FRANKFURT / LONDON (IT BOLTWISE) – Die KI-Rally stockt, dennoch bleiben Tech- und Halbleiterwerte ein Schwerpunkt im Zertifikatehandel. Gleichzeitig sorgen starke Ölpreisschwankungen dafür, dass sich viele Anleger bei entsprechenden Positionen zurückhalten. Im Gespräch mit Marktteilnehmern zeigt sich, dass Umsätze zuletzt teils in Richtung Indizes wie DAX und Nasdaq verschoben wurden. Besonders gefragt sind Call-Optionsscheine auf US-Tech-Größen wie Nvidia sowie auf einzelne Konsum- und Transportwerte.

Im Zertifikatehandel hat sich das Bild in diesen Wochen sichtbar verändert: Die KI-Begeisterung bleibt zwar präsent, bekommt aber laut Marktgesprächen spürbare Bremsen. Anstelle einer einheitlichen „Risk-on“-Stimmung rückt die Auswahl einzelner Themen stärker in den Fokus. Ein Händler, der bei der Baader Bank Zertifikate betreibt, beschreibt die vergangenen Wochen mit Blick auf Öl als klare Handelsdominanz: „Öl und nochmal Öl“ sei die Devise gewesen. Gleichzeitig melden andere Marktakteure, dass genau diese Phase vielen Marktteilnehmern zumindest kurzfristig die Geduld genommen hat.
Technisch ist der Handel in solchen Marktphasen oft weniger eine Wette auf eine einzelne Aktie als ein Management der Erwartungskurve: Steht eher die Richtung im Vordergrund, werden Calls und Put-Strukturen gewählt, soll die Volatilität mitgespielt werden, landen Derivate häufig im Fokus. In der Praxis sieht man das auch in den Produktformen, die in Gesprächen genannt werden. Die Umsätze konzentrieren sich nach Angaben eines Händlers auf Aktienindizes wie DAX und Nasdaq, wo Positionen je nach Markterwartung mit steigenden oder fallenden Indizes abgebildet werden. Gerade bei Hebelprodukten wird der Indexcharakter genutzt, weil damit weniger Einzeltitel-Risiko entsteht als bei stark meinungsgetriebenen Einzelwerten.
Bei Tech- und KI-bezogenen Wetten zeigen sich dagegen die Grenzen, wenn der Markt die Erwartungen nicht mehr so schnell einpreist wie zuvor. Der als KI-Index geltende südkoreanische KOSPI 200 habe seit seinem Rekordhoch rund 40 Prozent an Wert verloren, während der US-Tech-Index Nasdaq 100 immerhin etwa 11 Prozent abgegeben habe. Auch wenn solche Kursbewegungen keine direkte Ableitung für die nächsten Wochen erlauben, erklären sie doch, warum Anleger im Zertifikatehandel „Nervosität“ spüren und eher zu „gesunder Skepsis“ neigen. Die Begründung aus der Produktperspektive ist pragmatisch: Viele Unternehmen liefern weiterhin die Zahlen, die Investoren erwarten, aber das Marktgefühl bleibt anfälliger für Enttäuschungen.
Welche konkreten Emittenten- und Basiswerte daraus in der Produktpraxis entstehen, wird über einzelne Produktbeispiele greifbar. So wird ein Call-Optionsschein auf die Facebook-Mutter Meta mit Basispreis 670 US-Dollar als viel nachgefragt genannt; ebenso findet sich ein Nvidia-Call-Optionsschein mit Basispreis 300 US-Dollar in der Aufmerksamkeit, trotz jüngster Kursverluste. Besonders auffällig ist zudem die Nachfrage nach einem Call-Optionsschein auf Robinhood Markets mit Basispreis 140 US-Dollar, bei dem es laut Aussagen „fast nur Käufe“ gebe. Daneben wird ein Call-Optionsschein auf die US-Fluglinie American Airlines als umsatz- und nachfragestark beschrieben. Für den Bereich strukturierter Anlageprodukte werden außerdem hohe Umsätze in einem Bonus-Cap-Zertifikat auf TUI genannt, das Partizipation an steigenden Kursen mit einer zusätzlichen Absicherung kombiniert: Die Barriere von 4,20 Euro darf zwischen dem 23. April 2026 und dem 16. September 2027 nicht berührt oder unterschritten werden.
Noch deutlicher wirkt der Faktor „Rohstoff-Schlagzahl“ auf das Anlageverhalten: Der Ölpreis gilt im Sommer traditionell als Marktbarometer, aber die Schwankungsbreite war zuletzt enorm. Im Juli bewegte sich Brent zeitweise zwischen 71 und 100 US-Dollar je Barrel, aktuell notiert es knapp bei 90 US-Dollar. Während bei einem Emittenten viel auf Öl gesetzt wird und dort eine leichte Zunahme von Umsätzen in Zertifikaten auf Brent beobachtet wurde, berichtet ein anderer Händler, dass die Kundschaft aufgrund der hohen Ausschläge deutlich zurückhaltender geworden ist. Für Privatanleger und auch für Vermögensverwalter bedeutet das in der Derivatewelt vor allem: Stop-and-go-Entscheidungen werden schwerer, die Trefferquote bei kurzfristigen Setups sinkt, und damit wächst der Wunsch nach Produkten mit klarer Risikoausprägung oder nach indirekter Allokation über Indizes.
Auch bei Krypto-bezogenen Zertifikaten ist das Muster eher „halten statt nachkaufen“. Für Bitcoin wird seit Monaten eine Spanne um 62.000 US-Dollar genannt; gegenüber dem Allzeithoch vom Oktober 2025 entspricht das einer deutlichen Kurskorrektur, die sich im Aktivitätsgrad der Anschlusskäufe widerspiegelt. Während überzeugte Anleger die Positionen halten, fehlen laut Aussagen der Marktteilnehmer neue Impulse auf der Kaufseite. Unterm Strich entsteht so ein Handel, der weniger von einem einzigen Megatrend getrieben wird, sondern von einer Rotation zwischen Tech-Expressivität, Indexorientierung und Rohstoff-Volatilität. Für Entscheider heißt das: Die Produktpalette sollte nicht nur die Richtung, sondern auch die Erwartung an Schwankungsintensität, Laufzeit und Auszahlungslogik abbilden, denn genau diese Parameter werden in der Praxis derzeit am stärksten unterschiedlich bewertet.
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