LONDON (IT BOLTWISE) – Krypto-Investoren rücken weg von der reinen Platzierung nach Marktkapitalisierung und schauen stattdessen stärker auf Marktchancen, Adoption und Value Capture. In Gesprächen wird Hyperliquid als frühes Beispiel genannt, bei dem HYPE anhand von Aktivität und wirtschaftlichem Modell bewertet wird. Gleichzeitig treiben Perpetual-Futures zwar weiter kurzfristige Kursbewegungen, aber Revenue, Nutzung und Gebührenstruktur gewinnen über längere Horizonte an Gewicht. Für die Token-Auswahl verschiebt sich damit der Schwerpunkt von „größer als der nächste Layer“ hin zu nachweisbaren Erlösquellen.

KI-gestützte Fundamentalanalyse ersetzt bei Krypto-Investments das CoinMarketCap-Ranking
KI-gestützte Fundamentalanalyse ersetzt bei Krypto-Investments das CoinMarketCap-Ranking (Foto: IT BOLTWISE)
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Der Trend ist in den Portfolios weniger laut als im Trading-Floor zu spüren: Viele Investoren bewerten Krypto-Assets zunehmend nach der Frage, welche reale Marktchance ein Projekt adressiert und wie viel wirtschaftlichen Gegenwert es daraus tatsächlich in Form von Gebühren oder dauerhaften Wertbeständen zurück in das Netzwerk zieht. Die Diskussion dreht sich dabei um ein konkretes Messproblem. Ein reines Marktkapitalisierungs-Ranking beschreibt nicht, ob eine Nutzerbasis wiederkehrende Umsätze erzeugt, ob Gebühren zahlende Teilnehmer vorhanden sind oder ob Kapital im Ökosystem „klebt“. In diesem Kontext wird in der Branche häufig vom Ende der Orientierung am „CoinMarketCap-Leaderboard“ gesprochen, weil Anleger die Rangliste als Einstiegshilfe betrachten, aber als Entscheidungsgrundlage immer weniger gelten lassen.

Für die Praxis bedeutet das eine methodische Verschiebung: Statt Tokens als „kleinere Version“ größerer Ketten zu betrachten, schauen Marktteilnehmer auf die konkreten ökonomischen Hebel des jeweiligen Systems. Hyperliquid wird in dem Zusammenhang als anschauliches Beispiel genannt. Investoren könnten bei der Derivateplattform nicht nur das Kursverhalten lesen, sondern die Handelsaktivität und die zugrunde liegenden Wirtschaftsmechanismen heranziehen, um HYPE in Relation zur Nutzer- und Volumenrealität zu bewerten. Dass der Token laut den genannten Angaben im vergangenen Jahr etwa 20% zulegte, dient dabei als Illustration, nicht als Beweisformel: Der Punkt ist, dass die Bewertung auf Fundamentaldaten aufsetzt, die man mit Aktivität und ökonomischer Struktur verbinden kann.

Technisch betrachtet bleibt jedoch ein zweiter Faktor dominant, wenn man auf den Tageskurs schaut: Perpetual-Futures liefern kurzfristig oft die Preisimpulse. Jasper De Maere, OTC-Trader bei Wintermute, ordnet das so ein, dass Perpetual-Futures-Volumina über viele große Tokens hinweg häufig ein Vielfaches der Spot-Volumes erreichen. Intraday entscheidet dann weniger ein langfristiges Umsatzmodell, sondern die Kombination aus Funding-Mechanik, Positionierung und Liquidationen. Diese Trennung erklärt, warum „Fundamentals“ zwar nicht jede Schwankung sofort ausmerzen, aber die Spielregeln über längere Horizonte verändern können. De Maere formuliert das Bild als Rollenverteilung: Fundamentaldaten setzen eher den Boden und die Shortlist, während der Orderflow am Ende den konkreten Preis zum jeweiligen Zeitpunkt bestimmt.

Das führt in der Marktmechanik zu einem selektiveren Anlageverhalten. Über den Zeitraum von zwölf bis achtzehn Monaten habe sich die Aufmerksamkeit von reiner Infrastruktur stärker zu Anwendungen und Appchains verschoben, die in bestehende Denkmodelle aus Venture Capital und klassischem Finanzwesen passen. In Bereichen wie DeFi, bei dezentralen Perpetual-Futures-Plattformen oder bei Netzwerken dezentraler physischer Infrastruktur gewinnen daher Kennzahlen an Bedeutung, die über „nur“ Transaktionszahlen hinausgehen. Revenue, Usage und Value Capture werden dabei als Sortierkriterium genutzt, insbesondere um zu beurteilen, welche Tokens Drawdowns besser überstehen oder es in die Angebotslisten institutioneller Allokatoren schaffen. Interessant ist zudem der Hinweis, dass institutionelle Gegenparteien bei Wintermutes OTC-Spot-Flow (laut den genannten Zahlen) anteilig deutlich zulegten: etwa 72% im ersten Halbjahr 2026 gegenüber rund 59% ein Jahr zuvor. Das wirkt wie ein Filter, weil institutionelle Entscheider häufig stärker auf belastbare Muster und wiederholbare Erlöslogiken achten.

