LONDON (IT BOLTWISE) – KPMG hat einen im Oktober veröffentlichten Report zur Nutzung von „agentic AI“ entfernt, nachdem mehrere Beispiele offenbar faktisch falsch oder irreführend waren. Besonders kritisch: Behauptungen zu UBS, NHS Greater Manchester, den britischen Bahnen und Transport for London ließen sich nicht belegen und wirkten wie typische KI-Halluzinationen mit Autoritätsanmutung. Für Unternehmen ist das mehr als ein Reputationsproblem – es wirft die Frage auf, was bei professioneller „KI-Governance“ eigentlich geprüft wird. Der Vorfall reiht sich zudem in ähnliche Korrekturen bei anderen Großfirmen ein und zeigt, dass Fehler in der KI-Ära schnell zu Beschaffungs- und Strategierisiken werden.

KPMG zieht Agentic-KI-Report zurück – Vertrauenskrise bei KI-Governance
KPMG zieht Agentic-KI-Report zurück – Vertrauenskrise bei KI-Governance (Foto: IT BOLTWISE)
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Der Rückzug eines KI-Reports durch eine der Big-Four-Kanzleien ist selten nur eine Formalie. Nachdem KPMG einen Text über die angebliche Einführung „agentic“ KI-Workflows zurückgezogen hat, rückt ausgerechnet das Thema in den Mittelpunkt, das in verantwortungsvollen KI-Programmen eigentlich am strengsten abgesichert sein müsste: die Verlässlichkeit von Quellen und die Nachweisbarkeit von Aussagen. In der Zwischenzeit haben Branchenbeobachter und unabhängige Prüfer die Beispiele und Zitate im Report angegangen und dabei Muster gefunden, die eher nach unsauberer KI-Generierung als nach belastbarer Unternehmensberatung wirken. Damit trifft der Vorfall nicht nur das Markenimage, sondern auch die Frage, wie Kunden Vertrauen in KI-Systeme organisatorisch operationalisieren sollen.

Konkret handelte es sich um den Report „Redefining excellence in the age of agentic AI“, der im Oktober veröffentlicht wurde und Unternehmen dabei helfen sollte, verantwortungsvoll zu bewerten, wie stark „AI agents“ bereits in Branchen wie Finanzen, Gesundheitswesen oder öffentlicher Verkehr eingesetzt werden. Die Relevanz liegt auf der Hand: Agentic AI wird in der Unternehmenswelt häufig als Abkürzung interpretiert, weil sie Autonomie andeutet und damit Prozesse schneller und vermeintlich skalierbar macht. Wenn aber konkrete Fallstudien zu UBS, dem NHS oder Bahn- und Nahverkehrsbetreibern widersprüchlich sind, zerbricht der Belegcharakter des gesamten Dokuments. Technisch betrachtet verschiebt sich dadurch der Fokus von Model-Performance zu Informationsqualität, also zu Datenherkunft, Quellenketten und Prüfpfaden.

Besonders scharf wird das Problem, weil die beanstandeten Claims in ihrer Form plausibel klangen. Für UBS behauptete KPMG eine agentische Integration über Investment Advisory, Risikomanagement und Compliance-Monitoring – und verwies dabei auf eine gemeinsam mit Microsoft entwickelte, modulare Plattform. UBS widersprach laut Berichterstattung und stellte die faktische Korrektheit infrage. Ähnlich problematisch war die Darstellung bei Swiss Federal Railways, die offenbar nicht zutreffend wiedergab, wie Nutzerplanung, Buchung und Optimierung real unterstützt werden. Auch Transport for London wurde mit Aussagen zu Verkehrsprognosen, personalisierten Updates und Koordination multimodaler Verkehre beschrieben. Für die Praxis ist das ein roter Faden: Je stärker die Darstellung nach „Umsetzung im Betrieb“ aussieht, desto größer ist der Hebel auf Einkaufsentscheidungen.

Aus historischer Perspektive ist das ein wiederkehrendes Muster, das sich allerdings durch KI-Textproduktion beschleunigt und verstärkt. In den vergangenen Jahren wurden bereits Studien und journalistische Inhalte korrigiert, wenn Fußnoten oder Quellen nicht zur Behauptung passten. Neu ist weniger die Schwäche in der Recherche als die Geschwindigkeit, mit der fehlerhafte Struktur in den Publikationsprozess gelangen kann – und wie schnell solche Inhalte als „Proof“ in Präsentationen, Ausschreibungen und späteren Trainingsdaten auftauchen. Genau hier setzt die Kritik an: Wenn ein Prüfmechanismus fehlt oder nur oberflächlich ist, wird ein reales Toolversprechen wie bei Krebserkennung im Gesundheitsbereich in einen übergreifenden Agentic-AI-Use-Case umgedeutet. Das ist der Schritt, bei dem aus einem belastbaren Teilausschnitt eine scheinbar vollständige Referenzfahne wird.

