NEW YORK / LONDON (IT BOLTWISE) – JPMorgan Asset Management warnt mit einem neuen Szenario-Set, wie sich die US-Schuldenlast über das nächste Jahrzehnt entwickeln könnte. Selbst im optimistischsten Fall steigt die Quote von Staatsschulden zu Wirtschaftsleistung bis 2036 auf rund 115%. Entscheidend ist dabei weniger ein fixes Enddatum als der Mechanismus: steigende Zinslast, politisch motivierte Risiken im Anleihemarkt und mögliche Glaubwürdigkeitsprobleme bei der Notenbank. Für Investoren verschiebt sich damit die Frage von „Ob“ zu „Wie“ und „wann“ – inklusive konkreter Spuren für Renditen und Marktverhalten.

J.P. Morgan Asset Management bringt die Debatte um die US-Staatsverschuldung in eine neue, weniger beruhigende Form. Der Chefstrategen David Kelly argumentiert seit Monaten, dass Amerika „langsam pleite geht“ – aber das Timing und vor allem der Übertragungsmechanismus auf Märkte sind nun detaillierter durchdekliniert. In seinem aktualisierten Szenario-Ansatz bleibt der Kern: Ein automatischer Zusammenbruch nach Kalenderplan ist unwahrscheinlich, doch die Verschlechterung schreitet strukturell voran. Selbst das als „Best Case“ bezeichnete Profil endet mit einer Schuldenquote von etwa 115% des BIP bis 2036, während die Basislinie deutlich höher liegt. Gerade diese Spanne macht politische Planung und Portfoliosteuerung schwieriger.
Technisch-mathematisch betrachtet beginnt die Lage mit einer schlichten Belastungsrechnung: Die US-Bundesverschuldung ist von rund 31% des BIP im Jahr 2001 auf etwa 101% heute gestiegen. Kelly ordnet diesen Anstieg nicht primär einer langen Phase schwacher Wirtschaftsentwicklung zu, sondern einer Generationenaufhäufung aus nicht hinterlegten Steuervergünstigungen, Konjunkturhilfen und Kriegs- bzw. Verteidigungsausgaben. Besonders deutlich wird die Zinsdimension: Für das laufende Jahr sollen allein die Zinszahlungen über 1 Billion US-Dollar liegen. Der Weg dorthin ist weniger „Schuldengras“ als ein Zins-Turbo, der Budgets zunehmend verengt und politisch schwer umsteuerbar macht.
Der Fortschrittsbericht gewinnt an Substanz, weil Kelly die politischen Annahmen früherer Projektionen teilweise „herausrechnet“ und daraus eine eigene Dynamik ableitet. So kritisiert er, dass Budgetpfade in älteren Modellen auf Erwartungen beruhen, die realpolitisch bereits überholt wirken – etwa bei Zolleinnahmen oder der Frage, ob Steuererleichterungen zeitlich auslaufen. Wenn man stattdessen von dauerhaft niedrigeren Einnahmen ausgeht, landet die Schuldenquote bis 2036 rechnerisch bei 127,7% statt bei niedrigeren Pfaden. Ergänzend werden im Modell eine Rezession und eine Phase inflationärer Effekte im kommenden Jahrzehnt als historisch normale Störgrößen berücksichtigt, wodurch 130% als robuste Arbeitsannahme gelten. Das ist weniger Prognose als Stress-Test für Investoren.
Für die Marktmechanik liefern Kellys Ausführungen einen konkreten, datengetriebenen Kanal. Er verweist auf Forschung der Federal Reserve Bank of Dallas, wonach ein Anstieg der Schuldenquote um einen Prozentpunkt die 5-Jahres-Vorschau auf die Rendite des 5-jährigen Treasury um etwa drei Basispunkte nach oben drückt. Bei einem Anstieg um 30 Punkte ergibt sich daraus eine rechnerische Renditeverschiebung um rund 90 Basispunkte bis in den Zeithorizont 2036. Wenn man die Ausgangslage von etwa 4,56% zugrunde legt, läge der Zielbereich grob bei 5,46%. Ergänzend deutet die längerfristige Schätzung darauf hin, dass die Zinsen über Jahrzehnte um mehr als 1,5 Prozentpunkte steigen könnten. Damit erscheint die „Debt-to-GDP“-Story nicht abstrakt, sondern renditesensibel.
Im „Best Case“-Szenario bleibt die Verschlechterung zwar langsamer und es kommt zu weniger Marktreaktionen – doch das liegt an mehreren Bedingungen, die zugleich politisch und ökonomisch anspruchsvoll sind. Kelly nennt als Bausteine einen überdurchschnittlichen Produktivitätsimpuls durch KI-Anwendungen, erleichterte Einwanderungsbedingungen für schnelleres Arbeitskräftewachstum sowie eine lange Phase gespaltenen Regierens, die verhindert, dass eine Seite kurzfristig neue ineffiziente Stimuli auflegt. Auch die Rolle der generativen KI taucht als Wachstumsfaktor auf, den das Congressional Budget Office teilweise bereits als Gegenpol zu steigenden Lasten berücksichtigt. Gleichzeitig warnt der Internationale Währungsfonds (IMF) vor einem „Zwei-Wege“-Effekt: KI kann zwar Produktivität und Verwaltung verbessern, aber sie kann zugleich Einkommen und Steuerbasen verformen oder Arbeitsmärkte destabilisieren. Genau dort liegt die zentrale Spannung zwischen technologischer Hoffnungslogik und fiskalischer Einnahmebasis.
