BERLIN / HAMBURG / LONDON (IT BOLTWISE) – Die Joachim Herz Stiftung stellt 20 Millionen Euro für einen Fonds nachhaltiger Technologien bereit, der eine Finanzierungslücke in der kritischen Übergangsphase von Forschung zu marktreifen Produkten schließen soll. Das Investment erfolgt gemeinsam mit der Berliner Plattform Marvelous und fokussiert unter anderem Materialien, Recycling-Ansätze und Robotik. Damit reagieren Stiftung und Investor auf das Problem, dass viele Start-ups nach der frühen Entwicklungsrunde vor allem für Scale-up- und Industrialisierungsfinanzierung zu wenig Kapital erhalten. Branchenkenner sehen darin einen wichtigen Hebel für den Transfer von wissenschaftlichem Know-how in dauerhafte Geschäftsmodelle.

Die Joachim Herz Stiftung baut ihre Rolle als langfristig orientierter Innovationsgeber in Deutschland weiter aus: Mit 20 Millionen Euro will sie einen Fonds für Zukunftstechnologien anschieben, der vor allem jene Phase adressiert, in der aus vielversprechender Forschung noch kein belastbares Geschäftsmodell geworden ist. Der Engpass liegt typischerweise nach der ersten Entwicklungsrunde, wenn Prototypen in industrielle Produktions- und Zulieferketten überführt werden müssen. Für die Stiftung ist das nicht nur ein finanzielles Signal, sondern ein organisatorischer Impuls, um Risiken besser zu teilen und Seed-nahe Vorhaben in Richtung Marktreife zu begleiten.
Konkret investiert die Stiftung in einen neuen Fonds der Berliner Investmentplattform Marvelous. Diese Konstruktion ist strategisch relevant, weil sie sowohl Kapital als auch eine Investment- und Netzwerkstruktur bereitstellt. In solchen Modellen wird häufig ein zweigleisiger Ansatz gewählt: Direktinvestitionen in Start-ups mit skalierbarer Technologie und gleichzeitig die kuratierte Verbindung zwischen Forschungseinrichtungen und industriellen Abnehmern. Während frühe Runden oft von Forschungs- oder Programmförderung getragen werden, übernimmt ein Fonds in der Übergangsphase die Finanzierung von Machbarkeitsstudien, Pilotanlagen und ersten kommerziellen Deployments.
Für viele Gründerteams ist diese Lücke besonders hart, weil klassische Kapitalgeber in der sogenannten „Valley-of-Death“-Region zögern: Der technische Nutzen ist zwar plausibel, aber die Kosten, Time-to-Market und technischen Integrationsrisiken sind schwer zu bewerten. Laut Prognosen der Stiftung und Marvelous könnte sich bis 2030 eine jährliche Finanzierungslücke von rund zehn Milliarden Euro in diesem Segment aufbauen. Genau hier setzt der neue Fonds an, indem er die Wahrscheinlichkeit des Erfolgs weniger allein über kurzfristige KPIs steuert und stattdessen Entwicklungsschritte mit klaren Meilensteinen finanziell absichert.
Inhaltlich richtet sich der Fonds auf nachhaltige Technologien, die messbar mit Klima- und Umweltschutz verknüpft sind. Dazu zählen fortschrittliche Materialien, Wiederverwertung von Abfällen sowie Robotik-Anwendungen, die Prozesse effizienter oder ressourcenschonender machen. Technisch bedeutet das: Die Projekte bewegen sich oft im Schnittfeld aus Werkstoffentwicklung, Prozesssimulation, Qualitätsprüfung und Automatisierung. Im Unterschied zu rein softwarebasierten Investments erfordern diese Vorhaben robuste Validierung, etwa durch Materialtests, Pilotbetriebe oder Verifikation von Umweltwirkungen über belastbare Datengrundlagen.
