SALAMANCA / LONDON (IT BOLTWISE) – In einer High School in Salamanca, New York, soll ein humanoider Roboter namens Sally zusammen mit einem KI-Lernassistenten Schülern zur individuellen Unterstützung dienen. Lehrkräfte und Teile der lokalen Seneca-Gemeinde kritisieren den Pilot scharf – mit Fokus auf Datenschutz, Software-Sicherheit und kulturelle Sensibilität. Auslöser ist auch die Frage, welche Daten erfasst werden und wie die Technik langfristig in den Schulalltag eingebunden wird. Während der Bezirk das Programm als ergänzend beschreibt, wächst parallel der Druck, die Einführung zunächst zu pausieren.

Der geplante Einsatz eines humanoiden Roboters im Schulunterricht sorgt in Salamanca (New York) für eine ungewöhnlich breite Front aus pädagogischen und gesellschaftlichen Bedenken. Im Rahmen eines Pilotprogramms soll an der Salamanca High School ein als „Sally“ bezeichnetes Robotersystem gemeinsam mit einem KI-Unterrichtsassistenten laufen. Die Maßnahme wird als Test verstanden, der Lernangebote personalisieren und gleichzeitig den Zugriff auf KI- und Robotik-Tools vereinfachen soll. Kritiker sehen darin jedoch weniger eine moderne Ergänzung als vielmehr eine Verschiebung dessen, was Schule leisten darf: menschliche Beziehung, soziale Orientierung und verantwortete Aufsicht.
Technisch wird der Roboter laut einer Programmbeschreibung als „closed-loop system“ eingeordnet, das Schülern virtuell rund um die Uhr zur Verfügung stehen kann – allerdings nur für diejenigen mit entsprechender Zugangsberechtigung. Der Bezirk, der Salamanca High School einschließt, hat dafür einen Betrag von 57.590 US-Dollar für den humanoiden Roboter eingeplant. Gerade dieses Zusammenspiel aus permanenter Verfügbarkeit und der Möglichkeit personalisierter Lernwege macht das Projekt angreifbar: Wenn ein System wiederholt mit Minderjährigen interagiert, verschiebt sich die Risikologik von „einmaligem Medienzugriff“ hin zu kontinuierlicher Datennutzung, Protokollierung und potenziell langlebigen Nutzungsprofilen.
Die Kritik richtet sich nicht nur gegen die pädagogische Idee, sondern auch gegen den technischen Verantwortungsbereich. Die Lehrergewerkschaft der Salamanca Teachers Association äußerte insbesondere Sorgen über die Sicherheit der Software und darüber, ob und wie Daten gespeichert oder gesammelt werden. In diesem Zusammenhang geht es auch um die Frage, ob das System Aufzeichnungsfunktionen besitzt, die im Schulkontext besonders sensibel sind. Die Gewerkschaft will die Umsetzung nach eigenen Angaben vorläufig stoppen lassen, bis mehr Beteiligte die Risiken bewertet haben; parallel verweist sie auf den Kurs in New York, der derzeit weg von „zu viel Technologie“ im Klassenzimmer gehen soll. Das Argument dahinter: Nicht zusätzliche Bildschirme und nicht zusätzliche Algorithmen, sondern verlässliche, fürsorgliche Bezugspersonen und echte menschliche Interaktion bleiben zentral.
Auch aus der lokalen Gemeinschaft kommen Einwände, die über Datenschutzfragen hinausgehen. Nahezu 40 % der Schülerschaft an der Salamanca High School sind Native Americans; das Pilotfeld liegt zudem auf dem Gebiet der Seneca Nation. Der Vorwurf lautet, die Auswahl eines solchen Testortes sei „kulturell nicht angemessen“ und setze eine historische Belastungslinie fort. In Stellungnahmen wird das Thema besonders emotional aufgeladen: Mehrere Familien sehen Verbindungen zu Erlebnissen, die mit indigenen Internatsschulen in der Region verknüpft sind, und interpretieren den Roboter-Pilot als Wiederholung einer externalisierten Entscheidung über Kinder und Gemeinschaft. Aus der Sicht der Kritiker geht es damit nicht nur um die Technik, sondern auch um Machtverhältnisse, Kontext und die Frage, ob die Schule ausreichend zuhört, bevor sie Experimente im Klassenzimmer startet.
