BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine KPMG-Umfrage erwartet, dass Software und digitale Technologien bis 2035 das wichtigste Differenzierungsmerkmal in der Automobilbranche werden. 51 Prozent der Führungskräfte sehen KI- und Softwareinitiativen bereits als fest verankert, zugleich scheitert die Skalierung: Nur 36 Prozent gehen über die Pilotphase hinaus. Außerdem rechnen 92 Prozent mit mindestens zwölf Monaten für die unternehmensweite Einführung einer neuen KI-, Digital- oder Softwarelösung. Fast die Hälfte erwartet zudem, dass 2035 sechs der zehn größten Hersteller ihren Hauptsitz in China haben.

Die nächsten Jahre in der Automobilbranche dürften weniger vom nächsten Modelljahr bestimmt werden als von der Frage, wie schnell sich KI-, Software- und Digitalvorhaben in echte Produkt- und Betriebsrealität übersetzen lassen. Laut dem „KPMG Global Automotive Executive Survey“ mit 775 befragten Führungskräften aus der Automobilindustrie erwarten 51 Prozent, dass Software und digitale Technologien bis 2035 zum wichtigsten Differenzierungsmerkmal im Wettbewerb werden. Damit verschiebt sich der Fokus von klassischen Fahrzeugspezifikationen hin zu kontinuierlichen Software-Updates, Datenflüssen und darauf aufbauenden Services – also genau den Bereichen, in denen Geschwindigkeit, Skalierung und Integration im Tagesgeschäft zählen.
Technisch betrachtet geht es dabei um mehr als neue Apps im Infotainment. 49 Prozent der Befragten sehen ihre softwaredefinierten Produkte und Over-the-Air-Funktionen (OTA) bereits als etabliert oder fest verankert an. Weitere 42 Prozent berichten einen vergleichbaren Reifegrad bei übergreifenden Strategien für softwaredefinierte Fahrzeuge. Diese Zahlen zeigen: Die Branche ist in vielen Unternehmen bereits nicht mehr am Anfang, sondern in der Phase, in der Architektur, Entwicklungsprozesse und Betriebsmodelle die entscheidenden Engpässe bilden. Der Ton des Surveys ist dabei klar: Die technologische Richtung wird angenommen – die Umsetzung bleibt jedoch die zentrale Lücke.
Diese Lücke macht sich vor allem beim Skalieren bemerkbar. Im Durchschnitt wurden nur 36 Prozent der KI- und Softwareinitiativen über die Pilotphase hinaus skaliert und unternehmensweit eingeführt. Der Grund liegt häufig weniger in der Machbarkeit einzelner Proof-of-Concepts, sondern in der „Operationalisierung“: Welche Datenflüsse werden benötigt, welche Schnittstellen müssen umgebaut werden, wie werden Verantwortlichkeiten im Produkt- und Plattformbetrieb organisiert und wie wird Qualität über Teams und Regionen hinweg abgesichert? Dazu passt die Einführungsdauer, die 92 Prozent der Unternehmen angeben: Sie benötigen mindestens zwölf Monate, um eine neue KI-, Digital- oder Softwarelösung unternehmensweit einzuführen. Mehr als ein Drittel spricht sogar von über zwei Jahren – ein Zeitfenster, das im Wettbewerb um Produktzyklen und Marktfenster kaum zu unterschätzen ist.
Auch regional verläuft dieser Transformationspfad nicht gleichmäßig. 57 Prozent der Führungskräfte im asiatisch-pazifischen Raum berichten von erheblichen Investitionen in KI und neue Technologien, gegenüber 52 Prozent in Europa und 48 Prozent auf dem amerikanischen Kontinent. Beim Thema autonome Fahrfunktionen und Fahrerassistenzsysteme nennt die Region ebenfalls einen Vorsprung: 52 Prozent sehen hier entsprechende Integrationsfortschritte, während Europa und der amerikanische Kontinent jeweils bei 44 Prozent liegen. Darüber hinaus erreicht die KI-Governance in der Region 50 Prozent, gegenüber 45 Prozent in Europa und 39 Prozent auf dem amerikanischen Kontinent. Für die Praxis heißt das: Wer Software und KI als Wettbewerbslinie ernst meint, muss weniger einheitlich „irgendwo“ skalieren, sondern seine Steuerungs- und Governance-Modelle regional wirksam machen.
Neben internen Kompetenzen rückt im Survey zudem die Bedeutung von Ökosystemen in den Vordergrund. Unternehmen erkennen laut den Ergebnissen zunehmend, dass die künftige Wettbewerbsfähigkeit nicht allein durch Technologieinvestitionen entsteht, sondern auch durch die Stärke der Partnernetzwerke. Der Anteil der Wertschöpfung, der durch externe Partnerschaften und Ökosysteme ermöglicht wird, dürfte innerhalb von drei Jahren von 30 Prozent auf 44 Prozent steigen. Gleichzeitig wird Vertrauen zu einem harten Differenzierungsmerkmal: Die Hälfte der Führungskräfte geht davon aus, dass das Vertrauen in digitale und vernetzte Funktionen in den kommenden drei Jahren maßgeblich darüber entscheidet, welche Unternehmen sich durchsetzen. Das ist bemerkenswert, weil es die „Soft Factors“ – Transparenz, Zuverlässigkeit und nachvollziehbares Verhalten – direkt mit der Technologieeinsatzfähigkeit verknüpft.
Besonders deutlich fällt die Erwartung zur globalen Machtverschiebung aus. Fast die Hälfte der Befragten geht davon aus, dass im Jahr 2035 sechs der zehn größten Automobilhersteller ihren Hauptsitz in China haben werden. Der Survey verknüpft diese Erwartung mit Chinas wachsenden Kompetenzen in Elektrifizierung, Software und digitaler Innovation. Damit wird China nicht nur als Produktions- oder Absatzstandort gelesen, sondern als Akteur, der technologiegetriebene Wertschöpfungsschwerpunkte stärker besetzen kann – insbesondere im asiatisch-pazifischen Raum. Interessant ist dabei auch, dass die Wertschöpfung aus Sicht vieler Führungskräfte über das Fahrzeug hinausgeht: Genannt werden Bereiche wie Energiespeicherung, verteidigungsnahe Anwendungen, vernetzte Dienste sowie Finanzdienstleistungen.
Für Unternehmen folgt daraus weniger eine klassische „Großinvestition“ als vielmehr ein dauerhafter Betriebsansatz. 52 Prozent stimmen der Aussage zu, dass kontinuierliche Transformation inzwischen zur Normalität gehört – und genau diese Sicht erklärt, warum Technologie, Geopolitik, Nachhaltigkeit, operativer Druck, Kundenerwartungen und neue Geschäftsmodelle laut Survey gleichzeitig wirken. Entscheidend wird damit, Technologien zügig in Kundennutzen zu übersetzen und parallel flexibel auf unterschiedliche Märkte zu reagieren. Der Survey formuliert die Logik im Kern als Managementaufgabe: Nicht Standort oder Größe entscheiden allein, sondern die Fähigkeit, Technologien wirksam einzusetzen, passende Ökosysteme aufzubauen und sich an zunehmend variierende Marktbedingungen anzupassen.
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