ihre Positionen offen adressieren müssen und Arbeitgeber zugleich belastbare Lösungen für die Praxis finden müssen. Für Organisationen heißt das: KI-Richtlinien sollten so entworfen werden, dass sie nicht nur „Compliance“ versprechen, sondern konkrete Rollenmodelle unterstützen. Unternehmen können dafür zum Beispiel weniger als „ein Tool für alle“ denken, sondern stärker nach Aufgabenclustern unterscheiden: Welche Schritte benötigen KI zwingend, wo ist sie optional, und wie kann eine Mitarbeitenden-Ausnahme technisch und prozessual umgesetzt werden, ohne die Qualität oder Sicherheit der Arbeit zu gefährden?
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