LONDON (IT BOLTWISE) – Kalshi bringt nach CFTC-Freigaben neue Perpetual Futures für Ethereum, XRP und Solana an den Markt. Ein DeFi-Insider warnt nun, dass solche Produkte Liquidität aus dezentralen Handelsplätzen abziehen und damit die Komposabilität innerhalb des Ökosystems schwächen könnten. Im Zentrum der Diskussion steht die Frage, wo am Ende die Settlement-Daten und die eigentliche Aktivität anfallen. Gleichzeitig wächst der Druck auf regulierte, teils „off-chain“ agierende Plattformen, Krypto-Finanzprodukte in vergleichbarer Form zu duplizieren.

Kalshi erweitert sein Produktportfolio im Derivatebereich spürbar Richtung Krypto und trifft dabei auf unmittelbaren Widerspruch aus der DeFi-Community. Hintergrund sind neue, von der US-Commodity Futures Trading Commission (CFTC) genehmigte Perpetual-Futures-Angebote für Ethereum (ETH), XRP und Solana (SOL). Während solche Produkte für viele Nutzer vor allem durch vertraute Trading-Mechaniken attraktiv wirken, argumentiert ein Mitgründer von Alliance, dass der strukturelle Effekt über den reinen Handelsort hinausgeht. Entscheidend sei nicht, wo Positionen eröffnet werden, sondern wo die zugrunde liegenden On-Chain-Settlement-Daten letztlich entstehen.
Die zeitliche Abfolge wirkt dabei wie eine strategische Beschleunigung: Berichten zufolge startete Kalshi zunächst Perpetual Futures auf Ethereum am 4. Juni, gefolgt von XRP und Solana am 10. Juni. Bereits kurz darauf wird die Debatte um „on-chain liquidity“ konkreter, weil die Diskussion nicht theoretisch bleibt. Der Experte nennt dabei auch Plattformen wie Hyperliquid und Polymarket als Referenzpunkte für Liquidität, die im DeFi-Kontext besonders wertvoll erscheint. Sein Kernvorwurf: Neue Produkte auf einer regulierten, aber nicht vollständig dezentralen Infrastruktur könnten Nutzer und Handelsvolumen aus dem dezentralen Handel „abziehen“.
Technisch lässt sich die Befürchtung so einordnen: In DeFi sind Liquidität, Positionen und Nutzeraktivität idealerweise direkt in Protokollen abbildbar, sodass Entwickler daraus neue Bausteine zusammensetzen können. Wenn dagegen ein Teil der Zustände (State) außerhalb der Kette verwaltet wird, sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass andere Anwendungen diese Informationen nahtlos integrieren. Das betrifft nicht nur die unmittelbare Handelsausführung, sondern auch Folgeprozesse wie Datenfeeds, Indexierungslogik, Risiko-Modelle und Mechanismen zur Wiederverwendung von Liquiditätspositionen. Der Experte formuliert es als „Second-Order Effect“: Weniger Liquidität auf der Chain bedeutet weniger kompositionsfähige Aktivität für das übrige Kryptosystem.
Regulatorisch betrachtet ist Kalshi zugleich Teil eines breiteren Trends: Unternehmen versuchen, den Markt für Perpetuals und Vorhersageprodukte durch CFTC-nahe Strukturen für traditionellere Marktteilnehmer zugänglich zu machen. Eine klare Implikation lautet jedoch, dass „reguliert“ nicht automatisch „on-chain“ bedeutet. Zwar kann ein regulierter Marktrahmen Barrieren senken und die Adoption von Derivaten fördern, aber die eigentliche Daten- und Settlement-Architektur bleibt ein kritischer Hebel. Genau hier setzt die Kritik an: Es bleibt unklar, ob die Liquidität langfristig in dezentralen Märkten wieder ankommt oder ob sie primär in zentraleren, off-chain-orientierten Zuständigkeitsbereichen gebunden wird. Das kann Auswirkungen auf Transparenz, Integrationsfähigkeit und damit die Innovationsdynamik in DeFi haben.
Der Markt selbst liefert bereits weitere Hinweise darauf, wie Kalshi sein Ökosystem ausbaut. Neben den ETH-, XRP- und SOL-Perpetuals soll Kalshi auch Freigaben für Hyperliquid-Perpetual-Futures erhalten haben. Zudem ist geplant, weitere Assets wie Stellar (XLM), Dogecoin (DOGE), Shiba Inu (SHIB) und Hedera (HBAR) auf einer dezentralen Futures-Plattform zu listen. Genau in solchen Ausbauschritten liegt die Marktlogik: Mit steigender Produktbreite sinkt die Einstiegshürde für Trader, und Liquidität wird in der Regel dort gebündelt, wo Ausführung, Margin-Handling und Nutzerkonten am reibungslosesten sind. Für dezentrale Konkurrenten bedeutet das eine potenzielle Verschiebung von Volumen, insbesondere wenn die Wege zur On-Chain-Integration länger oder weniger attraktiv werden.