Marktseitig wird der Vorfall besonders unangenehm, weil er in eine Reihe ähnlicher Korrekturen bei anderen Institutionen fällt. Aus der Berichterstattung geht hervor, dass EY ebenfalls einen Study-Rückzug veranlasste, nachdem KI-gestützte Quellenprüfung unpassende oder erfundene Fußnoten sichtbar machte. Deloitte musste eine Version für eine kanadische Provinz überarbeiten, nachdem gefälschte akademische Zitate identifiziert wurden, und Sullivan & Cromwell entschuldigte sich später vor Gericht, als rechtliche Einreichungen AI-bedingte Ungenauigkeiten enthielten. Die Benchmark ist damit klar: Diese Organisationen gelten gerade deshalb als „risikoreduzierend“, weil sie professionalisierte Qualitätskontrollen versprechen. Wenn diese Kontrollen versagen, wird verantwortliche KI-Governance selbst zur offenen Baustelle.

Ein wichtiger Wettbewerbskontext ist dabei der Sprach- und Prozesscharakter: Große Beratungen liefern nicht nur Ratschläge, sondern sie liefern oft die Formulierungen, die später als Beschaffungslogik und Vorstandskonsens wiederauftauchen. Für Startups ist das besonders relevant, weil ihr Marktargument häufig darauf angewiesen ist, dass etablierte Institute „den Rahmen“ setzen: Welche Definitionen gelten? Welche Beispiele sind glaubwürdig? Welche Risiken werden benannt? Wenn ein Dokument wie der KPMG-Report mit fehlerhaften Referenzen weitergereicht wird, kann es in Pitch Decks, Strategie-Memos und Analystenkontexten verkleben, bevor jemand die Quellenkette verifiziert. Laut Edward Tian, CEO von GPTZero, kann das „Ablaufgifte“ erzeugen: fehlerhafte Veröffentlichungen vergiften den Informationsgrund, gerade wenn Folgepublikationen und spätere KI-Systeme solche Inhalte übernehmen.

Technisch lässt sich daraus eine klare Vergleichsperspektive ableiten: Es gibt einen Unterschied zwischen „KI-Text, der überzeugt klingt“ und einem Publishing-Prozess, der wie eine Software-Pipeline funktioniert. Bei Software sind Checks Standard: Linting, Tests, Reproduzierbarkeit, Versionierung und Audit-Trails. Bei KI-gestützten Veröffentlichungen fehlt oft eine vergleichbare Disziplin, obwohl der Output genauso wie ein Artefakt behandelt werden müsste. Human oversight ist zwar Bestandteil entsprechender Richtlinien, aber er wirkt nur dann, wenn Menschen nicht nur das Ergebnis lesen, sondern die Quellen und Behauptungen bis auf die Primärbelege prüfen. Eine existierende URL ist noch kein Nachweis; ein Markenname in einer Fußnote ist noch keine Verifikation. Für Unternehmen heißt das: Governance muss „Quellenintegrität“ als messbare Anforderung definieren.

Für die Zukunft ist die entscheidende Frage, ob Big-Four- und Beratungsprozesse KI-gestütztes Schreiben als kontrollierten Prozess begreifen – oder ob sie es lediglich als schnelleren Weg zu Thought Leadership behandeln. Der richtige Schritt wäre, Auditierbarkeit von Anfang an einzubauen: Wer hat die Claim-Formulierung angestoßen, welche Quelle wurde als Primärbeleg gewählt, wie wurde die Passage verifiziert, und wer dokumentiert die Entscheidung? Unternehmen sollten nicht nur das Slide Deck bewerten, sondern den Prüfpfad einfordern. Der nächste Entwicklungsschub wird dabei voraussichtlich weniger aus neuen Agentic-Features bestehen, sondern aus strengeren Qualitätsstandards für „KI-unterstützte Publikationen“, damit Fehler nicht in Budgetentscheidungen und später in trainierte Systeme wandern.


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