LONDON (IT BOLTWISE) – Eine aktuelle Dune-Analyse im Auftrag von 1inch legt offen, wie viel Liquidität in DeFi-„konzentrierten Pools“ zeitweise ungenutzt bleibt. Für die erste Jahreshälfte 2026 wurden 1,6 Milliarden US-Dollar erfasst, von denen rund 542 Millionen US-Dollar in durchschnittlichen Wochen komplett außerhalb der aktiven Preisspanne lagen. Das führt laut Berechnung dazu, dass LPs jährlich etwa 150 Millionen US-Dollar an potenziellen Handelsgebühren nicht mitnehmen. Gleichzeitig steigt der Druck: Je dünner das Orderbuch wird und je mehr Kapital in den Markt kommt, desto teurer wird „idle liquidity“.

Konzentrierte Liquidität: DeFi-Nutzer verschenken laut Dune rund 150 Mio. US-Dollar an Gebühren
Konzentrierte Liquidität: DeFi-Nutzer verschenken laut Dune rund 150 Mio. US-Dollar an Gebühren (Foto: IT BOLTWISE)
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Dezentrale Börsen wirken oft wie durchgehend „voll investiert“ – zumindest auf der Oberfläche. Hinter den Kulissen zeigt eine Auswertung von Dune jedoch ein anderes Bild: In der ersten Hälfte 2026 war ein großer Teil der in konzentrierten Liquiditätspools gebundenen Gelder zeitweise nicht im richtigen Preisbereich platziert. Dune beziffert dieses ungenutzte Potenzial auf insgesamt 1,6 Milliarden US-Dollar Liquidität, die nicht den vollen Ertrag aus Gebühren und Handelsaktivität erzeugte. Besonders relevant ist dabei der Umstand, dass das Kapital nicht aus dem Ökosystem verschwindet, sondern so bepreist ist, dass Trader es faktisch nicht erreichen – und damit Gebühren ausfallen.

Technisch funktioniert das Modell hinter „concentrated liquidity“ über eine Preisbandbreite, in der ein Liquidity Provider (LP) seine Token-Paare auf einem DEX zur Verfügung stellt. Solange der Markt innerhalb dieses Bereichs bleibt, werden Trades ausgeführt und der LP erhält einen Anteil an den gezahlten Gebühren. Sobald der Preis die Spanne verlässt, stoppt die Position in der Regel die Gebührenproduktion, bis der Anbieter die Range anpasst oder der Markt zurückkehrt. Ein Beispiel aus der Analyse: Eine ETH/USDC-Position zwischen 2.000 und 2.500 US-Dollar verdient keine Gebühren mehr, wenn ETH außerhalb dieser Bandbreite handelt. Genau diese Mechanik erklärt, warum „idle liquidity“ mit Preisbewegungen korreliert und nicht zwingend mit Marktvolatilität.

Für das konkrete Messbild hat Dune Uniswap v3 und v4, PancakeSwap v3 sowie Aerodrome (Slipstream) auf sieben Chains betrachtet. Die Datengrundlage sind wöchentliche Snapshots von 6. Januar bis 30. Juni; Dune fand dabei, dass die Out-of-Range-Quote überwiegend zwischen 25% und 35% schwankte und Anfang Februar zeitweise auf knapp 41% anstieg. Auffällig ist außerdem der Zusammenhang, dass Dune „verlorene“ Liquidität stärker an gerichtete Preisänderungen knüpft als an Wochen, die volatil waren, aber nahe dem Startniveau endeten. Damit wird verständlich, warum selbst scheinbar robuste Marktphasen Kapital strandeten, wenn es länger in eine Richtung lief.

Ein Marktimpuls entsteht nicht nur aus der Zahl, sondern aus der Art, wie das Kapital „wegfällt“. Dune schätzt, dass etwa 542 Millionen US-Dollar – also rund 29,5% der untersuchten Liquidität – in einer durchschnittlichen Woche vollständig außerhalb der aktiven Range lagen. Diese Summe entspricht damit jener Liquidität, die faktisch keine Gebührenbeiträge liefert und außerdem keine Tiefe im relevanten Preisbereich bereitstellt. Für die gesamte Kategorie „Out-of-Range“ ergibt sich daraus eine jährliche Opportunitätskosten-Schätzung von rund 150 Millionen US-Dollar. Wichtig ist dabei die Einschränkung der Studie: Die entgangenen Einnahmen seien nicht garantiert wieder einholbar, weil aktives Nachjustieren zusätzliche Transaktionskosten, Ausführungsrisiken und die Gefahr ungünstiger Preisbewegungen mit sich bringt.

