KANADA / LONDON (IT BOLTWISE) – In Kanada steigt die Zahl der börsengehandelten ETFs auf über 2.000, mit rund 9% Wachstum zum Jahresende 2025. 2025 kamen mit 374 neuen Fonds so viele wie noch nie hinzu. Für Vermögensberater wird damit Know-your-Product (KYP) zur täglichen Arbeitsroutine: Sie müssen Kosten, Risiken, Struktur sowie Liquidität und Bid-Ask-Spreads systematisch prüfen. Gleichzeitig wird die Auswahl komplexer, weil immer häufiger auch ETFs mit Optionen und alternativen Bausteinen in Kundendepots landen.

Kanada erlebt derzeit ein ETF-Wachstum, das sich für Berater weniger nach „mehr Auswahl“ anfühlt als nach „mehr Filterarbeit“. Laut Angaben der kanadischen ETF-Branche sind mehr als 2.000 ETFs an kanadischen Börsen gelistet – ein Plus von knapp 9% gegenüber dem Ende 2025. 2025 selbst sticht noch stärker heraus: Mit 374 neu aufgelegten Fonds wurde ein Rekordjahr bei den Launches erreicht. Hinter dieser Zahl steckt keine homogene Entwicklung, sondern ein Gemisch aus echten Produktinnovationen, Promotions-getriebenen Trendprodukten, Kopien bestehender Strategien und Fonds, die sich vor allem im Hintergrund ändern – etwa bei der konkreten Umsetzung oder bei kleinen strukturellen Stellschrauben.
Der Kernkonflikt für Vermögensberater liegt dabei nicht nur in der schieren Menge, sondern in der regulatorisch geforderten Tiefe der Prüfung. Die Know-your-Product-Regeln (KYP) im Rahmen der Client-Focused Reforms aus dem Jahr 2021 verpflichten Berater, die Merkmale, Risiken, Struktur und Kosten der Produkte zu verstehen, die sie verkaufen oder empfehlen. Zusätzlich müssen Bestände jährlich überprüft werden. In der Praxis heißt das: Es reicht nicht, einen ETF nur anhand seines Namens oder der groben Kategorie (z. B. „Beteiligungs-ETF“, „Sektor-Produkt“ oder „Faktor“-Strategie) einzuordnen. Stattdessen entsteht ein wiederkehrender Arbeitszyklus aus Produkt-Ranking, Dokumentationsarbeit und laufender Plausibilitätskontrolle – besonders in einem Markt, in dem viele neue Produkte nur marginal differieren.
Für die technische und operative Umsetzung wird diese Pflicht konkret, sobald Berater einen ETF auswählen müssen, um eine Lücke im Portfolio zu schließen. So nutzt ein Senior Portfolio Manager bei Harbourfront Wealth Management in Vancouver laut Bericht ein internes Programm, das das ETF-Universum durchsucht und Kandidaten identifiziert, die zu den Anforderungen eines Mandats passen. Erst danach wird die Passung gegen Eignungskriterien geprüft: Dazu zählen die Risikotoleranz, die Einkommensziele sowie die steuerliche Situation des Kunden. Im nächsten Schritt folgt eine tiefergehende Due Diligence auf Bestandteilebene: Wie groß ist der Anbieter, welche Wertpapiere liegen zugrunde, gibt es Konzentrationsrisiken, und wie wirken sich Steuern und Gebühren auf das Gesamtprofil aus? Ebenso wichtig sind Liquidität und die tatsächlichen Handelsbedingungen über Bid-Ask-Spreads – denn selbst ein „passender“ Fonds kann im Alltag scheitern, wenn die Ausführungsqualität für die geplanten Ordergrößen zu schlecht ist.
Auch in Toronto beschreibt ein Wealth-Ansatz, wie KYP inhaltlich und datengetrieben organisiert wird. Amy Dietz-Graham, Senior Wealth Advisor und Portfolio Manager bei National Bank Financial Wealth Management, setzt bei der Auswahl ebenfalls an einem klar definierten „Bedarf“ an – etwa wenn einzelne Aktien den Zielsektor oder das gewünschte Thema nicht hinreichend abbilden oder wenn Einkommensgenerierung im Vordergrund steht. Der Abgleich erfolgt über Berichte aus dem eigenen Research, die vergleichbare Produkte gegenüberstellen. Dabei fließen Faktoren wie Kosten, Handels-Spreads, Liquidität und auch mögliche Hebelstrukturen in die Bewertung ein. Für die Beratungspraxis ist das vor allem dann entscheidend, wenn ETFs nicht nur „benennen“, sondern tatsächlich durch Struktur und Derivate andere Risikodynamiken erzeugen.
