LONDON (IT BOLTWISE) – Galaxy Digital erklärt den Bitcoin-Bärenmarkt in einem aktuellen Research-Report für beendet und verweist auf ein mögliches Tief im Juni. Beim Preisbild zeigt sich jedoch weiterhin Druck: Bitcoin notiert um 80.543 USD, bleibt aber deutlich unter dem Hoch und unterschreitet kurzfristige Durchschnitte. Auch die Zuflüsse in Spot-Bitcoin-ETFs wirken widersprüchlich, mit mehreren Tagen klarer Abflüsse seit Ende September. Der Markt hängt offenbar an der Frage, ob neue Käufer nachziehen – oder ob der Abwärtstrend nur eine Pause einlegt.

Galaxy Digital stellt in einem Research-Report mit dem Titel „Why Now Is the Time to Add and Hold BTC“ die These in den Raum, dass der Bitcoin-Bärenmarkt bereits im Juni sein Ende gefunden habe. Der Ansatz ist dabei nicht nur „gefühlsgesteuert“, sondern folgt einem Set aus Markt- und On-Chain-Logiken: Laut Galaxy habe sich der Kurs in eine Akkumulationsphase bewegt, in der geduldige Käufer die Coins von überforderten Verkäufern absorbieren. Auffällig ist jedoch, dass sich der Preis diese Interpretation bislang nicht zu 100 % zu eigen macht.
Zum Stichtag der Argumentation liegt Bitcoin bei rund 80.543 USD, nach 0,7 % Plus auf Tagesbasis – zugleich aber mit einem Rückgang von 3,6 % im Oktober. Der Kurs liegt damit weiterhin 36,1 % unter dem Peak von 126.080 USD vom 6. Oktober 2025. Besonders aufschlussreich ist, dass der Schlusskurs am 26. Oktober bei 80.029 USD das niedrigste Niveau innerhalb eines Monats markierte. Genau hier entsteht die Spannung: Wenn ein Tief „hinter uns“ liegt, warum driftet der Markt dann weiter abwärts und lässt neues Kapital nicht sichtbar, sondern eher zögerlich werden?
Galaxy begründet seine Sicht mit drei Indikatoren, die in der Krypto-Analyse typischerweise als Kontra- oder Bestätigungssignale für Trendwenden genutzt werden. Erstens nennt das Unternehmen den 50-Wochen-Durchschnitt, also den durchschnittlichen wöchentlichen Schlusskurs über etwa ein Jahr; laut Bericht hätten aufeinanderfolgende Wochen-Schlusskurse bis zum 18. Oktober oberhalb dieses Niveaus gelegen. Zweitens betrachtet Galaxy „lang-dormante Wallets“, also Adressen, die seit Jahren keine Bewegung zeigen, und argumentiert, diese langfristigen Halter hätten seit 2024 in jedem Jahr weniger Coins in Umlauf gebracht. Drittens datiert Galaxy das Tief auf den 30. Juni, als Bitcoin mit 58.566 USD den niedrigsten Jahres-Schlusskurs markiert habe.
Gerade bei diesen Punkten gibt es aber Schwachstellen, die den „Bear-Case“ trotz der Juni-These stützen. Der wichtigste Einwand: Weniger Aktivität in alten Wallets heißt nicht automatisch, dass neue Nachfrage entsteht. Ein Transfer alter Coins kann ebenso Verkäufe, organisatorische Änderungen (zum Beispiel Konsolidierung von Wallets) oder technische Umstellungen im Custody-Betrieb bedeuten. Gleiches gilt für On-Chain-Daten grundsätzlich, weil ein großer Teil des Handels bei Krypto-Börsen im Orderbuch abläuft, ohne dass jede Zwischenstufe unmittelbar auf der Blockchain sichtbar „Kaufdruck“ oder „Verkaufsklarheit“ signalisiert. Dazu kommt die Trägheit der 50-Wochen-Linie: Der Markt kann kurzfristig bärisch bleiben, selbst wenn er langfristig noch über einem Jahresmittel notiert.
