LONDON (IT BOLTWISE) – Der US-Benzinpreis dürfte laut Energieanalysten in den kommenden Wochen weiter steigen und in Richtung 4,20 bis 4,30 US-Dollar pro Gallone laufen. Auslöser ist die erneute Eskalation im Konflikt rund um Iran, die Tankerfahrten durch kritische Seewege erneut belastet. Gleichzeitig zeigen Marktpreise, dass die anfänglichen Puffer gegen Preisschocks inzwischen aufgezehrt sind. Entscheidend wird, wie schnell sich neue Störungen wieder beruhigen.

Die nächsten Bewegungen an der US-Tankstelle könnten stärker ausfallen, als viele Autofahrer derzeit erwarten. Berichten zufolge steigen die Benzinpreise weiter, weil der Konflikt zwischen den USA und Iran erneut an Zugkraft gewinnt und damit die Risikoprämie im Ölmarkt erhöht. Während sich die Terminmärkte kurzfristig beruhigen können, gilt für die operative Preisbildung an der Zapfsäule: Sobald sich Logistik und Lieferkette spürbar verunsichern, reagieren Vorprodukte und schließlich auch Endkundenpreise zeitversetzt.
Patrick DeHaan, Petroleum-Analyst bei GasBuddy, ordnet den aktuellen Verlauf ein: Obwohl der Ölpreis nach einem Sprung von rund 20 US-Dollar pro Barrel für den Tag „taking a breather“ eingelegt habe, rechne er damit, dass der nationale Durchschnittspreis für eine Gallone Gas bald auf 4,20 bis 4,30 US-Dollar klettert. Tatsächlich lag der nationale Durchschnitt nach AAA-Angaben zuletzt bei knapp 4,11 US-Dollar je Gallone; im Jahresvergleich entspricht das einem Anstieg von nahezu 1 US-Dollar gegenüber 3,16 US-Dollar. Auch Diesel ist unter Druck: Für eine Gallone wurden im Mittel 5,24 US-Dollar genannt, was etwa 40 % über dem Vorjahreswert von 3,74 US-Dollar liegt.
Der Kern des Problems liegt weniger in einer abstrakten „Kriegsangst“, sondern in konkret störenden Bewegungen auf See. Die USA-Politik, die als „war against Iran“ beschrieben wird, hat laut den Berichten den Tankerverkehr bereits mehrfach beeinträchtigt – besonders durch die Straße von Hormus (Strait of Hormuz), über die vor Beginn des Konflikts ungefähr ein Fünftel internationaler Öllieferungen aus Ländern des Persischen Golfs lief. Wird diese Passage enger, steigt die Wahrscheinlichkeit für Umwege, höhere Transportkosten und zusätzliche Versicherungsaufschläge. Zusätzlich kommt die Lage in den angrenzenden Routen ins Spiel: Angriffe auf Tanker im Roten Meer, die den Abtransport saudischen Öls gefährden könnten, verstärken den Eindruck, dass mehrere Knotenpunkte gleichzeitig unter Druck geraten.
Dass der Markt noch nicht „durchgerechnet“ hat, wie lange die nächste Phase dauern könnte, betonen mehrere Energiekenner. Shon Hiatt, Direktor der Zage Business of Energy Initiative an der University of Southern California, beschreibt das damalige Markt-Setting: Er habe den Eindruck, dass man politischen Druck als kurzzeitigen Auslöser eingeordnet habe – mit der Erwartung, Präsident Trump würde den Konflikt schnell beenden. In seinen Worten: „Everyone had been making this bet that Trump would chicken out when things got bad, pull out and the war would end … But that hasn’t happened. It is not clear when this will end.“ Auch Bob McNally, ehemaliger Energieberater in der Bush-Administration, sieht einen Mismatch zwischen Preisbewegung und „Fundamentals“: „gas prices have just been unaligned with the fundamentals“, und er erwartet, dass der Juli „the month we snap back to reality“ werde. Die Logik dahinter ist: Selbst wenn Angebotsdaten kurzfristig stabil wirken, können wiederkehrende Störereignisse die Preisbildung so stark über den psychologischen Hebel antreiben, dass sich das erst später in einer stärkeren Korrektur oder im Gegenteil in einer beschleunigten Fortsetzung der Preisrichtung zeigt.
Diese Sicht stimmt mit der Argumentation von Ben Cahill, Direktor für Energiemärkte und -politik an der University of Texas at Austin, überein. Er spricht davon, dass „The key buffers that got us through the first months of the oil shock have been worn away.“ Entsprechend seien Preiskorrekturen schwerer zu vermeiden, sobald „new disruptions“ täglich auftreten und die Marktstimmung schneller kippt. Übersetzt heißt das für Unternehmen und Entscheider: Planbare Kostenannahmen werden kurzfristig weniger belastbar. In der Praxis bedeutet das, dass Budgets für Logistik, Leasingflotten, Produktions- und Lieferkosten in Zeiten anhaltender geopolitischer Störmuster häufiger neu kalkuliert werden müssen – selbst wenn die tatsächliche physische Versorgung nicht sofort bricht.
Auch die Preisniveaus an den Rohöl-Futures deuten auf eine erhöhte Risikobewertung hin. West Texas Intermediate lag am Freitagmorgen nach den Angaben über 89 US-Dollar pro Barrel; zum Tagesstart wurden etwa 92,56 US-Dollar genannt, zugleich aber war der Stand deutlich höher als noch 69,23 US-Dollar einen Monat zuvor. Solche Spannen sind typisch, wenn der Markt zwischen „kurzfristiger Entspannung“ und „erneuter Eskalation“ hin- und herpendelt. Entscheidend ist dabei, wie sich Volatilität in die Realwirtschaft übersetzt: Raffinerien müssen teils kurzfristig umplanen, Lagermengen und Beschaffungsfenster werden enger, und die Zeitverzögerung bis zum Endkunden wirkt wie ein Verstärker – der Preisrutsch bleibt dann aus, wenn neue Meldungen die nächste Störwelle anstoßen.
Für die weitere Entwicklung wird damit vor allem die Frage relevant, ob die Störungen entlang der Seewege tatsächlich abflauen oder ob sich das Muster „jeden Tag neue Unterbrechungen“ verfestigt. Schon im Moment berichten Energiekenner, dass die anfänglichen Puffer im Markt verschlissen sind, was die Wahrscheinlichkeit für anhaltende Aufwärtsbewegungen bei Benzin und Diesel erhöht. Unternehmen, die mit Energieintensität planen, sollten deshalb nicht nur auf den Rohölkurs schauen, sondern auch auf Zwischenindikatoren wie Transportrisiken, Versicherungs- und Logistikkosten sowie die Konsistenz der Preisbewegung zwischen Rohöl, Produkten und regionalen Tankstellenpreisen. Wenn diese Kette erneut enger wird, sind 4,20 bis 4,30 US-Dollar pro Gallone keine reine Spekulation mehr, sondern ein realistisches Szenario.
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