Der worst-caseartige Pfad ist weniger eine einzelne Zahl als ein Bündel sich verstärkender Institutionenrisiken. Kelly formuliert, dass ein fiskalisches Krisenszenario „etwas wahrscheinlicher“ sei als ernsthafte Bemühungen, Defizite über Ausgabenkürzungen oder Steuererhöhungen zu reduzieren. In der Logik steht erstens ein möglicher Streit um die Schuldenobergrenze im Raum; wer diese Mechanik schon kennt, sieht darin ein Muster aus politischer Blockade und Marktnervosität. Zweitens nennt Kelly die Unabhängigkeit der Notenbank: Berichte über politischen Druck auf die Geldpolitik, einschließlich Versuchen, die Fed-Führung zu beeinflussen, könnten – im Extremfall bei Gerichtsentscheidungen – das Vertrauen in den Treasury-Markt erschüttern. Der IMF ergänzt die globale Dimension: Reale Zinsen lägen derzeit etwa sechs Prozentpunkte über dem Vorkrisenniveau, was jede bestehende Zinslast weltweit verstärkt. Valdés warnt sinngemäß: „This cannot wait forever“ – und der Internationale Kontext reduziert die Spielräume vieler Länder.
Damit verbindet Kelly seine Szenarien mit einem Blick auf Anpassungsoptionen, die in der Theorie existieren, politisch aber schwer durchsetzbar sind. Ausgabeanpassungen scheitern nach seiner Darstellung unter anderem daran, dass man das Zinsproblem nicht einfach „wegdrücken“ kann, ohne die Inflations- und Glaubwürdigkeitsarchitektur der Notenbank zu riskieren. Kürzungen bei Sozialprogrammen seien zudem politisch toxisch, und im Gesundheitsbereich kommen strukturelle Kostentreiber hinzu: demografische Alterung und teurere Therapien. Selbst Verteidigungsausgaben wären für einen starken fiskalischen Hebel eher auf internationale Koordination angewiesen, die Kelly als aktuell nicht sichtbar bezeichnet. Für den Rest bleibt wenig Schnittmenge: Bundes-Zivilbeschäftigung sei bereits stark reduziert worden, sodass zusätzliche Kürzungsreserven begrenzt wirken. Für Aktien wird der Effekt damit nur teilweise durch Zinsentlastung kompensiert.
Auch Steuererhöhungen bleiben als Hebel im Raum, aber Kelly räumt politische Widerstände ein. Breite Erhöhungen etwa bei Lohnsteuern oder flächendeckenden Einkommensteuersätzen seien schwer als realistisch zu fassen. Stattdessen betrachtet er gezieltere Maßnahmen wahrscheinlicher, etwa höhere Unternehmenssteuern oder zusätzliche Lasten für Haushalte mit höherem Einkommen, Kapitalerträge oder Nachlassbesteuerung. Fiskalisch könnten solche Optionen die Schuldenquote verlangsamen und kurzfristig Treasuries stützen, während Aktienreaktionen unklarer blieben: Niedrigere Renditen wären ein Rückenwind, aber höhere Steuern auf Anlageerträge drücken nachgelagerte Renditen und könnten Bewertungsniveaus belasten. Der IMF greift diesen Punkt auf und betont die Unsicherheit, wie KI konkret Arbeitsmärkte und Ungleichheit beeinflusst, wodurch Steuerprognosen zusätzlich wackeln. Dabla-Norris stellt dabei die Frage, ob staatliche Systeme „adaptable“ genug sind, während sich Risiken noch formen.
Als übergreifende politische Erklärung zieht Kelly einen Architektur-Vorteil für fiskalische Unverantwortlichkeit heraus. Das US-Wahl- und Abstimmungssystem sei so gebaut, dass Verantwortung für langfristige Haushaltsrisiken schwerer verankert wird: Erstens fördern Niedrigbeteiligungs-Primärsysteme extreme Positionen, zweitens verfestigen unbegrenzte Mittel und Sonderinteressen bestehende Ausgaben- und Steuerarrangements, und drittens lenkt die lange Kampagnenlogik die öffentliche Debatte eher auf den „Horse-Race“ statt auf Substanz. Daraus leitet Kelly ab, dass für das nächste Jahrzehnt keine ernsthaften Anstrengungen zu erwarten seien, Defizite substantiell über Steuer- und Ausgabenseite zu reduzieren. Interessant ist zugleich: Er plädiert nicht für das Ende langfristigen Investierens, sondern für das Ende der Annahme, dass der Status quo stabil bleibt. Das wahrscheinlichste Bild bleibt „going broke slowly“ – nun aber als rangierte Projektion mit messbaren Spuren für Zinsen und Marktpsychologie.
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