Weitere Indikatoren liefern daher ein weniger eindeutiges Bild. Bitcoin liegt zwar noch über dem 200-Tage-Durchschnitt von 72.990 USD, aber unter dem 20-Tage-Durchschnitt von 81.999 USD und auch unter dem 50-Tage-Durchschnitt von 81.806 USD; das ist häufig ein Umfeld, in dem Rallyes erst dann „sauber bestätigt“ werden, wenn der Markt nachhaltig wieder über kurzfristigen Mittelwerten handelt. Ebenso wenig liefert der Fluss frischen Kapitals derzeit klare Entwarnung: Spot-Bitcoin-ETFs meldeten zwischen dem 28. September und dem 26. Oktober Nettoabflüsse von 253,5 Millionen USD. Zwar gab es einzelne Tage mit Zuflüssen – etwa 526,6 Millionen USD am 19. Oktober und 528,4 Millionen USD am 21. Oktober – doch unmittelbar folgten deutliche Abflusstage wie 635,5 Millionen USD am 22. Oktober und weitere 137,9 Millionen USD am 23. Oktober. Erst am 26. Oktober kehrte sich der Trend zumindest teilweise um, mit 110,3 Millionen USD Zufluss; in der Bilanz schrumpften die gesamten Nettovermögen damit von 110,8 Milliarden USD (5. Oktober) auf 102,8 Milliarden USD (26. Oktober).
Auch sogenannte „Premium“-Signale und Futures-Positionen passen nicht nahtlos zu einem bereits abgeschlossenen Boden. Der Coinbase Premium, der den Kursunterschied zwischen Coinbase und ausländischen Handelsplätzen misst, war laut der Darstellung im Oktober durchgehend negativ. Das deutet darauf hin, dass Bitcoin auf Coinbase zeitweise günstiger gehandelt wurde als anderswo – ein häufiges Zeichen für zurückhaltende Nachfrage in den USA. Auf der Derivateplattform Hyperliquid, wo große Akteure typischerweise über Perpetual-Futures Positionen aufbauen, sollen die größten Trader Netto-Short-Positionen halten; wer short ist, profitiert bei fallenden Kursen. In einer klassischen Akkumulationsphase wäre dagegen typischerweise ein stabiler Zustrom über ETFs und eine positive Premium-Struktur zu erwarten – genau diese Muster bleiben hier laut Bericht volatil beziehungsweise negativ.
Vor diesem Hintergrund lautet das Kernfazit: Galaxy könnte mit der Datierung des Markttiefs im Juni richtigliegen, weil der Kurs zuletzt immerhin einen Sprung von rund 26 % über die vergangenen 90 Tage gezeigt hat und über dem 200-Tage-Durchschnitt handelt. Doch für „Bear Market Over“ fehlt bisher das entscheidende Bindeglied, das den Trendwechsel auch ökonomisch belegt: stabile, neue Zuflüsse, die den Abwärtstrend in ein belastbares Aufwärtsregime überführen. Wenn sich die Zuflüsse in Spot-Bitcoin-ETFs über das Niveau vom 21. Oktober hinaus ausweiten und der Coinbase Premium positiv dreht, könnte das als Vorbote für frisches Käuferinteresse dienen. Umgekehrt wäre es aus Sicht der Chart-Logik ein Warnsignal, wenn Bitcoin unter den 200-Tage-Durchschnitt von 72.990 USD schließen würde – dann würde der Kurs das Sommer-Rebound-Muster nachträglich wieder verlassen.
Für Anleger und Unternehmen, die Krypto als Liquiditäts- oder Treasury-Thema betrachten, bedeutet das vor allem eines: Es ist noch zu früh, die „Bottom“-These als abgeschlossen zu behandeln. Die Kombination aus rückläufigen ETF-Vermögen, negativer Premium-Struktur und dominanten Short-Positionen zeigt, dass der Markt noch keinen breiten Konsens über einen nachhaltigen Richtungswechsel gefunden hat. Gleichzeitig bleibt die Diskussion um KI und Quantencomputing als potenziell langfristige Einflussfaktoren im Hintergrund – in der Galaxy-Argumentation stellen diese Themen die Bitcoin-Protokoll-Sicherheit derzeit offenbar nicht grundlegend in Frage. Entscheidend wird deshalb kurzfristig weniger die Debatte über Technologie-Storys sein als die Frage, ob aus dem Juni-Boden auch wirklich eine neue Kapitalzufuhr entsteht.
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