Im Hintergrund steht zudem die Unternehmensgeschichte des Robotik-Anbieters. Realbotix, früher unter anderem als Tokens.com aktiv, beschreibt den Wechsel hin zu humanoiden Robotern als Pivot und kaufte im April 2024 ein Unternehmen aus Las Vegas, das für besonders realistische Sexpuppen bekannt war, für 16,7 Mio. US-Dollar. Realbotix weist Verbindungen zu diesem Bereich zurück und betont, dass daraus keine Schlussfolgerungen für den Schulpilot abzuleiten seien. Für das Vertrauen in einen Schulversuch ist diese Abgrenzung dennoch nur begrenzt ausreichend: Wenn ein Anbieterwechsel aus einem völlig anderen Produktumfeld erfolgt, stehen Verantwortliche in Bildungseinrichtungen automatisch vor der Aufgabe, Risikoprofile neu zu prüfen – inklusive Sicherheitsarchitektur, Datenflüsse und Zugriffskontrollen.
Der Pilot ist derweil bereits politisch und organisatorisch verankert. Laut Mitteilung wird der Bezirk mit Realbotix sowie der Stadtverwaltung bzw. Schulbezirksstrukturen für den Herbst 2026 ein „limited pilot“ anstoßen, das auch ein weiteres Element enthält: Optio als KI-gestützter Bildungsassistent plus ein zusätzliches Realbotix M-Series-Modell. Dabei wird der Zweck betont, Lehrkräfte nicht zu ersetzen, sondern Schülern einen überwachten Zugang zu KI- und Robotik-Tools zu geben, eingebettet in das bestehende STEM-Umfeld. Gleichzeitig meldet die zuständige Behörde für Bildung in New York ernsthafte Bedenken an, insbesondere bei Schülerprivatsphäre, geeigneten Schutzmaßnahmen und der Frage, ob ein Roboter Funktionen übernehmen könnte, die eigentlich qualifizierten Fachkräften vorbehalten bleiben müssen.
Gerade in diesem Punkt zeigt sich das Kernproblem solcher humanoiden Systeme: Sie wirken durch Sprache, Mimik und Interaktionsverhalten schnell wie „pädagogische Akteure“. Laut Programmbeschreibung nutzt das M-Series-Robotersystem natürliche Konversation, Gesichtsausdrücke und eine Echtzeit-Interaktion, um ein „hands-on“ Lerngefühl zu erzeugen. In der Praxis entsteht dadurch aber eine neue Verantwortungszone: Je stärker ein System überzeugend kommuniziert, desto eher verschwimmen Grenzen zwischen Unterstützung und Autorität. Selbst wenn das Ziel „Komplement“ lautet, entscheidet die konkrete Auslegung im Schulalltag darüber, ob Schüler psychologisch zu stärkerem Vertrauen in das System geführt werden oder ob die menschliche Lehraufsicht ausreichend sichtbar bleibt.
Für Schulen und Verwaltungen liegt die strategische Herausforderung deshalb weniger im „Ob“ von KI, sondern im „Wie“ der Einführung. Wenn ein Pilot langfristig genutzt werden soll, brauchen Verantwortliche klare Antworten auf technische Fragen wie Datenminimierung, getrennte Rollen- und Berechtigungskonzepte, Protokollierungs- und Löschfristen sowie die Transparenz darüber, welche Sensorik oder Aufzeichnungsfunktionen tatsächlich vorhanden sind. Hinzu kommt eine organisationsbezogene Sicherheitsprüfung: Welche Firmware-Version läuft, wie werden Updates verteilt, wer kann Zugriffe aus der Ferne auslösen, und wie wird Missbrauch verhindert? Genau diese Themen treiben die aktuelle Diskussion an – und sie treffen sich mit dem gesellschaftlichen Kontext, weil der Test in einer Gemeinschaft mit eigener historischer Erfahrung stattfindet. Unabhängig davon, ob humanoide Roboter in anderen Bildungssettings später sinnvoll eingesetzt werden können: In Salamanca entscheidet sich gerade, ob ein solcher Schritt mit ausreichend Datenschutz, Sicherheitsniveau und kultureller Einbettung erfolgt.
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