HAMBURG / LONDON (IT BOLTWISE) – Jungheinrich will über die neue Wagniskapitaltochter Uplift Ventures 100 Millionen Euro in europäische Deep-Tech-Startups und spezialisierte VC-Fonds investieren. Die 2025 gegründete Einheit stellt das Kapital über Direktinvestitionen sowie Fondsbeteiligungen bereit und adressiert damit auch Investments in den USA, Europa und Asien. Christian Noske übernimmt als General Partner die Verwaltung des Fonds. Für das Unternehmen geht es dabei vor allem um einen strukturierten Zugang zu Innovationsfeldern, die für die weitere Entwicklung relevant sind.

Jungheinrich setzt beim nächsten Schritt der Innovationsstrategie auf Kapital statt nur auf Partnerschaften: Der Gabelstaplerhersteller startet mit Uplift Ventures eine eigene Wagniskapitaltochter, die insgesamt 100 Millionen Euro in Startups lenken soll. Laut Unternehmensangaben hat die 2025 gegründete Einheit dafür einen Fonds aufgelegt und verbindet Direktinvestitionen in europäische Deep-Tech-Firmen mit Beteiligungen an Wagniskapitalfonds, die auf denselben thematischen Fokus ausgerichtet sind. Damit verschiebt Jungheinrich die typische Corporate-Venture-Logik von einzelnen Pilotprojekten hin zu einem dauerhaft finanzierten Technologie-Scouting, das neue Fähigkeiten schneller in die eigene Produkt- und Plattformentwicklung einbinden kann.
Technisch betrachtet ist die Investitionsarchitektur dabei mehr als ein reines “Nimm-Anteile”-Modell. Wenn Kapital sowohl in Einzelfirmen als auch in VC-Fonds fließt, verbessert sich häufig die Bandbreite des Dealflows, weil die Portfolioauswahl nicht nur von internen Sourcing-Kanälen abhängt, sondern auch über Fondsmanager abgedeckt wird. Genau dieses Prinzip will Jungheinrich nutzen: Die Mittel sollen in europäische Deep-Tech-Investitionen fließen, aber auch in Wagniskapitalfonds mit Deep-Tech-Schwerpunkt aus den Regionen USA, Europa und Asien. Für Unternehmen mit starkem Industriebezug ist das relevant, weil Deep-Tech-Lösungen oft einen längeren Weg von der Technologie bis zur industriellen Einsatzreife haben und man parallel mehrere Entwicklungsstadien abdecken möchte.
Die operative Schlagkraft soll dabei über den angekündigten General Partner Christian Noske kommen. Noske ist dafür aus der Corporate-Venture- und VC-Praxis ausgewählt worden: Vor Uplift Ventures war er fünf Jahre Partner bei NGP Capital, einer Wagniskapitalgesellschaft, die ursprünglich vom Netzwerkausrüster Nokia mitgegründet wurde und heute unabhängig agiert. Im Portfolio von NGP Capital werden dabei unter anderem Robotik-Firmen wie Anybotics und Graymatter Robotics genannt sowie das E-Scooter-Startup Lime und das Raumfahrt-Unternehmen The Exploration Company. Zuvor war Noske sechs Jahre bei i Ventures tätig, der Wagniskapitaltochter von BMW, die erst kürzlich selbst einen 300 Millionen US-Dollar schweren VC-Fonds aufgelegt hat.
Marktseitig ist das kein isoliertes Signal, sondern passt in eine breitere Bewegung im Börsen- und Industrieumfeld. In Deutschland investieren mehrere börsennotierte Konzerne über eigene VC-Einheiten in Startups: Der Bremer Raumfahrtkonzern OHB startete bereits 2016 einen VC-Arm und beteiligte sich unter anderem am Münchner Satelliten-Startup Constellr. Auch der Hamburger Auftragsforscher Evotec investiert seit 2016 über Evotec Ventures in Startups, während die Hamburger Optikerkette Fielmann ihre VC-Aktivitäten sogar über Fielmann Ventures schon 2012 begann. Im DAX sind parallel neben BMW weitere Namen mit eigenen VC-Einheiten präsent, etwa Airbus, die Allianz, BASF, die Deutsche Börse, Henkel und Siemens. Der rote Faden: Industrieunternehmen wollen Innovation systematisch finanzieren, statt sie ausschließlich über klassische Einkaufskanäle zu beziehen.
Für Jungheinrich dürfte der Nutzen vor allem in der strategischen Steuerung liegen. Das Unternehmen verweist darauf, sich von dem Fonds “einen wichtigen Zugang zu Innovationsfeldern” zu versprechen, die für die zukünftige Entwicklung besonders bedeutsam sind. Gleichzeitig steht der Wettbewerbsdruck im industriellen Handling-Umfeld schon jetzt unter Beobachtung: In dem Umfeld wird beim kleineren Konkurrenten Kion ein Zielbild genannt, wonach der Umsatz bis 2030 auf 10 Milliarden Euro verdoppelt und eine Ebit-Rendite von 10% erreicht werden soll. 2025 lag die Ebit-Rendite demnach bei 4,2%. Solche Zahlen machen deutlich, warum Corporate Venturing für Teile der Branche “nur” dann attraktiv ist, wenn daraus später verwertbare Produkt- und Prozessvorteile entstehen – und nicht bei reiner Hoffnung auf Exit-Erlöse stehen bleibt.
Einordnung in den Kontext Deep Tech: Die von Jungheinrich adressierten Bereiche sind typischerweise dort stark, wo Hardware-, Software- und Automatisierungslogik zusammenlaufen. Robotik, Sensortechnik oder auch neuartige Fertigungs- und Logistikansätze lassen sich oft nicht mit kurzfristigen Entwicklungszyklen allein abdecken; hier spielen Reifegrad, Talentdichte und IP-Entwicklung über mehrere Jahre eine entscheidende Rolle. Der Ansatz, in europäische Firmen direkt zu investieren und ergänzend über Fonds auch außerhalb Europas zu partizipieren, kann genau diese Wissens- und Talentstreuung abbilden. Gerade für einen Hersteller, dessen Produkte in der Praxis eng mit Betriebsprozessen verzahnt sind, ist der Zugang zu frühen Technologien oft wertvoller als die bloße Übernahme reifer Produktlinien.
Für Gründer und Technologieanbieter bedeutet das wiederum einen konkreteren Ansprechpartner und häufig auch einen beschleunigten Weg in die industrielle Validierung. Wenn Corporate-VCs wie Uplift Ventures mit klarer thematischer Ausrichtung und einem erfahrenen General Partner auftreten, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Ergebnisse aus den ersten Pilotphasen eher in Richtung Skalierung gedacht werden. Für Jungheinrich kann die neue Einheit damit ein Baustein werden, um Innovation entlang einer längeren Roadmap aufzubauen – ohne darauf angewiesen zu sein, dass externe Partner exakt zur richtigen Zeit die passende Lösung liefern. Ob sich daraus mittelfristig messbare operative Effekte ableiten lassen, hängt weniger von der Größe des Fonds ab als von der Umsetzung: Deal-Selektion, Beteiligungsstrategie und die Fähigkeit, aus Technologien in den Portfolios konkrete Produktanforderungen abzuleiten.
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