DETROIT / LONDON (IT BOLTWISE) – In Detroit ersetzt eine KI-gestützte Kamera an einem Robotergreifer starre Greifpositionen durch selbstständiges Erkennen von Bauteilen. Der Stellantis-Arm kann seit der Umrüstung Abweichungen auf den Ablageracks ausgleichen, statt bei kleinsten Lagefehlern stehenzubleiben. Dadurch sinkt die Stillstandszeit deutlich, und Beschäftigte mussten zuvor „am laufenden Band“ auf Reset-Fälle warten. Der Ansatz zeigt, wie sich Robotik mit 3-D-Vision auch in ältere Anlagen nachrüsten lässt.

Inbolt macht Industrie-Roboter sichtbar: KI-Kameras statt vorprogrammierter Greifpfade
Inbolt macht Industrie-Roboter sichtbar: KI-Kameras statt vorprogrammierter Greifpfade (Foto: IT BOLTWISE)
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Als ein großer Roboterarm in einem Stellantis-Werk in Detroit immer wieder bei der Montage von Fahrzeugteilen einfrohr, lag das Problem nicht an der Mechanik, sondern an der Wahrnehmung. Der Greifer war dafür programmiert, Panels an einer exakt definierten Stelle zu greifen und für den nächsten Schweißschritt anzuheben. Sobald ein Panel auf dem Rack nur minimal versetzt war, verlor die Steuerung die Orientierung, stoppte den Prozess und verhinderte so die durchgängige Fertigung. Je älter die Racks wurden, desto häufiger traten solche Lagefehler auf; in einzelnen Fällen kam es sogar zu Abstürzen, die bis zu eine Stunde Neustart und damit teure Lücken im Produktionsablauf bedeuteten.

Der Kern des Problems ist in der Industrieautomation seit Langem bekannt: Viele Pick-and-place-Roboter „arbeiten blind“. Sie verlassen sich auf wiederholbare Positionen und nehmen an, dass Teile dort landen, wo sie beim letzten Zyklus standen. In der Praxis reichen jedoch schon kleine Abweichungen durch Fertigungstoleranzen, Alterung von Halterungen oder Schwankungen in der Logistik, damit Greifvorgänge kippen. Neue 3-D-Kameras und KI-gestützte Auswertungen ändern das Modell: Statt nur Bahnpunkte abzufahren, können Roboter Gegenstände erkennen und ihre Aktionen an die gemessene Lage anpassen. Genau dieses Prinzip wurde bei Stellantis umgesetzt – mit einer speziellen Kamera und einer Recheneinheit als „Augen und Gehirn“ am Robotergreifer.

Um die Montage trotz älterer Robotik verfügbar zu machen, installierte das französische Startup Inbolt eine zusätzliche Hardware-Komponente an der Hand des Roboters. Die „Purple Box“ sitzt am Handgelenk und ermöglicht es dem System, die Ziel-Panels auf dem Rack zu lokalisieren, die Distanz und Position zu berechnen und daraus Korrekturen für das Greifen abzuleiten. Das Entscheidende ist dabei nicht nur die sensorische Erfassung, sondern die Nachrüstfähigkeit: Stellantis wurde zunächst intern damit konfrontiert, seine Robotik von Fanuc auf neuere Anlagen mit integrierter Vision umrüsten zu müssen. Doch der Kauf vollständig neuer Industrie-Roboter mit eingebetteten Kamerasystems kann laut Beschreibung im Umfeld der Branche in die Größenordnung „hunderttausender Dollar“ pro Einheit fallen. Inbolt setzte daher auf den Umbau bestehender Maschinen, statt die komplette Flotte zu ersetzen.

Technisch baut Inbolt sein System auf einer Off-the-shelf-Industriekamera auf, die laut Quelle weniger als 600 US-Dollar kostet, und ergänzt sie durch eigene Software. Während die Kamera die 3-D-Umgebung liefert, trainiert die proprietäre Software die Erkennung anhand von CAD-Modellen und erstellt damit eine Art visuelle Karte für die konkreten Bauteile. Dass dieser Softwareanteil einen Unterschied macht, unterstreicht auch die Positionierung der Kamera-Plattform: Vision-Zulieferer wie RealSense liefern Sensorik und optische Komponenten mit hoher Präzision, während die „Code-Knackpunkte“ in der Integrations- und Lernlogik liegen. Für den Betrieb heißt das: Der Roboter kann nicht nur „irgendwo“ greifen, sondern gezielt mit Bezug auf die gemessene Geometrie handeln, was insbesondere bei variierenden Rack-Positionen oder in gemischten Materiallagen zählt.

