DRESDEN / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine Ifo-Analyse zeigt eine klare digitale Kluft: Während im Osten nur knapp zwei Fünftel der Unternehmen KI aktiv nutzen, liegt der Anteil im bundesweiten Schnitt deutlich höher. Zwischen 2023 und 2026 ist die KI-Nutzung zwar in Ost und West gestiegen, doch die Ausgangslage im Osten war deutlich geringer. Damit rückt weniger die Technologie selbst in den Fokus, sondern vor allem Umsetzung, Datenzugang und Fähigkeitsaufbau in kleinen und mittleren Unternehmen. Für Entscheider bedeutet das: KI wird zur Produktivitätsfrage – und zum Infrastruktur- sowie Governance-Thema.

KI-Nutzung in Ostdeutschland deutlich hinter Westdeutschland: Ifo-Analyse
KI-Nutzung in Ostdeutschland deutlich hinter Westdeutschland: Ifo-Analyse (Foto: IT BOLTWISE)
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Die KI-Welle erreicht die deutsche Wirtschaft zwar insgesamt mit wachsendem Tempo, aber die Verteilung bleibt ungleich. Laut einer Analyse des Dresdner Ifo-Instituts liegt die KI-Nutzung im ostdeutschen Raum spürbar hinter dem westdeutschen Stand: In Ostdeutschland setzen nur knapp zwei Fünftel der Unternehmen KI aktiv ein, während der bundesweite Anteil deutlich höher ausfällt. Der Abstand wird dabei nicht als kurzfristiges Phänomen beschrieben, sondern als Ergebnis einer strukturellen Lücke bei der Adoption neuer Technologien. Das Ifo-Institut ordnet die Entwicklung zeitlich so ein, dass Ostdeutschland aktuell ungefähr dort steht, wo Westdeutschland bereits vor etwa einem Jahr lag.

Technisch betrachtet geht es bei „KI aktiv einsetzen“ in Unternehmen in der Praxis selten um einzelne Pilotprojekte, sondern um wiederholbare Workflows: etwa bei der Mustererkennung in Produktionsdaten, bei Prognosen im Handel oder bei KI-gestützter Automatisierung in Dienstleistungen. Genau diese Skalierung verlangt mehr als Rechenleistung. Unternehmen müssen Datenquellen integrieren, Modelle in bestehende Systeme einbetten und Rollen für Betrieb sowie Qualitätskontrolle definieren. Gerade kleine und mittlere Unternehmen stehen dabei unter besonderem Druck: Sie haben häufig weniger spezialisierte Teams für Datenengineering und MLOps und müssen zugleich Compliance-Anforderungen erfüllen. Im Ergebnis hängt der Fortschritt stark daran, ob KI als Prozessverbesserung verankert wird.

Der Markt zeigt parallel, dass der Wettbewerb um Produktivitätsgewinne immer stärker über KI-Funktionen ausgetragen wird. Große Anbieter bringen KI-Assistenten, Automatisierung und Analyse-Funktionen in Unternehmenssoftware, sodass Unternehmen schneller „Startpunkte“ finden. Umgekehrt entsteht aber ein Anwenderdruck: Wer KI-Features in Tools nutzt, braucht auch Datengovernance, Rollenrechte und einen klaren Umgang mit sensiblen Informationen. In der Praxis konkurrieren Unternehmen damit, wie gut sie ihre Datenlandschaft aufräumen, Berechtigungen steuern und Transparenz über Trainings- und Nutzungsprozesse herstellen. Für Entscheider im Osten bedeutet das: Nicht nur die Verfügbarkeit von KI-Diensten zählt, sondern die organisatorische Fähigkeit, sie sicher in den Betrieb zu überführen.

Besonders deutlich wird die Dynamik im Zeitvergleich zwischen 2023 und 2026. In Deutschland insgesamt stieg der Anteil der Firmen, die KI aktiv einsetzen, von 15,5 Prozent auf 55,9 Prozent. Im Osten verlief die Entwicklung ebenfalls nach oben: von 5,8 Prozent auf 38,7 Prozent. Damit wächst die Adoption – nur eben von einer deutlich niedrigeren Basis. Das Ifo-Institut hat hierfür sowohl die Gesamtwirtschaft als auch fünf Teilbereiche betrachtet: Verarbeitendes Gewerbe, Dienstleistungen, Großhandel, Einzelhandel und Bauhauptgewerbe. Diese Breite ist relevant, weil sie zeigt, dass die Lücke nicht nur ein „IT-Thema“ ist, sondern sich über mehrere Branchen hinweg manifestiert.

Aus Sicht der Umsetzung erklärt der Ifo-Ansatz auch, warum sich die Kluft halten könnte. Studienautor Joachim Ragnitz ordnet den Rückstand als strukturellen Unterschied in der Technologiemobilisierung ein und betont, dass die Chancen für Produktivitätssteigerung bislang nicht ausreichend genutzt würden. Gleichzeitig macht er aber klar, dass die Frage, ob sich der Abstand verringert, vor allem an den kleineren und mittleren Unternehmen hängt. Genau hier wirken mehrere Hebel gleichzeitig: Budgets für Daten- und Integrationsprojekte, Know-how in der Modellbewertung sowie die Fähigkeit, KI in bestehende Prozesse einzufügen, ohne dass Qualität und Sicherheit leiden. Der Wettbewerb zwischen Regionen wird damit weniger über Technikdatenpunkte entschieden, sondern über Umsetzungsfähigkeit.

Regulatorisch und datenschutzseitig verschärft sich der Handlungsdruck in dem Moment, in dem KI wirklich produktiv genutzt wird. Mit zunehmender Integration in Kernprozesse werden Fragen zu Rechtsgrundlagen, Protokollierung, Datenminimierung und Auftragsverarbeitung konkreter. Unternehmen müssen zudem klären, welche Daten für Training oder Inferenz verwendet werden und wie sie mit besonders schützenswerten Informationen umgehen. Auf europäischer Ebene treiben außerdem Leitlinien und Anforderungen an dokumentierbare Prozesse die Erwartung, dass KI nicht nur „funktioniert“, sondern auch nachvollziehbar betrieben wird. Für den Osten bedeutet das: Eine schnellere Adoption kann nur dann nachhaltig gelingen, wenn Governance nicht als nachträglicher Aufwand betrachtet wird, sondern als Teil der Einführung von Anfang an.

Für die nächsten Monate und Jahre liegt die wirtschaftliche Implikation klar auf der Hand: Wenn sich das Adoptionstempo in Ostdeutschland weiter an das westdeutsche Niveau annähert, könnten spürbare Produktivitätsgewinne folgen – aber nur, wenn die Lücke bei Fähigkeiten und Infrastruktur geschlossen wird. Das Ifo-Szenario legt nahe, dass Förderlogik, Beratungsangebote und auch Partnerschaften zwischen Branchen und IT-Dienstleistern stärker auf „Betriebskonzepte“ statt nur auf Tool-Einführungen ausgerichtet sein sollten. In der Praxis werden Unternehmen stärker darauf achten, wie schnell sich Use-Cases in Produktion überführen lassen, wie gut sich Kosten und Risiken steuern lassen und wie robust Modelle gegen Qualitätsdrift sind. Damit wird KI zur Managementaufgabe: strategisch, technisch und organisatorisch zugleich.


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