LONDON (IT BOLTWISE) – Eine Auswertung von 30 Wintersaisons von 1996/97 bis 2025/26 zeigt: Für DAX und S&P 500 fallen die wichtigsten Gewinnanteile deutlich vor dem Jahreswechsel an. Wer erst im Januar einsteigt, landet im Durchschnitt schwächer als Anleger, die bereits im Oktober oder November beginnen. Als Treiber gelten vor allem Window Dressing und Steuerverkauf-Mechaniken, die in Deutschland und den USA unterschiedlich wirken. Gleichzeitig dämpfen neuere Jahre das klassische Bild des Januareffekts bei den Indexriesen.

Die Debatte wirkt altbekannt, aber sie bleibt für Privatanleger und institutionelle Portfolios praktisch relevant: Setzen sie auf die Jahresendrally, oder warten sie auf den Januar-Effekt? Die Datenlage legt nahe, dass Timing nicht nur eine Frage der Stimmung ist, sondern historisch messbare Renditeunterschiede erzeugt. Für den DAX und den S&P 500 zeigt eine Betrachtung der Monatsschlusskurse über 30 Wintersaisons von 1996/97 bis 2025/26, dass die Indexgewinne typischerweise lange vor dem Jahreswechsel eingefahren werden. Damit verschiebt sich die eigentliche Entscheidungsfrage: Nicht „Wann beginnt die Saison?“, sondern „Wann lohnt sich der Einstieg im Verlauf der Monate am meisten?“
Konkret endet der Winter für beide Indizes über einen definierten Zeitraum besonders häufig im Plus, wenn Anleger bereits im Oktober starten und bis Ende Januar „drin bleiben“. Beim als Performanceindex berechneten DAX gelingt dies in 22 von 30 Saisons, im Schnitt mit knapp sechs Prozent. Der S&P 500 schafft das ebenso oft, bleibt im Mittel jedoch bei fast vier Prozent – Dividenden sind hier nicht eingerechnet. Für ein reines Drei-Monats-Fenster sind das beachtliche Größenordnungen. Gleichzeitig zeichnet sich aber eine klare Abflachung in den neueren Jahren ab: In den 20 Saisons seit 2006/07 liegt der Durchschnitt beim DAX nur noch bei knapp vier Prozent, beim S&P 500 bei knapp drei Prozent, und positiv endeten jeweils lediglich 14 von 20 Wintern. Der klassische Wintermythos liefert damit zwar weiterhin eine Basis, aber er ist weniger stabil als früher.
Die Zeitdimension wird entscheidend, sobald man betrachtet, wie sich die Renditen im Verlauf der Monate verteilen. Beim DAX entfällt im Schnitt auf den November ein Plus von rund drei Prozent, der Dezember bringt knapp zwei Prozent dazu. Der Januar dagegen liefert nur noch knapp ein Prozent – damit ist er im Zeitverlauf der schwächste Hebel. Beim S&P 500 fällt das Muster noch deutlicher aus: Auf den November kommen rund 2,5 Prozent, im Januar dagegen nur gut 0,3 Prozent. Zusätzlich ist die Januarbilanz weniger konsistent; positiv war der Januar im betrachteten Zeitraum lediglich in 17 von 30 Jahren. Auch der reine „späte Einstieg“ zeigt die Tendenz: Wer erst am 1. Dezember beginnt, kommt bis Ende Januar beim DAX durchschnittlich auf gut zweieinhalb Prozent und beim S&P 500 auf gut ein Prozent. Noch ergiebiger ist das breite Fenster von Oktober bis Dezember, das den DAX im Mittel fast sieben Prozent beschert – der Januar wirkt hier weniger wie ein Startschuss und mehr wie ein Nachzügler.
Hinter dem saisonalen Muster stehen weniger mystische Marktpsychologie als zwei Mechanismen, die sich am Jahresende regelmäßig überlagern: Window Dressing und Tax-Loss Selling. Beim Window Dressing trennen Fondsmanager vor dem Bilanzstichtag am 31. Dezember typischerweise schwache Positionen und erhöhen stattdessen die Gewichtung von Gewinnern aus dem laufenden Jahr. Das soll den Jahresbericht „vorzeigbar“ machen, was in der Praxis häufig kurzfristig Nachfrage nach bereits gestiegenen Titeln erzeugt. Parallel nutzen viele Anleger Tax-Loss Selling, um Verluste steuerlich mit Gewinnen zu verrechnen. In Deutschland gilt dabei der 15. Dezember als feste Frist für die Verlustbescheinigung, wenn Verluste bei einer anderen Bank verrechnet werden sollen; ein sofortiger Rückkauf des zuvor verkauften Wertpapiers ist grundsätzlich zulässig. In den USA verhindert die Wash Sale Rule einen steuerlich anerkannten Verlust, wenn innerhalb von 30 Tagen ein im Wesentlichen identisches Papier zurückgekauft wird. Diese Regel schiebt Rückkäufe nach Steuerverkäufen im Dezember dort oft in den Januar.
