LONDON (IT BOLTWISE) – Laut einer repräsentativen Bitkom-Umfrage nutzen viele Lehrkräfte bereits KI für schulische Aufgaben und Kontrollen. Besonders kritisch: 7 % setzen KI zur Benotung ein und prüfen das Ergebnis anschließend nicht selbst nach. Gleichzeitig wünschen sich die meisten klare Regeln und fordern von Schülerinnen und Schülern Transparenz beim KI-Einsatz. Damit rückt die Frage in den Fokus, wie sich Automatisierung im Unterricht verantwortungsvoll in Prüf- und Bewertungssituationen integrieren lässt.

Die Benotung im Klassenzimmer ist ein sensibler Prozess, weil sie nicht nur Wissen abbildet, sondern auch Konsequenzen für Lernwege hat. Genau dort zeigt eine neue repräsentative Erhebung des Digitalverbands Bitkom eine Lücke zwischen dem Wunsch nach Entlastung und der Realität im Schulalltag. Während Künstliche Intelligenz (KI) an vielen Schulen längst angekommen ist, scheint die Kontrolle über das Ergebnis in einzelnen Fällen nicht ausreichend abgesichert zu sein. Das betrifft insbesondere Situationen, in denen KI die Bewertung anstößt und Lehrkräfte das Resultat anschließend ungeprüft übernehmen.
Für die Untersuchung wurden 501 Lehrer der Sekundarstufen I und II in Deutschland telefonisch befragt. Laut Daten nutzt bereits jede fünfte Lehrkraft KI, um Aufgaben und Prüfungen zu kontrollieren; 58 % setzen die Technologie für schulische Zwecke ein. Die Umfrage liefert damit nicht den Eindruck, als handele es sich um ein Randphänomen. Noch deutlicher wird jedoch die Brisanz in der Teilgruppe, die KI direkt in die Benotung einbindet: 7 % der Befragten gaben an, KI für die Benotung einzusetzen, ohne das Ergebnis anschließend selbst zu überprüfen. In diesen Fällen kann die Bewertung eines Schülers zumindest teilweise ungeprüft von einer KI übernommen worden sein.
Technisch betrachtet hängt die Problematik nicht allein an der Frage, ob ein KI-System überhaupt „Benotung“ ausgeben kann, sondern daran, wie die Berechnung in den bestehenden pädagogischen Prozess eingebettet wird. Ein KI-Tool kann Feedback auf Sprache, Struktur und Erfüllung von Kriterien liefern, doch die Qualität hängt stark davon ab, welche Eingaben es erhält, wie die Aufgabenstellung formuliert ist und wie ein Bewertungsmaßstab umgesetzt wird. Wenn Lehrkräfte das Ergebnis nicht nachprüfen, verschwimmen Verantwortlichkeiten: Fehler oder systematische Verzerrungen lassen sich dann nicht mehr durch fachliche Plausibilisierung korrigieren. Genau diese Plausibilisierung ist aber ein zentraler Teil professioneller Lehrtätigkeit, weil sie Kontext berücksichtigt, die über Textmuster hinausgehen.
Der Druck für mehr KI-Einsatz kommt dabei nicht nur von außen, sondern auch aus den Schulen selbst. Bitkoms Ergebnisse zeigen, dass 50 % der Lehrer sich KI-Anwendungen wünschen, die Routineaufgaben übernehmen. Gleichzeitig gehen 19 % davon aus, dass KI die Rolle von Schule und Lehrkräften grundlegend verändert. Allerdings treffen diese Erwartungen auf eine organisatorische Realität, in der nicht überall klare Regeln existieren: Nur 57 % berichten von klaren Vorgaben zum KI-Einsatz an ihrer Schule. Dazu passt, dass 51 % angeben, sich von der Technologie überfordert zu fühlen. Das ist weniger ein Widerspruch als ein Signal: Ohne Leitplanken wird aus dem potenziellen Effizienzgewinn schnell ein Risiko für Konsistenz, Transparenz und Vertrauen.
Besonders interessant ist der Blick auf die andere Seite des Klassenzimmers. Eine deutliche Mehrheit der Lehrkräfte, nämlich 92 %, möchte, dass Schülerinnen und Schüler kennzeichnen müssen, wenn sie KI für schulische Aufgaben genutzt haben. Gleichzeitig sehen viele die Durchsetzung skeptisch: 70 % halten die KI-Nutzung durch Schüler für kaum kontrollierbar. Zwölf Prozent erlauben deren Einsatz sogar bewusst in Prüfungssituationen. In der Summe entsteht damit ein Spannungsfeld: Während Lehrkräfte Transparenz einfordern und Kontrolle schwierig finden, existieren zugleich Vorgehensweisen, die KI bereits als Teil des Bewertungs- oder Prüfgeschehens akzeptieren.
Für Schulleitungen, Schulträger und IT-Verantwortliche folgt daraus vor allem ein praktischer Handlungsbedarf: Der nächste Schritt ist weniger „mehr KI“, sondern ein belastbares Rahmenwerk, das definiert, wann KI als Assistenz eingesetzt werden darf und wann eine eigenständige fachliche Prüfung zwingend erforderlich bleibt. Aus der Umfrage lässt sich lesen, dass viele Lehrkräfte den Nutzen erkennen, aber zugleich Strukturen brauchen, um das Risiko ungeprüfter Entscheidungen zu reduzieren. Dazu gehören unter anderem Regeln für den Umgang mit KI-Ergebnissen, Vorgaben zur Dokumentation und klare Kriterien, wie Aufgabenformate so gestaltet werden, dass KI-Unterstützung sinnvoll bleibt. Nur so kann aus Automatisierung echte pädagogische Qualität entstehen, statt dass Bewertungen durch Modellfehler oder Interpretationslücken zufällig mitbestimmt werden.
Auch für die Entwicklung und Beschaffung von KI-Werkzeugen in Bildungskontexten ist die Lage relevant: Systeme, die Lehrkräfte bei Korrektur und Feedback unterstützen, müssen nachvollziehbar in Arbeitsabläufe passen. Wenn Schulen KI einsetzen, sollten sie daher nicht nur auf Funktionsumfang schauen, sondern auf nachvollziehbare Bewertungslogik, Einstellbarkeit von Kriterien und die Möglichkeit, Ergebnisse zu überprüfen. Die Umfrage zeigt, dass die Akzeptanz zwar hoch ist, die Governance aber noch hinterherhinkt. Der kommende Qualitätsmaßstab wird deshalb sein, wie gut KI-gestützte Unterstützung in Verantwortung, Transparenz und fachliche Kontrolle überführt wird.
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