LONDON (IT BOLTWISE) – Im WM-Viertelfinale gegen Argentinien sorgte der VAR-Eingriff für den Platzverweis von Breel Embolo für erheblichen Wirbel. Die Regelhüter haben jetzt präzisiert, was der Videoassistent in genau solchen Situationen nicht darf. Hintergrund ist ein VAR-Protokoll, das Fälle von Gelb-Rot und Spieler-Verwechslungen unterschiedlich behandelt als andere Strafszenen. Bis die Überprüfung abgeschlossen ist, bleibt die Anwendung einer fraglichen Klausel vorerst ausgesetzt.

Der VAR-Einsatz beim Platzverweis von Breel Embolo im WM-Viertelfinale gegen Argentinien hat nicht nur auf dem Rasen, sondern auch in den Regelkommissionen für Diskussionen gesorgt. International Football Association Board (Ifab) und weitere Regelinstanzen haben den Ablauf nach Medienberichten nun so eingeordnet, dass der Videoassistent vor der Entscheidung zur Gelb-Roten Karte in dieser Konstellation aus Sicht der Regeln nicht hätte eingreifen dürfen. Die Folge war eine spürbare Verschiebung der Bewertung: Erst stand ein gelb-verwarnender Eingriff im Raum, dann wechselte die Sanktion über den Videoassistenten zu Gelb-Rot.
Konkret lief die Szene in dem Spiel beim Stand von 1:1 nach einem Zweikampf zwischen Embolo und Leandro Paredes an. Zunächst entschied der Schiedsrichter Joãо Pinheiro auf Foul von Paredes gegen Embolo und verwarnt den Argentinier zunächst mit Gelb. Erst nach dem Hinweis des Videoassistenten schaute sich Pinheiro die Situation erneut an, nahm die ursprüngliche Verwarnung zurück und zeigte Embolo statt dessen Gelb-Rot, weil eine Schwalbe bzw. ein Täuschungsversuch angenommen wurde. Der Knackpunkt liegt darin, dass das Schiedsrichterteam dabei auf eine Regelklausel abstellte, die Verwechslungen von Spielern adressiert.
Aus Sicht des Ifab war diese Herangehensweise in diesem Fall jedoch nicht korrekt. Die Regel lautet dabei nicht, dass der VAR grundsätzlich bei jeder Unklarheit eingreifen darf, sondern dass der Videoassistent nur innerhalb eng definierter Grenzen die Identifikation der beteiligten Person korrigieren soll. Ifab stellte klar: Eine Gelbe Karte, die keine zweite Gelbe Karte ist, könne nur überprüft werden, um festzustellen, welcher Spieler das geahndete Vergehen begangen hat. Das Vergehen selbst dürfe dagegen nicht über den Videoassistenten nachträglich überprüft oder inhaltlich umgedeutet werden. Damit gerät genau jene Praxis ins Visier, bei der erst eine Verwarnung wegen eines anderen Foulverursachers zurückgenommen wird und anschließend die Sanktion mit einer anderen Regelannahme begründet wird.
Bemerkenswert ist außerdem, dass Ifab nicht nur den Einzelfall erwähnt, sondern auch die Anwendung der fraglichen Klausel im weiteren WM-Verlauf anspricht. Laut der Regelinstanz sei die Vorgehensweise in dieser Form bei der WM bereits in einem Gruppenspiel der USA gegen Paraguay „positiv aufgenommen“ worden. Gleichzeitig kündigen die Regelhüter an, dass die Methode in die Überprüfung des Protokolls für den Videobeweis einbezogen wird. Entscheidend: Bis die Überprüfung abgeschlossen ist, darf die betreffende Klausel jedoch erst dann angewendet werden. Damit signalisiert Ifab sowohl Lernbereitschaft als auch eine klare Bremse für künftige VAR-Interpretationen, solange das Regelhandbuch in diesem Punkt noch nicht endgültig nachjustiert ist.
Diese Einordnung wird flankiert durch eine Position der UEFA, die den Rahmen für VAR-Fehlertoleranz in den Spielbetrieb übersetzt. Die Europäische Fußball-Union betonte nach einem Treffen von Schiedsrichterverantwortlichen ihrer Mitgliedsverbände, dass der Videoassistent nur bei eindeutigen und offensichtlichen Fehlern eingreifen dürfe. In einer Mitteilung der UEFA wird zudem herausgestellt, dass der VAR das Spiel nicht neu pfeifen soll, sondern als Unterstützung fungiert: Die Entscheidungen sollen weiterhin im Mittelpunkt des Schiedsrichters stehen. Für den Wettbewerb bedeutet das, dass die technische Kontrollschicht nicht als zweite Entscheidungsinstanz verstanden werden soll, die das Spiel nachträglich „umprogrammiert“, sondern als Korrekturmechanismus mit hohen Eingriffsschwellen.
Für die Praxis im Turnierbetrieb ist vor allem die Trennung zwischen Identifikation und Bewertung relevant. In vielen Situationen, in denen das Bildmaterial eine andere Person im Kontaktverhalten zeigt, kann eine falsche Spielerzuordnung tatsächlich die Grundlage der Sanktion verfälschen. Wenn der VAR dagegen auch die rechtliche Einordnung des Vorfalls verschiebt, etwa von einem Foul zu einem Täuschungsmanöver, bewegt sich die Entscheidung in einer Grauzone, die laut Ifab gerade nicht vom Protokoll gedeckt ist. Genau deshalb wirkt der Embolo-Fall so besonders: Er verbindet eine Wechselwirkung aus Spielerzuordnung, Kartenlogik und einer inhaltlichen Neuinterpretation der Spielsituation, die der VAR in der geschilderten Reihenfolge nicht hätte anstoßen sollen.
Auch wenn die WM bereits weit fortgeschritten ist, bleibt das Thema für kommende Spiele und Turniere unmittelbar. Teams, die den Videobeweis einsetzen, müssen ihre internen Abläufe so trainieren, dass die Regeln nicht nur auswendig bekannt sind, sondern im entscheidenden Moment systematisch angewendet werden: Welche Kartenart liegt vor, was ist prüfbar, und welche Korrekturen wären über das Protokoll hinaus? Für Schiedsrichterteams heißt das, dass sie ihre Kommunikation mit dem VAR noch stärker auf die konkrete Regelpassage ausrichten müssen. Für Zuschauer wiederum verschiebt sich die Diskussion damit weg vom Gefühl „zu viel VAR“ hin zu einem präzisen Punkt: Es geht um das richtige Ziel der Prüfung – und darum, wie stark die Technik die ursprüngliche Sachentscheidung verändern darf.
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