LONDON (IT BOLTWISE) – JPMorgan rechnet damit, dass Bitcoin gegenüber Gold zusätzlichen Rückenwind bekommen kann, sobald Investoren ihre ETF-Hedges reduzieren. Nach der US-Notenbanksitzung im späten Juli flossen sowohl in Bitcoin- als auch in Gold-ETFs Gelder, getragen vom „Debasement“-Trade. Die Analysten sehen jedoch eine Abkühlung: Inflation-adjustierte Anleiherenditen stiegen und der Senat brachte den „Clarity Act“ nicht weiter. Entscheidend ist für das Team vor allem das deutlich höhere Short-Interesse beim Bitcoin-ETF im Vergleich zum Gold-ETF.

Nach den jüngsten Zuflüssen in börsengehandelte Bitcoin- und Gold-Fonds rückt eine Frage in den Fokus, die in Kryptowährungsmärkten häufig unterschätzt wird: Wie stark sind Positionierungen tatsächlich „echt“ investiert und wie stark nur abgesichert? JPMorgan verweist in diesem Zusammenhang darauf, dass Bitcoin bei nachlassender Absicherungsnachfrage in den beteiligten ETFs relativ gesehen stärker steigen könnte als Gold. Hintergrund ist, dass die Zuflüsse nach dem Fed-Meeting im späten Juli zwar sichtbar waren, das Marktbild aber schon in der Folgezeit wieder differenzierter wurde.
Die JPMorgan-Argumentation knüpft an den sogenannten „Debasement“-Trade an, der nach Angaben der Analysten nach dem Treffen der US-Notenbank wieder eingesetzt hat. Konkret berichten sie von Inflows bei Bitcoin-ETFs und Gold-ETFs nach diesem Fed-Termin. Gleichzeitig sei der Effekt innerhalb der letzten Woche jedoch schwächer geworden, was sie mit steigenden inflationsbereinigten Anleiherenditen verbinden. Zusätzlich habe der Senat den „Clarity Act“ nicht weiter vorangebracht, wodurch sich das politische Risiko für den regulatorischen Ausblick vorerst nicht konkret reduziert habe.
Auch die Erholungsgeschwindigkeit ist laut JPMorgan unterschiedlich. Gold ETF-Nachfrage habe sich stärker erholt: Gold-ETFs hätten inzwischen alle Abflüsse aus früheren Monaten des Jahres zurückgeholt. Bei Bitcoin-ETFs sei dagegen erst etwa die Hälfte dieser Abflüsse wieder kompensiert. Für Investoren ist das mehr als nur ein Timing-Effekt, weil es zeigt, dass die Orderbücher nicht in gleicher Weise „durchatmen“. JPMorgan betont zudem, dass die jüngste Bitcoin-ETF-Nachfrage in den letzten Tagen bereits wieder nachgelassen habe, was kurzfristig zunächst weniger Spielraum für eine beschleunigte Erholung bedeuten könnte.
Der zentrale Unterschied liegt für das Team nicht primär in der Höhe der Futures-Positionen, sondern in deren Absicherungscharakter über die ETF-Struktur. Futures-Positionierungen sowohl bei Gold als auch bei Bitcoin seien weiterhin hoch, was auf unterstützende Beteiligung institutioneller Akteure hindeutet. Größer fällt demgegenüber das ETF-Short-Interesse ins Gewicht: Beim BlackRock iShares Bitcoin Trust ETF (IBIT) sei das Short-Interest weiterhin nahe am höchsten Niveau des Jahres. Beim SPDR Gold Shares ETF (GLD) liege das Short-Interesse dagegen unter dem historischen Durchschnitt.
JPMorgan zieht daraus eine klare Logik: Der Kontrast zwischen Short-Interest und der beobachteten Zuflussphase spricht ihrer Lesart nach für ein insgesamt skeptischeres Positionierungsumfeld bei Bitcoin als bei Gold. Das sei möglicherweise deshalb so, weil die Nachfrage nach Hedging bei Bitcoin höher ausfällt, selbst wenn gleichzeitig Futures aufgebaut werden. Ergänzend nennt das Team ein put-to-call-Open-Interest-Verhältnis, das für IBIT höher ausfällt als für GLD, was wiederum auf mehr Absicherungsaktivität im Umfeld der Bitcoin-ETF-Mechanik hindeuten soll.
Für die Marktmechanik ist diese Sichtweise besonders relevant, weil „Hedges“ häufig nicht linear mit den Preisbewegungen verschwinden. Wenn Absicherungsnachfrage reduziert wird, können sich Short-lastige Strukturen schneller entspannt haben als bei einem rein nachfragegetriebenen Rebound. Genau diesen Punkt hebt JPMorgan hervor: Aus Positionierungssicht könne das höhere Short-Interest beim IBIT gegenüber dem GLD mehr Unterstützung für Bitcoin erzeugen, falls die Hedging-Nachfrage zurückgeht. Gleichzeitig räumen die Analysten ein, dass andere Faktoren den künftigen Verlauf von Bitcoin und Gold ebenfalls beeinflussen können – die Positionierung sei nur ein besonders gut beobachtbarer Hebel.
Aus Unternehmens- und Investorensicht lohnt sich daran vor allem die Konsequenz für die operative Handels- und Portfolio-Planung. Wenn ETFs nicht nur als Kursvehikel, sondern auch als Absicherungs- und Positionierungsinstrument wirken, sollten Treasury-Teams und Asset-Manager die Indikatoren rund um ETF-Short-Interest, Put-to-Call-Verhältnisse und Futures-Engagement stärker gemeinsam interpretieren. In der Praxis heißt das: Eine Phase mit ETF-Zuflüssen muss nicht automatisch bedeuten, dass Hedger bereits vollständig „abgebaut“ haben. Für den Markt bedeutet das zugleich, dass sich die nächsten Ausschläge nicht allein am makroökonomischen Takt orientieren, sondern an der Frage, wie schnell sich Absicherungsstrukturen verändern, sobald sich die Nachrichtenlage zum Zins- und Gesetzesumfeld wieder beruhigt.
Für die kommenden Wochen dürfte damit weniger der kurzfristige Zufluss allein entscheidend sein, sondern die Kombination aus Renditeumfeld, politischer Signalwirkung und Positionierungsdaten. Steigen inflationsbereinigte Renditen weiter oder bleibt der regulatorische Ausblick politisch unklar, kann der Erholungsdruck bei Bitcoin-ETFs erneut gebremst werden. Umgekehrt könnte eine Entspannung bei der Hedging-Nachfrage den Unterschied gegenüber Gold verstärken – vor allem dann, wenn die bereits hohe institutionelle Futures-Absicherung nicht weiter über Shorts in den ETFs „gegenläufig“ gespiegelt wird. JPMorgan setzt genau darauf, dass die nächste Stufe der Unterstützung über die ETF-Absicherungsseite wahrscheinlicher wird, sobald Investoren weniger Bedarf sehen, Positionen über den Hedging-Kanal abzusichern.
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