Die Verschiebung zeigt sich auch in der Art der Assets, die Kapital anziehen. De Maere beschreibt, dass die Flows sich auf große Kryptowährungen und eine kleine Auswahl von Tokens mit laufender Umsatzgenerierung konzentrieren; als „neue“ Kategorie treten tokenisierte Real-World-Assets besonders hervor. Gleichzeitig mahnt er zur Vorsicht: Der beobachtete Outperformance-Effekt bei revenue-getriebenen Tokens sei teils fundamental begründet, teils aber auch eine Folge der aktuellen Narrativbildung – und diese beiden Ursachen ließen sich im Ergebnis schwer trennen. Genau darin liegt die Herausforderung für Research-Teams: Eine Kennzahl kann zugleich Ursache und Wirkung sein, wenn der Markt die gleiche Information als Signal erneut interpretiert. Dazu kommt die divergierende Entwicklung zwischen Krypto-Token-Performance und börsennotierten Unternehmen aus dem Krypto-Umfeld. Laut einer Bitwise-Marktübersicht seien Kryptowährungen in der ersten Jahreshälfte um 36% gefallen, während Krypto-Aktien um 23% gestiegen seien – ein Hinweis darauf, dass sich die beiden Gruppen in ihren Bewertungslogiken weiter auseinanderbewegen, ohne dass daraus automatisch eine dauerhafte „Überlegenheit“ der einen Seite abzuleiten wäre.

Noch stärker wird der Fundamentalanstieg bei solchen Projekten sichtbar, die nachvollziehbare, on-chain verifizierbare Messgrößen liefern. Brendan Ma, Investment-Strategiechef bei der Arbitrum Foundation, betont genau diese Trennschärfe: „glaubwürdige“ Metriken seien die, die Kosten verursachen, sich verifizieren lassen und nicht beliebig „synthetisiert“ werden können. Fee Revenue, Fee-zahlende Nutzer und Kapital, das im Netzwerk verbleibt – etwa Stablecoin-Bestände und tokenisierte Assets – zählen dabei zu den schwerer manipulierbaren Größen. Dagegen könne man Address Counts und Total Value Locked durch Incentives oder Bots aufblasen. Auf dieser Logik aufbauend stellt Ma Arbitrum als Beispiel heraus: Das Netzwerk habe laut den genannten Angaben mehr als 2,7 Milliarden Transaktionen seit Bestehen verarbeitet, darunter mehr als 500 Millionen im Jahr 2026. Ergänzend wird erwähnt, dass im Rahmen des Erweiterungsprogramms 10% der Net-Protocol-Revenues dieser Chain in das Arbitrum-Ökosystem zurückfließen.

Für Asset-Allocator und Vermögensverwalter ändert sich damit auch die Rolle von indirekten Produkten. Bitwise-Chef Hunter Horsley weist darauf hin, dass Indexprodukte eine breite Krypto-Exposure ermöglichen, ohne dass Anleger jedes einzelne Gewinnerprojekt aktiv auswählen müssen. Gleichzeitig bleiben aber die Auswahlkriterien relevant, denn Indizes sind nicht neutral, sondern bilden wiederkehrende Selektionsregeln ab. Auf Makro-Ebene kommt ein weiterer Gedanke hinzu: Zach Pandl, Research-Head bei Grayscale, ordnet Bitcoin als Makro-Asset ein, das vor allem mit der Nachfrage nach Alternativen zu Fiat-Währungen verknüpft ist. Für andere Kryptowährungen steige dagegen die Prüfung, wie stark ihre zugrunde liegenden ökonomischen Modelle funktionieren. In seinem Ausblick wird ein wachsender Bedarf an digitalen Assets jenseits von Bitcoin skizziert – gestützt durch Stablecoins, tokenisierte Assets und DeFi-Werkzeuge. Für Unternehmen und Plattformbetreiber bedeutet das vor allem eines: Wer KI-gestützte oder manuelle Analytics aufsetzt, sollte nicht nur Wachstumsgrafiken sammeln, sondern die Kette von Aktivität zu Gebühren und zu Wertbindung so weit wie möglich durchmessbar machen. Denn genau dort entscheidet sich in der Praxis, welche Projekte aus Sicht längerfristiger Allokatoren in die „Shortlist“ gelangen, während kurzfristige Preisbewegungen weiterhin stark durch Perpetual-Futures und Orderflow geprägt bleiben.


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