Im Wettbewerbsvergleich zeigt sich, wie stark das Thema zur systemischen Herausforderung der Branche wird. Uniswap ist dabei nur ein Beispiel: Auch PancakeSwap und Aerodrome setzen auf konzentrierte Liquiditätspools, in denen Range-Management den Unterschied zwischen passivem Setup und dauerhaft gebührenproduzierender Liquidität ausmacht. Gleichzeitig argumentiert 1inch, dass „idle liquidity“ mit wachsendem Marktvolumen noch teurer wird, weil sich Kapital stärker „stranden“ kann, wenn Liquidität insgesamt dünner wird und weniger Handelsaktivität im konkreten Preiskorridor stattfindet. Marktanalysen in der DeFi-Industrie ordnen diese Lücke deshalb zunehmend als Mismatch zwischen Kapitalallokation und kurzfristiger Preisrealität ein – nicht als reines Nutzerproblem, sondern als Design- und Betriebsfrage.

Die Daten liefern zudem Hinweise darauf, wer die Range am wahrscheinlichsten „verlässt“. Dune betrachtet auch contract-managed Positionen, die häufig konsistenter im Bereich bleiben, während einzelne Wallets laut Studie zwischen 82% und 94% des als „idle“ identifizierten Kapitals auf Uniswap v3 verantworten – je nach Chain. Das legt nahe, dass Liquidität, die direkt von Nutzern eingezahlt wird und manuelle Anpassungen erfordert, häufiger unbearbeitet bleibt. Besonders spannend ist außerdem der Umfang: Zwar liegt der Out-of-Range-Anteil bei Positionen unter 1.000 US-Dollar laut Studie bei rund 54%, doch Positionen über 1 Million US-Dollar machen 47% des gesamten inaktiven Kapitals aus – etwa 260 Millionen US-Dollar. Große Tickets sitzen damit zwar tendenziell seltener „leer“, akkumulieren aber dennoch einen erheblichen Teil des entgangenen Gebührenvolumens.

Aus Unternehmersicht ist das mehr als eine Statistik für DEX-Fans: Es berührt Metriken wie effektive Liquiditätsbereitstellung, erwartete Rendite aus Fee-APR und die tatsächliche Ausführung in Börsenkontexten. Wenn der echte Gewinnfluss durch Range-Drift sinkt, verändert sich auch die Kalkulation von Strategien, die auf konzentrierter Liquidität basieren. Im Vergleich zu einem „breiteren“ Liquiditätsprofil, bei dem Preise länger im Einsatzfenster bleiben, verlagert sich das Risiko bei CL-Pools stärker auf das Timing von Rebalancing-Transaktionen. Damit rückt MLOps- und Bot-gestützte Automatisierung in den Fokus, allerdings verbunden mit erhöhtem Smart-Contract- und Operations-Risiko. Parallel wächst der Druck durch die zunehmende Onchain-Nutzung traditioneller Vermögenswerte und tokenisierter Fonds, bei der Compliance- und Sicherheitsanforderungen (KYC/AML, Handelsbeschränkungen, Auditierbarkeit) die Gestaltung von Rebalancing-Mechanismen zusätzlich beeinflussen.

In die Zukunft weist der nächste Schritt bereits in der Quelle an: Die Analyse wurde vor dem geplanten Launch von Aqua, einem neuen Liquidity-Protokoll, in Auftrag gegeben. Dune beschreibt dabei, dass Methodik und Schlussfolgerungen unabhängig erarbeitet wurden; 1inch liefert den Rahmen, warum das Thema gerade jetzt relevant wird. Für die kommenden Quartale ist plausibel, dass sich der Wettbewerb weniger auf reine DEX-Features verlagert, sondern auf bessere Tools für Range-Optimierung, Automatisierung und Gebührenmaximierung bei kontrolliertem Risiko. Für Entwickler bedeutet das konkrete Chancen in der KI-gestützten Prognose von Preisbewegungen, in effizienter Gas- und Execution-Optimierung sowie in Monitoring-Layern, die „out-of-range“ frühzeitig erkennen und Entscheidungshilfen liefern – bis hin zu stärker geregelten, auditierbaren Betriebsprozessen.


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