LONDON (IT BOLTWISE) – Keyrock argumentiert, dass der Bitcoin-Zyklusboden noch nicht erreicht ist, weil BTC eine wichtige Schwelle für die aggregierte Kostenbasis bislang nicht unterschreitet. Entscheidend sind dabei Kennzahlen wie Short-Term Holder Cost Basis, Realized Price und die realisierten Verluste über 90 Tage. Der Markt stagniere zwar, doch laut dem Marktteilnehmer wirke das eher wie ein „Shakeout“ als wie eine echte Kapitulation. Für Anleger und Unternehmen zeigt die Lage vor allem, wie eng Trading-Optimismus und On-Chain-Realität inzwischen verknüpft sind.

Bitcoin liefert derzeit kein klares „Boden“-Signal, obwohl die Kurse nach den starken Bewegungen im Februar und den folgenden Wochen spürbar konsolidieren. Keyrock, ein Krypto-Marktmacher, stellt in einem aktuellen Research-Report darauf ab, dass BTC noch unterhalb eines Niveaus handeln müsste, das in früheren Bärenphasen als Startpunkt tieferer Drawdowns fungierte. Im Kern geht es weniger um den absoluten Preis, sondern um die Frage, ob der Markt bereits die Kostenbasis großer Käufergruppen „testet“ und damit Angebot aus erschöpfteren Beständen entsteht.
Technisch-ökonomisch betrachtet nutzt Keyrock mehrere On-Chain-nahe Kostenbasis-Metriken als Filter. So betrachtet das Unternehmen die Short-Term Holder Cost Basis, also den durchschnittlichen Preis, den Coins repräsentieren, die in den vergangenen 155 Tagen bewegt wurden. Diese kurzfristige Kostenbasis liegt laut Report bei rund 71.400 US-Dollar. Solange BTC darunter nicht deutlich ausbricht, bleiben neuere Käufer demnach „unter Wasser“ zwar, aber der Verkaufsdruck wird offenbar noch nicht in jener Form sichtbar, die in früheren Zyklusböden zum dominanten Treiber wurde.
Für die Gesamtbewertung unterscheidet Keyrock dann zwischen der Kostenbasis der gesamten zirkulierenden Coins und dem Preisniveau einzelner Kohorten. Der Report nennt für die aggregierte Kostenbasis eine Art Durchschnitt der Realized Price: über alle Coins hinweg liegt dieser Wert bei etwa 53.400 US-Dollar. BTC handelt aktuell rund 12% darüber, wodurch Keyrock argumentiert, dass das breitere Marktbuch noch nicht die „tiefergehende“ Verlustzone erreicht hat, die man typischerweise mit echten Zyklusböden verbindet. Als zusätzliches Warnsignal führt das Unternehmen realisierte Verluste an: Im 90-Tage-Schnitt betrügen sie laut Keyrock etwa 205 Millionen US-Dollar pro Tag.
Diese Kombination – moderates Stagnieren beim Kurs bei gleichzeitiger spürbarer Verlustrechnung – ordnet Keyrock dem Verhalten eher „verletzter“ kurzfristiger Halter zu. Denn der Report legt nahe, dass vor allem kurzfristige Bestände besonders verwundbar geworden sind: Über 95% dieser Gruppe seien seit Beginn des Juni unterhalb ihres Einstandsniveaus. Gleichzeitig bleiben langfristige Halter im Plus, was die Preissignale entkoppelt. Ähnlich wie Datenanbieter wie Glassnode oder CryptoQuant solche Kohorten- und Realized-Price-Analysen operationalisieren, argumentiert Keyrock, dass der Markt noch nicht in die Phase übergegangen ist, in der Angebot aus profitables Kapital zwangsläufig dominiert.
Historisch ist der Abgleich mit früheren Wendepunkten für Keyrock zentral. Der Report verweist darauf, dass echte Zyklusböden – von 2018 bis hin zur Phase rund um den FTX-Zusammenbruch – jeweils mit Bitcoin unter der aggregierten Realized-Price gehandelt worden seien. Daraus leitet das Unternehmen ab, dass die „Drawdown-Reise“ noch nicht bei diesem Punkt angekommen ist. Sinngemäß formuliert Keyrock, dass die derzeitige Bewegung eher einer Bereinigung der zuletzt hinzugekommenen Käufer entspricht als einer Kapitulation des Gesamtmarkts. Das ist auch eine Marktpsychologie-Frage: Solange der größere Anteil der Coins nicht unter seine Kostenbasis gedrückt wird, fehlt oft der Schub, der weitere Verkäufer in kurzer Zeit in die gleiche Richtung treibt.
Der Blick auf das Umfeld verstärkt diese Lesart. Parallel zu der Kursschwäche in bestimmten Phasen berichten Branchenquellen, dass Bitcoin-ETFs zuletzt über mehrere Wochen hinweg Kapitalabflüsse verzeichneten und damit die Nachfrage nicht stützten. Für die Unternehmenspraxis ist das weniger „Stimmung“, sondern eine konkrete Liquiditätskomponente: ETF-Ströme wirken oft wie ein langsam wirkender Filter, der risikobereite Investoren entweder bestätigt oder herauszieht. Wenn dann On-Chain-Metriken wie Realized-Price und Short-Term Holder Cost Basis weiter keine klare Bodenbestätigung liefern, entsteht ein Rahmen, in dem kurzfristige Volatilität dominiert, während größere systematische Nachfrage noch zögert.
Was bedeutet das für die Zukunft – und warum sollten auch Nicht-Trader hinschauen? Auf der technischen Seite wäre ein Szenario plausibel, in dem der Markt zuerst die 53.400-US-Dollar-Zone als entscheidenden Schwellenwert testet und sich danach zeigt, ob daraus neue Stabilität entsteht oder ob der Verkaufsdruck weiter eskaliert. Keyrock nennt dabei 60.000 US-Dollar als möglichen Akkumulationsbereich, ordnet aber gerade 53.400 US-Dollar als Niveau ein, das die Einordnung „mittlerer Korrekturzyklus“ versus „Beginn einer tieferen Bodenbildung“ trennt. Ergänzend folgt daraus für Produkt- und Plattformanbieter: Wer KI- oder Risiko-Modelle für Krypto-Exposures betreibt, muss Realized-Price-Metriken und Kohortenverhalten dynamisch in Feature-Pipelines integrieren, statt nur auf historische Volatilität zu starren.
Regulatorisch und damit auch für Datenschutz/Compliance bleibt das Thema indirekt, aber relevant. In Europa sorgen Rahmen wie MiCA dafür, dass Anbieter genauer zwischen Werbematerial, Reporting und KYC/AML-Pflichten unterscheiden müssen – besonders, wenn Kunden über Fondsstrukturen oder Verwahrstellen indirekt in Kryptoexponierte Produkte gehen. Gleichzeitig steigt der Druck auf Unternehmen, Risikoberichte nachvollziehbar zu dokumentieren: Wenn Kennzahlen wie Short-Term Holder Cost Basis oder realisierte Verluste Grundlage für interne Entscheidungen werden, sollte das Reporting auditierbar sein. Der nächste Marktimpuls wird damit nicht nur ein Kursereignis, sondern auch ein Compliance- und Modellvalidierungsereignis: Wird die Schwelle nach unten durchbrochen, müssen Trading- und Sicherungsstrategien sofort mit neuen Risikoparametern rechnen.
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