Für den Markterfolg spielt außerdem der konkrete Betrieb in der Fertigung eine Rolle. Innerhalb weniger Wochen nach der Installation lief der Arm in Detroit stabil, sodass Personal, das zuvor als „Sicherheitsnetz“ Reset-Stopps abfangen musste, wieder andere Aufgaben übernehmen konnte. Inolt wurde danach nicht nur auf den ursprünglich problematischen Greifer angewendet, sondern auf weitere Roboter ausgerollt – unter anderem auf eine Anlage, die Dichtmittel auf Fahrzeugkarosserien verteilt. Ohne Kamera streifte die Düse das Fahrzeug offenbar häufig genug, um abzubrechen; in der Quelle wird das mit bis zu sieben Ausfällen in einem Neun-Stunden-Shift beschrieben, verbunden mit jeweils etwa 15 Minuten Austauschaufwand. Mit Kamera-Unterstützung trat dieser Fehlerzustand dem Bericht zufolge nahezu nicht mehr auf. Inbolt wird dabei als Abo-Modell für „Roboteraugen“ angeboten, und die Angaben zur Wirkung lauten: bis zu 95 Prozent weniger Stillstand und bis zu 30 Prozent schnellere Taktzeiten – Werte, die vor allem für Werke interessant sind, die möglichst viel Wert aus bereits installierter Hardware ziehen wollen.

Auch die Unternehmensgeschichte zeigt, warum solche Nachrüstungen gerade jetzt an Bedeutung gewinnen. Inbolt entstand 2019 aus einem Umfeld an der École Polytechnique und an der HEC Paris, nachdem Gründerteams für ein Kursprojekt eine Idee entwickeln mussten, wie Kameras Industrie-Tools so ergänzen können, dass Menschen sie korrekter einsetzen. In der Folge wurde der Fokus auf Robotik verlagert, weil Hersteller in der Diskussion nachgefragt haben, wie man Automatisierung mit Hilfe von Vision robuster macht. Später wird beschrieben, dass die Gründer in einem Inkubator in Shenzhen den Tempoanstieg im Feld der Robotik beobachteten und daraufhin ihre Produktstrategie entsprechend schärften. Heute nennt Inbolt rund 50 Mitarbeitende weltweit und eine dreistellige Installationszahl über verschiedene Werke; das Unternehmen will dabei nicht in erster Linie neue Roboter verkaufen, sondern vorhandene Systeme so „upgradeen“, dass sie wieder zuverlässig arbeiten.

Für die Branche liegt die strategische Spannung genau dort: Neue Anlagen mit integrierter Vision sind technologisch attraktiv, aber kostenseitig oft schwer durchzusetzen, sobald bestehende Roboter bereits abgeschrieben sind. Nachrüstlösungen wie die von Inbolt adressieren daher einen großen Teil der installierten Basis, die mit hoher Wahrscheinlichkeit weiterhin auf wiederholbaren Greifkoordinaten basiert. Zugleich zeigt der Bericht, dass Vision-Systeme auch Betriebsteile mit einbeziehen: Als im Sommer ein Kabel die Verbindung zwischen Kamera und einem schnell bewegten Roboterarm trennte, ging das System offline, und die Produktion musste stoppen. Die schnelle Reaktion der Teams – inklusive unmittelbarer Unterstützung der Gründer – verdeutlicht, dass der Nutzen aus 3-D-Vision nur dann voll in Auszahlung kommt, wenn Montage, Verkabelung und Wartungsprozesse genauso sauber integriert sind wie das Modell selbst.

Unterm Strich verschiebt Inbolt das „Sehen“ von der Neuinvestition zur Software- und Integrationsfrage. Wenn Roboter ihre Umgebung 3-dimensionale erfassen, Bauteile mit CAD-gestützter Lernlogik erkennen und ihre Greifbewegungen an die gemessene Lage anpassen, reduziert das typische Blindfehlerketten. Für Automobilwerke heißt das: weniger Stillstände, weniger manuelle Überwachung und eine flexiblere Nutzung älterer Maschinen in der Realität, in der Toleranzen, Materialzustände und Verschleiß nie ganz „statisch“ bleiben.


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