ZÜRICH / LONDON (IT BOLTWISE) – Julius Bär meldet für das erste Halbjahr 2026 einen Rekordgewinn von 673 Millionen Franken und damit ein Plus von 128 Prozent. Die verwalteten Vermögen erreichen Ende Juni 547 Milliarden Franken, die Kostendisziplin verbessert das Kosten-Ertrags-Verhältnis. Gleichzeitig bleibt das Neugeld ein Sorgenpunkt: 5,7 Milliarden Franken netto, deutlich weniger als im Vorjahr. Damit rückt CEO Stefan Bollinger nach dem Signa-Desaster in den Mittelpunkt und muss zeigen, ob das operative Momentum dauerhaft in mehr Zuflüsse übersetzt wird.

Julius Bär liefert mit den Halbjahreszahlen 2026 erst einmal die Art von Signal, auf die der Kapitalmarkt bei Vermögensverwaltern reagiert: Ergebnisstärke, die sich in den Kennzahlen sauber ablesen lässt. Der Zürcher Anbieter für Wealth-Management steigert seinen Konzerngewinn im ersten Halbjahr auf 673 Millionen Franken, nach 295 Millionen Franken im Vorjahreszeitraum. Das entspricht einem Plus von 128 Prozent und macht deutlich, dass nicht nur das Marktumfeld, sondern auch interne Hebel gezogen wurden. Entsprechend klettert auch der Gewinn je Aktie auf 3,27 Franken (nach 1,44 Franken).
Bemerkenswert ist zudem, wie groß der Abstand zu den Erwartungen ausfällt: Der Gewinn liegt oberhalb eines veröffentlichten Konsensbandes, das zuvor eher um 630 bis 640 Millionen Franken gelegen hatte. Auch auf IFRS-Basis zeigt sich die Verbesserung breit: Der Vorsteuergewinn steigt um 120 Prozent auf 814 Millionen Franken, während die Ertragssteuern um 88 Prozent auf 141 Millionen Franken zulegen. Für die Einordnung ist das wichtig, weil Investoren bei Banken und Privatbanken schnell differenzieren wollen, ob sich ein Ergebnisvorsprung aus dem „Bottom-up“ des operativen Geschäfts speist oder ob Buchungseffekte dominieren. Die vorgelegte Spaltung zwischen Vorsteuer- und Steuerentwicklung spricht eher dafür, dass der operative Sprung tatsächlich im Kerngeschäft stattgefunden hat.
Der Vergleich zum Vorjahr ist allerdings nur dann vollständig, wenn man die Sonderbelastungen sauber gegenrechnet. Im Vorjahreszeitraum hatte Julius Bär mit Wertberichtigungen im Kreditportfolio von 130 Millionen Franken zu kämpfen sowie mit Verlusten aus dem Verkauf des lokalen Geschäfts in Brasilien. Genau diese Faktoren drücken die Basis und lassen die Wachstumsrate im direkten Vergleich überproportional wirken. Deshalb ist der Blick auf den bereinigten Konzerngewinn aussagekräftiger: Er lag im Vorjahr bei 511 Millionen Franken. Von dieser bereinigten Basis aus wächst der Gewinn im ersten Halbjahr 2026 um 32 Prozent – weiterhin stark, aber deutlich näher an einer „normaleren“ operativen Dynamik.
Technisch und betriebswirtschaftlich stützt Julius Bär die Ergebnisentwicklung über zwei Bausteine: Ertragsseite und Effizienzprogramm. Das Kosten-Ertrags-Verhältnis verbessert sich von 68,2 auf 62,6 Prozent, begründet durch ein laufendes Effizienzprogramm. Bis 2028 nennt die Bank Bruttoeffizienzsteigerungen von 130 Millionen Franken. Im ersten Halbjahr zeigt sich dabei bereits eine typische Entwicklungslogik: den Umsetzungskosten von 7 Millionen Franken stehen realisierte Nettoeinsparungen von 11 Millionen Franken gegenüber. Daneben wirkt die Markt- und Kundenaktivität. Vor allem im Umfeld volatiler Märkte steigt die Bedeutung eines funktionierenden Wealth-Management-Prozesses: Transaktions- und Beratungsvolumen werden dann zwar nicht garantiert, aber oft beschleunigen sie sich, wenn die Plattform aus Betreuung, Produktkompetenz und Risikosteuerung konsistent bleibt.