Je nachdem, wie komplex ein Fonds konstruiert ist, verschiebt sich die Arbeit von „Preis und Index-Traktierung“ hin zu „Funktionsverständnis“. Aravind Sithamparapillai, Finanzplaner und Gründer von AMA Wealth in Hamilton, erklärt beispielsweise, dass Berater bei index- oder index-nahen ETFs häufig relativ einfacher durch die jährliche KYP-Due-Diligence kommen. Ein Grund ist, dass viele Anbieter in diesem Segment offenbar bereits stark auf Gebühren optimiert haben („race to the bottom“ bei den Kosten). In solchen Fällen wird die Prüfung dann stärker auf die praktische Portfolio-Realität fokussiert: Stimmen die bestehenden Bestände gegen den Benchmark-Ansatz, und schneiden vergleichbare Alternativen möglicherweise besser ab? Der Aufwand verlagert sich damit von der Frage „Welcher ist der günstigste?“ zur Frage „Welcher erfüllt die Strategie tatsächlich mit besserer Umsetzung“.
Bei „Factor“-Strategien und anderen systematischen Ansätzen entsteht eine ähnliche Logik, aber mit anderer Messgröße. Sithamparapillai verweist darauf, dass Berater prüfen sollten, wie die gehaltenen Fonds ihre Benchmarks einhalten und wie sich die Produkte gegenüber ähnlichen Angeboten unterscheiden. Sobald jedoch Anbieter komplexere Strukturen auf den Markt bringen – etwa Covered-Call-ETFs oder Konstrukte, die neben dem Kernauszahlungsprofil zusätzliche Elemente aus alternativen Investments aufnehmen – wird das Verständnis der Mechanik zum entscheidenden Selektionskriterium. Der Harbourfront-Manager bringt es auf den Punkt, indem er im Fall von Optionsbestandteilen die Kernfrage stellt: Welcher Nutzen entsteht für den Kunden, und welcher Trade-off ergibt sich daraus? Wenn Covered Calls etwa die Chance auf Cashflow erhöhen, dann stellt sich gleichzeitig die Frage nach der Deckelung von Upside-Gewinnen. Das ist kein rein akademischer Punkt, sondern beeinflusst unmittelbar, wie sich ein ETF in verschiedenen Marktszenarien verhalten kann.
Gerade bei „esoterischeren“ Konzepten wie ETFs mit alternativen Bausteinen erwartet Sithamparapillai, dass Berater die erwartete Rendite des neuartigen Vermögenssegments nachvollziehen können. Noch wichtiger ist die theoretische Übersetzung von Strukturmerkmalen in Ergebniswirkungen: Wie wird Hebelwirkung Gewinne und Verluste potenziell verstärken, und wie verschiebt sich dadurch das Risikoprofil? Wenn diese Fragen nicht sauber beantwortbar sind, formuliert er eine klare Grenze: Dann ist das Produkt für ihn keine Option. Gleichzeitig kann eine stabile Beziehung zu ausgewählten, verlässlichen Anbietern helfen, die Informationsflut zu reduzieren. In der Praxis bedeutet das nicht nur bessere Beratung, sondern auch pragmatische Handelsaspekte: Wenn Liquiditätsbedingungen zu „Whipsaws“ führen können, hilft ein vertrauter Anbieter dabei, größere Orders so zu platzieren, dass der Preis nicht durch die Marktmechanik unnötig aus dem Ruder läuft.
Für den Markt insgesamt zeigt die Kombination aus Rekord-Launchzahlen und strenger KYP-Logik eine klare Entwicklung: Der ETF-Boom wird für viele Kundendepots weniger durch die „Idee des Monats“ getrieben, sondern durch die Frage, wie konsequent die Umsetzung geprüft und dokumentiert werden kann. Gleichzeitig entsteht für Vermögensverwalter ein Wettbewerbsvorteil dort, wo sie das Produktuniversum effizienter kuratieren können – etwa durch intern gepflegte Screening-Programme, wiederverwendbare Due-Diligence-Workflows und eine konsequente Bewertung von Liquidität und Handelsqualität. Wer diese Arbeit nicht nur einmalig, sondern jährlich im Sinne des KYP-Zyklus durchzieht, reduziert nicht nur Fehlentscheidungen, sondern schafft auch die Voraussetzung, neue Fonds überhaupt sinnvoll einzuordnen. Denn in einem Markt mit über 2.000 gelisteten ETFs entscheidet am Ende selten die Schlagzeile – sondern die Struktur, die Daten und die Umsetzbarkeit im Alltag.
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