Genau an dieser Stelle setzt der traditionelle Januareffekt an: Ein Plus besonders bei kleineren Werten, sobald Verkaufsdruck nachlässt und frisches Kapital aus Boni oder neuen Sparplänen in den Markt fließt. In der wissenschaftlichen Diskussion wurde der Effekt für US-Nebenwerte bereits Anfang der 2000er Jahre über lange Zeiträume beschrieben; Mark Haug und Mark Hirschey verwiesen 2006 im Financial Analysts Journal auf entsprechende Muster. Gleichzeitig zeigt spätere Beobachtung, dass sich der „Peak“ des Effekts verschieben kann: Jeffrey Hirsch, Herausgeber des Stock Trader’s Almanac, stellte bereits 2012 darauf ab, dass der Effekt sich überwiegend in die Mitte des Dezembers verlagert habe. Die Indexdaten passen in dieses Bild: Beim Russell 2000 stieg der Dezember in den 30 Wintern im Schnitt um knapp zwei Prozent, der Januar aber nur um rund 0,2 Prozent. Bei anderen Nebenwerte-Teilindizes kann der Januar dagegen kräftiger ausfallen; beim SDAX lag der Januar im Schnitt deutlich stärker als beim Russell 2000, mit gut 2,7 Prozent und in 19 von 27 Jahren im Plus. Dass sich solche Ausnahmen auch konkret zeigen, illustriert der Blick auf den Januar 2026, der im Kontext dieser Datenlage als Beispiel genannt wird.
Was bei den Nebenwerten im Fokus steht, beeinflusst am Ende auch die Erwartungshaltung an große Indizes. In der Praxis kommt hinzu, dass Zuflüsse in der Regel nicht nur aus „dem Kalender“ entstehen, sondern aus klaren Geldquellen: Altersvorsorgebeiträge, Jahresboni und Vermögensmandate werden nach der Feiertagspause in vielen Fällen relativ schnell in breit angelegte Produkte überführt. Scott Rubner, Leiter der Strategie für Aktien und Aktienderivate bei Citadel Securities, bezeichnete den Januar im Vergleich als einen besonders starken Monat für Mittelzuflüsse in diesem Segment. Eine weitere Analyse bezifferte das Plus bei Nettozuflüssen privater Anleger im Januar auf mehr als 50 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat; im selben Zeitraum legte der Russell 2000 im Januar um gut fünf Prozent zu, während der S&P 500 deutlich schwächer ausfiel. Für die konkrete Entscheidungsfrage „Oktober oder Dezember oder Januar?“ heißt das: Selbst wenn einzelne Teilsegmente den Januareffekt noch spüren, muss das nicht auf DAX und S&P 500 im gleichen Ausmaß übertragbar sein.
Trotz der spannenden Muster bleibt wichtig: Saisonstatistiken sind keine Garantie. Acht der 30 Winter endeten für beide Indizes im Minus, und es gab stark negative Ausreißer. In der Saison 2007/08 verlor der DAX vom Ende Oktober bis Ende Januar knapp 15 Prozent, und ein Jahr später zeigte auch der S&P 500 in ähnlichem Zeitfenster deutlichen Abwärtsdruck. Ebenso kann die Reihenfolge kippen: Im vierten Quartal 2018 fiel der DAX um fast 14 Prozent, bevor er im Januar 2019 wieder knapp sechs Prozent zulegte. Genau in solchen Fällen wird der späte Einstieg relativ attraktiv, obwohl der Durchschnittsvergleich eher zu früherem Einstieg tendiert. Hinzu kommt ein weiterer Punkt aus der Marktbeobachtung: Saisoneffekte müssen gar nicht „wegfallen“, um Anlegern Verluste zu bescheren; es reicht oft, dass sie zum falschen Zeitpunkt eintreten. Für die Portfolio-Planung bedeutet das: Wer sich auf den Kalender verlässt, braucht klare Kriterien für Risikokontrolle und akzeptiert, dass einzelne Jahre das statistische Bild deutlich überzeichnen können.
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