NEW YORK CITY / LONDON (IT BOLTWISE) – Axiom Space und Prada stellen die Liquid Cooling and Ventilation Garment (LCVG) für die Artemis IV-Mission vor: eine innere Schicht des AxEMU-Anzugs, die Wärme per Wasserzirkulation ableitet und gleichzeitig die Atmung über einen separaten Belüftungsloop unterstützt. Entscheidend ist dabei die Kombination aus parallel arbeitendem Kühleinsatz und Luft-/CO2-Management – ausgelegt auf bis zu achtstündige Außenmissionen auf dem Mond, bei denen kein schneller Rückweg in eine Druckkabine möglich ist. Für die Material- und Konstruktionsebene bringen die Designer aus der Modeindustrie vor allem Erfahrungen aus Engineered-Knitting und wiederverwendbaren Stoffsystemen ein. Damit verschiebt sich der Wettbewerb im Raumfahrt-Engineering zunehmend in Richtung industrieller Fertigungs- und Materialkompetenz.

Wenn die ersten Menschen seit über einem halben Jahrhundert wieder den Mondboden betreten, beginnt die kritische Arbeit bereits hinter der Außenschale des Raumanzugs: Dort, wo Kontakt zur Haut entsteht und sich Wärme- und Atemlast unmittelbar im Körper abbilden. Mit der Liquid Cooling and Ventilation Garment (LCVG) für den AxEMU-Anzug beschreibt Axiom Space gemeinsam mit Prada eine innere Funktionsschicht, die Thermoregulation und Belüftung als zwei eng gekoppelte Systeme realisiert. Die Mission wird auf bis zu achtstündige Spacewalks auf der Oberfläche ausgelegt, also auf eine Zeitspanne, in der jede Verzögerung beim Risikomanagement praktisch ausgeschlossen ist.
Technisch steht bei der LCVG die Kontrolle des metabolischen Hitzestaus im Mittelpunkt. Beim Gehen und Arbeiten auf der lunarien Oberfläche erzeugt der Körper zusätzliche Wärme, die in einer Umgebung ohne effektive Konvektion und mit strenger Lebensunterstützung nur über ein präzises Wärmemanagement abzuführen ist. Die LCVG führt dafür kaltes Wasser durch ein Netzwerk aus Röhren, das über mehrere große Muskelgruppen verteilt ist. Die Wärme wird aufgenommen und in Richtung des portablen Life-Support-Systems geleitet, das sie letztlich in den Weltraum abführt. Im Kern gilt: Die Kühlleistung muss während der gesamten Ausstiegsdauer stabil bleiben.
Besonders bemerkenswert ist die Redundanz in der Kühlarchitektur. Im Gegensatz zu früheren Ansätzen, die oft weniger stark auf eine vollständige Ausfallsicherheit innerhalb der Kühlstrecke fokussierten, enthält die Axiom-Lösung einen vollständig redundanten Kühlkreislauf: Ein Backup-System springt an, falls der Hauptloop ausfällt. Auf der Erde könnte man nach einem Problem schneller in eine Druckumgebung zurückkehren; auf dem Mond ist das organisatorisch und zeitlich ungleich schwieriger. Genau deshalb verschiebt sich der Anspruch von „funktioniert im Test“ zu „überlebt auch bei Komponentenabweichungen“. Redundanz ist hier weniger Komfort als Überlebensanforderung.
Parallel dazu übernimmt die Ventilationsschicht eine zweite, voneinander entkoppelte Schleife. Ein eigener Röhrenloop liefert kontinuierlich frischen Sauerstoff an das Gesicht des Astronauten und „spült“ die ausgeatmete Kohlendioxid-Last in Echtzeit Richtung Scrubber. Dieser routet das CO2 über das Lebensunterstützungssystem zurück, bevor der Kreislauf erneut Sauerstoff in Richtung Anzug und damit in den Komfortbereich der Person rezykliert. Für die Ingenieursfrage bedeutet das: Kühlung und Atmung laufen gleichzeitig über die komplette Spacewalk-Dauer. Dass beide Systeme im Alltag der Raumfahrt als Einheit getestet werden müssen, erhöht die Integrationskomplexität erheblich.