Am eigentlichen Kernbusiness – der Vermögensverwaltung – zeigt sich ebenfalls Bewegung. Die verwalteten Vermögen erreichen bis Ende Juni ein Allzeithoch von 547 Milliarden Franken, rund fünf Prozent mehr als zum Jahresende 2025. Treiber sind eine positive Entwicklung an den Aktienmärkten, Währungseffekte sowie frisches Kundengeld. Damit verteidigt Julius Bär in der Schweiz den Status als größter reiner Vermögensverwalter für wohlhabende und sehr vermögende Kundengruppen. In einem Umfeld, das im Jahr 2025 insgesamt anspruchsvoll war, ist diese Verteidigung auch deshalb relevant, weil sie beweist, dass Marktwert-Effekte nicht allein ausreichen: Die Plattform muss das Vertrauen halten, selbst wenn der Ruf durch ein „Übergangsjahr“ beschädigt sein kann.
Der eigentliche Härtetest liegt jedoch in der Zuflussseite, nicht im Bestandswachstum. Julius Bär erzielt im ersten Halbjahr 2026 einen Netto-Neugeldzufluss von 5,7 Milliarden Franken – deutlich weniger als die 7,9 Milliarden Franken im Vorjahreszeitraum. Hochgerechnet entspricht das im Gesamtjahr lediglich einem Wachstum von 2,2 Prozent, nach 2,9 Prozent im Jahr 2025. Bereits im Mai hatte die Bank die Wachstumsprognose gekappt und eine Verlangsamung in Aussicht gestellt, nachdem der annualisierte Neugeldzufluss der ersten vier Monate bei 1,7 Prozent lag und damit die selbst gesetzte Zielspanne von 4 bis 6 Prozent bis 2028 verfehlt. Dass die Börse daraufhin zeitweise fast neun Prozent nachgab, zeigt das Muster: Investoren schauen bei Vermögensverwaltern nicht nur auf Kosten und Gewinne, sondern vor allem darauf, ob „Assets under Management“ durch nachhaltige Zuflüsse weiter wachsen.
Genau hier kommt CEO Stefan Bollinger nach dem Signa-Debakel in seine erste echte Bewährungsprobe. Das Übergangsjahr 2025 war von Nachwirkungen geprägt, darunter erheblichen Kreditausfällen im Zusammenhang mit der damaligen Belastung. Der Rekordgewinn ist zwar ein starker Zwischenstand, aber die zentrale Frage bleibt: Schlägt das operative Momentum in dauerhaft höhere Neugeldzuflüsse um? Julius Bär nennt weiterhin ein mittelfristiges Neugeldwachstum von 4 bis 5 Prozent bis 2028. Gleichzeitig verweist die Bank darauf, dass die Umsetzung des Risiko- und Compliance-Rahmens bis ins Jahr 2027 hineinwirken dürfte. Das ist für den Vorstand ein Balanceakt: Zu strikte Vorgaben können Wachstum bremsen, zu lockere Vorgaben erhöhen wieder das Risiko – und gerade nach einem Schadenereignis wird der Markt vorsichtig.
Positiv ist dagegen, dass Julius Bär bilanziell komfortabel aufgestellt bleibt. Das den Aktionären zurechenbare Eigenkapital steigt um 2 Prozent auf 7,4 Milliarden Franken. Die Liquiditätsdeckungsquote klettert von 261 auf 344 Prozent, und auch die harte Kernkapitalquote verbessert sich spürbar: Das CET1-Kapital wächst um 9 Prozent auf 4,3 Milliarden Franken. Selbst nach der Rückzahlung von AT1-Zusatzkapitalinstrumenten im Volumen von 350 Millionen Dollar im März 2026 steigen sowohl Tier-1- als auch Gesamtkapital weiter. In der Theorie schafft dieses Polster Spielraum, um beim Neugeld wieder aufzuholen. Ob Bollinger diesen Spielraum strategisch und operativ tatsächlich nutzt, wird sich aber erst in den kommenden Quartalen zeigen, wenn sich mögliche Lockerungen bei risikoseitigen Vorgaben in der Zuflussstatistik erstmals messbar niederschlagen.
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