LONDON (IT BOLTWISE) – General Kimmitt bewertet die nächste Konfrontation mit dem Iran als einen Wettbewerb um Durchhaltevermögen. Statt auf „Präzisionsschläge“ setzt er auf eine Strategie, bei der die USA die Kosten des Regimes durch Sanktionen und Finanzzugang senken bzw. erhöhen sollen. Sein Kernargument lautet, dass der Iran „durch Überleben“ gewinnt, wenn Washington zu lange operiert und der Druck wirtschaftlich verfehlt. Gleichzeitig weist er darauf hin, dass militärische Reichweite nicht automatisch politische Handlungsfähigkeit bedeutet.

Die kommende Auseinandersetzung mit dem Iran wird laut General Kimmitt weniger durch einzelne Gefechte entschieden als durch die Frage, wer eine längere Belastungsprobe besser aushält. Seine Perspektive ist dabei bewusst unromantisch: Nicht Präzisionsschläge, sondern Geduld und die Fähigkeit, gegnerische Ressourcen über Zeit zu verengen, sollen das Ergebnis prägen. Im Zentrum steht seine Überzeugung, dass das Regime vor allem dann als „Sieger“ hervorgeht, wenn es Angriffe absorbieren kann, ohne dass daraus eine strategische Wende im Sinne Washingtons folgt. Damit rückt er die operative Logik eines Systems in den Vordergrund, das nach seiner Darstellung bereits seit 1979 wiederholt außenpolitische Druckphasen überstanden hat.
Technisch betrachtet klingt das zunächst banal: Luftangriffe können beschädigen, aber nicht automatisch Loyalitäten oder innenpolitische Strukturen neu schreiben. Kimmitt argumentiert ausdrücklich gegen die Erwartung, dass eine reine Luftkampagne die Gleichung ändert. Präzisionsmunition sei zwar in der Lage, Hardware zu zerstören, aber sie löse kein tieferes Problem, das seiner Lesart in historischen Bindungen, in Religions- und Stammesloyalitäten sowie in politischer Konsolidierung verankert ist. Die Aussage zielt damit auch auf das strategische Missverständnis, dass ein hoher Zerstörungsgrad automatisch zu politischer Steuerbarkeit führt. In der Praxis entscheidet bei solchen Konflikten häufig nicht die „Trefferquote“ im engeren Sinn, sondern die Fähigkeit, Folgen zu kompensieren: Schadensbegrenzung, Ersatzbeschaffung, Geheimhaltung und das Aushalten von Unsicherheit.
Aus der Perspektive vergangener Einsätze in Irak und Afghanistan lässt sich der Kern seines Arguments weiter zuspitzen. Kimmitt erinnert an die Erfahrung, dass Regimewechsel und Besatzung keine standardisierbaren Produkte sind, die sich mit der Beschaffungsliste einer Air Force „bestellen“ lassen. Diese Einordnung ist deshalb wichtig, weil sie ein wiederkehrendes Muster beschreibt: Selbst wenn die kinetische Komponente gelingt, entstehen im Anschluss neue Reibungsflächen – etwa bei Governance, Sicherheit, Legitimität und der Frage, wer im Tagesgeschäft handlungsfähig ist. Wer diese zweite Phase unterschätzt, behandelt die Operation wie ein abgeschlossenes technisches Projekt statt wie einen Prozess mit offenen Endpunkten. In genau diesem Spalt zwischen militärischem Erfolg und politischem Ergebnis verortet Kimmitt die Schwachstelle einer Strategie, die primär auf Schläge setzt.
Der ökonomische Teil seiner Argumentation geht dann einen Schritt weiter. Er bezeichnet die „Belagerung“ als den klügeren Schachzug und verweist auf den laufenden Einsatz von maximalem Druck durch Sanktionen, sekundäre Boykotte und die Verweigerung des Dollarzugangs. Technisch heißt das in der Wirkung: Geldflüsse, Zahlungsabwicklung und internationale Handelskanäle werden so eingeschränkt, dass das Regime finanziell weniger Spielraum bekommt. Kimmitt macht die Logik anhand eines sehr konkreten Bildes fest: Wenn Teheran Öl nicht in dem Umfang verkaufen kann, den es für die eigenen Programme braucht, dann fehlen Ressourcen, um Revolutionsgarden zu bezahlen und Stellvertreter zu subventionieren. Die Provokation liegt darin, dass er aus dem Energiemix direkt eine militärische Beschaffungs- und Finanzierungslinie ableitet – nicht als Automatismus, sondern als strukturelle Schwächung.
Für die Einschätzung von Entscheidungsträgern und Investoren ist diese Perspektive deshalb relevant, weil sie die Zeitachse verschiebt. Kimmitt warnt ausdrücklich davor, auf eine schnelle Lösung zu setzen, etwa in Form einer „Siegesparade“ binnen kurzer Zeit. Seine Kernaussage lautet: Die USA verfügen weiterhin über eine außergewöhnliche Reichweite, aber Reichweite ist nicht identisch mit Wille oder mit politischer Belastbarkeit. Damit kritisiert er indirekt das Kalkül, dass ein militärisches Fenster automatisch in einen politischen Endzustand übersetzt. In einem Umfeld, in dem Investoren geopolitisches Risiko bewerten, führt genau diese Unterscheidung häufig zu anderen Planungsannahmen: nicht der kurzfristige Umbruch, sondern ein zermürbender Feldzug, der sich über Quartale statt über Tage zieht.
Gerade hier liegt die strategische Spannung zwischen operativer Erwartung und logistischer Realität. Militärische Systeme können Reichweite bereitstellen, doch die Wirkung auf gegnerisches Verhalten hängt davon ab, wie schnell Kosten steigen, wie konsistent der Druck durchgehalten wird und wie gut das Zielgebiet alternative Beschaffungswege oder Kompensationsmechanismen organisiert. Sanktionen wirken ebenfalls nicht „sofort“, sondern über Verzögerungs- und Anpassungsprozesse: Unternehmen und Zwischenhändler reagieren, Routen ändern sich, Preise und Risiken verschieben sich. Wenn Kimmitt dennoch dem Wirtschaftsdruck den Vorrang gibt, dann impliziert das, dass er gerade in diesen Anpassungsdynamiken die entscheidende Engstelle sieht. Die nächste Konfrontation wäre damit weniger eine Frage weniger Schläge, sondern eine Frage, wer seine ökonomische und politische Belastbarkeit über die Zeit organisiert und wer in der Anpassungsphase schneller an Grenzen gerät.
Für Unternehmen und Institutionen, die ihre Risiken rund um die Region steuern müssen, folgt daraus eine nüchterne Konsequenz: Szenarien sollten nicht primär auf schnellen Endpunkten basieren, sondern auf Varianten, in denen sich die Lage in Wellen fortsetzt. Das betrifft Lieferketten ebenso wie Energiepreise, Versicherungsprämien, Export-/Import-Planung und die Fähigkeit, Zahlungs- und Compliance-Prozesse in dynamischen Sanktionsumfeldern robust zu halten. Selbst wenn die militärische Eskalationsfähigkeit hoch bleibt, entscheidet sich die wirtschaftliche Folge oft an der Frage, ob Druckmessungen tatsächlich zu strategischen Kosten führen – und ob die angestrebte Wirkung im Zielsystem ankommt. Kimmitts Argumentation liefert dafür ein Denkmodell: Überleben statt Umkippen, Zeit statt Schlag – und damit ein Konfliktverlauf, der eher auf Ermüdung als auf schnelle Entscheidungen hinausläuft.
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