Auf der Material- und Fertigungsebene kommt Pradas Rolle besonders klar zum Tragen. Laut Angaben konzentriert sich der Designer-Input weniger auf die Kühl-/Ventilationsarchitektur selbst, sondern auf die Herausforderungen von Konstruktion, Garn- und Stoffauswahl sowie auf die praktische Wiederverwendbarkeit über Langzeitmissionen. Engineered Knitting und spezialisierte Fiber-Identifikation sollen ermöglichen, dass das Gewebe die Performance der Wasser- und Luftführung unterstützt, dabei aber mechanisch sowie funktional stabil bleibt. Aus logistischer Sicht ist das relevant, weil ein Kühl-/Belüftungsunterwäsche-System, das nach wenigen Einsätzen deutlich degradiert, die Einsatzplanung tiefraumnaher Missionen verkompliziert.
Im Markt ist das auch deshalb strategisch, weil der Spacesuit-Wettbewerb längst über reine „Außenhüllen“-Komponenten hinausgeht. NASA setzt im Artemis-Umfeld zwar auf etablierte Lieferketten, doch bei der Ausrüstung gewinnt, wer inhaltlich dort optimiert, wo Beanspruchung und Fehlertoleranz am stärksten sind. Axiom positioniert sich damit neben anderen Akteuren wie Collins Aerospace, die im Artemis-Kontext ebenfalls wichtige Anzugkomponenten liefern und über Jahrzehnte Erfahrung in Druck- und Schutzsystemen verfügen. Während große Industriepartner häufig stark auf klassische Luft- und Raumfahrtfertigung setzen, zeigt Axiom mit der Prada-Kooperation, wie sehr sich Raumfahrttechnik mittlerweile von Design- und Produktionskompetenzen aus anderen Hochindustrien beeinflussen lässt.
Branchenexperten lesen in solchen Kooperationen oft ein Zeichen für eine neue Arbeitsteilung: Nicht jeder Fortschritt entsteht ausschließlich durch neue Sensoren oder KI-gestützte Steuerungen, sondern durch die Beherrschung von Schnittstellen zwischen Werkstoff, Fertigung und Systemtechnik. Axiom-Executive Russell Ralston formulierte sinngemäß, dass jede Minute außerhalb des Fahrzeugs die LCVG im Hintergrund Sicherheit bereitstellen muss – für das thermische Umfeld und die Atmungsunterstützung, während die Astronauten ihren Körper an die Grenzen führen. Die historische Einordnung reicht dabei weiter zurück: Kühlunterwäsche und Lüftungsunterstützung waren bereits in früheren Raumfahrtprogrammen Gegenstand intensiver Optimierung, doch die Anforderungen an Modularität, Wiederholbarkeit und Fehlerfallabdeckung sind mit Artemis und der Zielsetzung „häufigere Oberflächeneinsätze“ spürbar gestiegen.
Für Unternehmen mit Blick auf die nächsten Jahre ist die Implikation zweigeteilt. Erstens entsteht ein klarer Bedarf an wiederholbarer Material- und Komponentenvalidierung, etwa durch Prüfprotokolle, Traceability von Fasern und dokumentierte Qualitätsgrenzen – Aspekte, die nicht nur in der Luftfahrt, sondern auch in stark regulierten Industrieumfeldern zählen. Zweitens wachsen Chancen für Zulieferer, die fertigungstechnisch nahtlos zwischen Prototyping und Serienqualität umschalten können. Aus regulatorischer Sicht bleibt bemannte Raumfahrt ein Feld mit strengen Sicherheitsanforderungen, weshalb Betriebs- und Testdaten nachvollziehbar sein müssen; zudem müssen Systeme so designt sein, dass Ausfallmodi früh erkannt werden. Wenn die Artemis-Logik gelingt, könnte in der Zukunft selbst „Textilengineering“ als sicherheitskritische Disziplin in Raumfahrt-Standardprozesse einziehen.
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