Für die Wettbewerbsperspektive ist dabei weniger die reine Existenz von Perpetual Futures ausschlaggebend als deren konkrete Architektur. Hyperliquid und Polymarket stehen in der Debatte als Beispiele für Systeme, die mit Blick auf On-Chain-Nähe als besonders liquiditätsrelevant wahrgenommen werden. Kalshi hingegen bewegt sich in einem Umfeld, in dem regulierte Märkte und Standardisierung von Produkten schnelle Skalierung ermöglichen können. Dennoch bleibt die Frage, welche Daten und welcher State letztlich in Protokollen weiterverwendbar sind. Wenn Händler zwar „Krypto-Perps“ handeln, aber Settlement-Informationen und Aktivitätsmetriken nur eingeschränkt in dezentralen Anwendungen nutzbar sind, kann das die Entwicklung neuer Finanzbausteine bremsen. Entwickler bauen typischerweise dort schneller, wo der technische Zugang zu Zustand, Liquidität und Ereignissen direkt gegeben ist.
Ein weiterer Aspekt sind mögliche Präzedenzwirkungen: Der Experte warnt davor, dass erfolgreiche On-Chain-Konzepte perspektivisch in off-chain regulierte Produkte übersetzt werden könnten. Das würde die Consumer-Mechaniken vieler Krypto-Finanzprodukte angleichen, etwa durch ähnliche Auszahlungsstrukturen, Derivate-Logik oder marktnahe Benutzeroberflächen. Aus Marktsicht kann das zunächst positiv wirken, weil es Vertrautheit schafft und Kapital in die Asset-Klasse zieht. Gleichzeitig kann es die „Network Effects“ verlagern: Wenn Aktivität schwerer auf der Chain wiederverwendbar ist, verliert die dezentrale Ebene einen Teil ihres Hebels bei der Generierung neuer Anwendungen. Gerade im Enterprise-Umfeld, in dem Compliance- und Datenverfügbarkeitsanforderungen hoch sind, entscheidet diese Frage über die Integrationsstrategie vieler Teams.
Auch die regulatorische Gemengelage bleibt dynamisch. Berichten zufolge hat Kalshi neben der CFTC-Freigabe für Krypto-bezogene Perpetuals zusätzlich rechtliche Auseinandersetzungen und Präzedenzfälle im Umfeld der Sportvorhersagemärkte angestoßen. So wurde die CFTC-Position auch im Kontext einer Klage gegen New Mexico thematisiert, das sportbezogene Vorhersagemärkte auf Kalshi eingeschränkt haben soll. Solche Verfahren zeigen, wie stark der US-Regelrahmen die Ausgestaltung von Produkten beeinflussen kann. Für Betreiber bedeutet das: Marktreife und Skalierung hängen zunehmend davon ab, wie sich Produktlogik, Datenflüsse und Compliance in Einklang bringen lassen. Für Nutzer wiederum steigt die Bedeutung transparenter Informationen darüber, wo Risiken, Zustände und Ausführungsentscheidungen tatsächlich stattfinden.
In die Zukunft gerichtet dürfte die entscheidende Weiche weniger im „Welche Assets?“ liegen, sondern im „Wie wird On-Chain-State abgebildet?“ Wenn Anbieter den Austausch zwischen regulierter Ausführung und dezentraler Kompositionsfähigkeit verbessern, könnte das die Kontroverse entschärfen. Umgekehrt steigt das Risiko, dass Liquidität zwar zunächst in Perpetual-Ökosysteme fließt, aber in einer Weise gebunden wird, die dezentrale Protokolle weniger stark stärkt. Für Entwickler ergeben sich daraus zwei praktische Leitlinien: Erstens sollte man die Daten- und Settlement-Pfade von Handelsprodukten genau analysieren, bevor man sie als baubaren Baustein in neue Services integriert. Zweitens lohnt sich die Beobachtung, ob Wettbewerber ihre On-Chain-Integration über reine Token-Listings hinaus ausweiten. Sollte sich die Debatte wie prognostiziert zuspitzen, könnte sich die „On-Chain-Liquidität“ zu einem noch klarer bewerteten Qualitätsmerkmal entwickeln – auch für institutionelle Stakeholder, die langfristig planbare Datenflüsse verlangen.
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