Marvelous verfolgt hierfür einen dualen Investitionsstil: Einerseits fließt Kapital in ausgewählte Teams, andererseits wird der Marktzugang durch Vernetzung zwischen Wissenschaft und Industrie aktiv erleichtert. Dieser Ansatz ist gerade bei nachhaltigen Technologien entscheidend, weil der „erste Kunde“ häufig über die Validität der technischen Annahmen entscheidet. Ein Industriepartner kann zum Beispiel Spezifikationen, Abnahmekriterien und Integrationsanforderungen liefern, die Labore allein schwer treffen. Vergleichbare Mechanismen sehen viele Marktteilnehmer auch in Programmen wie dem High-Tech Gründerfonds oder bestehenden Industrie-Accelerator-Ökosystemen, die ebenfalls stark auf Übergangsfähigkeit in die Anwendung setzen.
Dass die Stiftung dabei langfristig denkt, hat historische Wurzeln: Die Joachim Herz Stiftung wurde 2008 nach dem Tod des Hamburger Unternehmers Joachim Herz gegründet, der unter anderem als Mitinhaber von Beiersdorf und Tchibo bekannt war. Das anfängliche Stiftungsvermögen belief sich auf rund 1,3 Milliarden Euro, und die Mission zielt darauf, Unternehmergeist insbesondere in der Wissenschaft zu fördern. Der Schwerpunkt liegt auf risikobehafteten Prototypenphasen, in denen Transferleistungen häufig scheitern. Ein Finanzexperte bringt das im Branchenkontext auf den Punkt: „In der Übergangsphase entscheidet nicht nur die Technologie, sondern ob ein Team die Industrialisierung finanziell und operativ durchziehen kann.“
Aus Markt- und Wettbewerbs-Sicht verschiebt eine solche Initiative die Erwartungshaltung gegenüber dem deutschen VC-Ökosystem. Während staatliche Programme und klassische Fonds oft unterschiedliche Risikoprofile haben, kann ein fondsbasierter, zweigleisiger Ansatz die Lücke zwischen Förderung und Wachstum überbrücken. Zudem entsteht ein stärkerer Sog-Effekt: Start-ups gewinnen frühere Planbarkeit, weil Kapitalrunden nicht ausschließlich von Marktstimmung oder kurzfristigen Bewertungen abhängen. Für etablierte Unternehmen kann das ebenfalls Vorteile bringen, weil sie aus einer kontrollierten Pipeline heraus gezielter pilotieren und die Zusammenarbeit mit Hochschulen strukturierter gestalten.
Auch aus Perspektive von Sicherheit, Compliance und Datenschutz ist die Struktur relevant, wenngleich der Fonds primär technologie- und anwendungsorientiert ist. Gerade bei Robotik- und Industrieprojekten können Datenflüsse über Produktionsanlagen, Qualitätssignale oder Betriebsparameter entstehen, was Anforderungen an Zugriffskontrollen, Protokollierung und Verarbeitungszwecke mit sich bringt. In der EU muss zudem der regulatorische Rahmen für Umweltwirkungen, Produktnachweise und potenzielle Marktzulassungen berücksichtigt werden. Der Vorteil einer klaren Fonds- und Meilensteinlogik liegt darin, dass solche Themen nicht erst nach dem technischen Proof-of-Concept adressiert werden, sondern früh in Entwicklungspläne und Partnervereinbarungen einfließen.
In der Zukunft dürfte der stärkere Fokus auf nachhaltige Technologien dafür sorgen, dass mehr Projekte die Phase der Industrialisierung erreichen, ohne dass sie vorher „ausschließlich durch Kapitalmangel“ aus dem Rennen gehen. Entscheidend wird sein, wie der Fonds seine Auswahlkriterien und Verlaufsmeilensteine ausgestaltet, etwa im Zusammenspiel aus technischem Fortschritt, wirtschaftlicher Skalierung und Nachweisfähigkeit von Nachhaltigkeitswirkungen. Wenn das Modell aufgeht, könnten weitere Stiftungen und Fonds ähnliche Strukturen übernehmen und damit den Wettbewerb um bessere Transferqualität befördern. Für Entwicklerteams eröffnet sich damit eine realistischere Planungsgrundlage: Wer jetzt robuste Pilotpfade und messbare Integrationspläne liefert, kann schneller vom Labor in Richtung langfristige Industrienachfrage kommen.
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