FRANKFURT/MÜNCHEN / LONDON (IT BOLTWISE) – Die Wirtschaftsinitiative „Made for Germany“ will Ende September mit der Bundesregierung über zusätzliche Reformen beraten. Siemens-Chef Roland Busch sagt, das erste Reformpaket löse zwar zentrale Probleme, reiche aber nicht aus. Im Fokus steht unter anderem eine Flexibilisierung der Arbeitszeit, weil die Arbeitsdauer in Deutschland nach wie vor stark taggenau geregelt sei. Parallel kündigt die Initiative bis 2028 Investitionen von mehr als 800 Milliarden Euro an, während die genaue Zusatzwirkung gegenüber bestehenden Plänen offen bleibt.

„Made for Germany“: Siemens und Wirtschaftsinitiative fordern nach Reformpaket weitere Schritte
„Made for Germany“: Siemens und Wirtschaftsinitiative fordern nach Reformpaket weitere Schritte (Foto: IT BOLTWISE)
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Ein Jahr nach dem Auftakttreffen der Wirtschaftsinitiative „Made for Germany“ mit Kanzler Friedrich Merz (CDU) verschiebt sich der Schwerpunkt von der Ankündigung auf die Umsetzung. Roland Busch, Siemens-Vorstandsvorsitzender, erwartet Ende September weitere Reformgespräche mit der Bundesregierung, weil das jüngst beschlossene erste Paket zwar „viele wichtige Probleme“ adressiere, aber nicht alle Baustellen schließe. Die Aussage ist nicht bloß politisch, sondern enthält einen klaren operativen Anspruch: Maßnahmen müssten „schnell und spürbar“ realisiert werden, damit Investitions- und Planungsunsicherheit sinkt und Unternehmen ihre Projekte verlässlich skalieren können.

Technisch wirkt das Thema auf den ersten Blick weniger nach „Digitalisierung“ als nach Arbeits- und Industriepolitik. Doch gerade für industrielle Wertschöpfung, Projektzyklen und Lieferketten ist die Frage, wie flexibel Arbeitszeitmodelle funktionieren, eng mit der Wettbewerbsfähigkeit verknüpft. Busch kritisiert dabei explizit eine Besonderheit der deutschen Praxis: Deutschland sei „das einzige Land, was die Arbeitszeit auf den Tag regelt und nicht auf die Woche“. Praktisch bedeutet das, dass Betriebe weniger Spielraum haben, um Schwankungen in Nachfrage, Auslastung oder Materialanlieferung über Wochen hinweg abzufedern. Wenn Produktionsvolumen und Schichtplanung nicht flexibel synchronisiert werden können, steigen die Reibungsverluste – von Überstunden-Spitzen bis hin zu planungsintensiven Anpassungen kurzfristiger Kapazitäten.

Die Initiative setzt nicht nur auf Arbeitsrechtsthemen, sondern folgt auch einer Investitionslogik, die in der Summe politisch als Signal verstanden werden soll. „Made for Germany“ zählt inzwischen 139 Unternehmen und Investoren aus unterschiedlichen Branchen. Gemeinsam haben sie zugesagt, bis 2028 mehr als 800 Milliarden Euro in den Wirtschaftsstandort Deutschland zu investieren. Gleichzeitig bleibt eine zentrale Frage unbeantwortet: Unklar ist, wie viel davon tatsächlich zusätzlich gegenüber ohnehin geplanten Investitionen anfällt. Für den Markt macht diese Abgrenzung einen Unterschied – denn zusätzliche Mittel sind ein stärkeres Konjunktur- und Wachstumsargument, während laufende Programme eher ein Stabilisierungssignal sind. In der Wahrnehmung internationaler Investoren hängt daran, ob Reformen messbar Kapazitäten schaffen oder „nur“ bestehende Pläne bestätigen.

Dass aus Sicht großer Kapitalgeber Handlungsdruck besteht, betont auch die Finanzbranche. Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing ordnet das jüngst angekündigte Reformpaket so ein, dass es „die Zuversicht internationaler Investoren deutlich gestärkt und das Interesse an diesem Standort noch einmal gesteigert“ habe. Zugleich nennt er als Zielgröße eine Absichtserklärung aus dem Ausland: Investoren wollten Mittel „in substanzieller dreistelliger Milliardenhöhe“ in Deutschland einsetzen. Genau hier zeigt sich der Marktmechanismus: Selbst wenn die Initiative nicht jedes Detail ihres Investitions-Mix offenlegt, wirkt die Kombination aus politischem Reformfahrplan und konkret genannten Größenordnungen als Magnet für weitere Kapitalallokation – vor allem dort, wo Projektkosten in mehreren Jahren entstehen und Entscheidungen über Standorte langfristig getroffen werden.

Im Kern geht es damit um ein Paket aus Zeitregeln, Investitionsklarheit und Umsetzungsdisziplin. Busch verbindet die Forderung nach schneller Realisierung von Reformen mit der Aussage, in Deutschland müsse „in Summe… mehr gearbeitet“ werden. Die Teilzeitquote sei „zu hoch“, sagt er. Für Unternehmen ist das keine abstrakte Wertedebatte, sondern beeinflusst die Personalplanung entlang von Qualifizierungszyklen, Kostenstrukturen und Standortentscheidungen. Wenn Teilzeitmodelle stärker als bisher dominieren, verschieben sich Kapazitätsverfügbarkeiten, etwa für Produktionsspitzen oder für die parallele Umsetzung von Modernisierungen in Werkhallen. Auch deshalb zielt die Flexibilisierung der Arbeitszeit nicht nur auf „Komfort“ – sie soll betriebliche Planungs- und Steuerungsfähigkeit verbessern.

Historisch betrachtet sind Arbeitszeit- und Produktivitätsfragen in Deutschland immer wieder mit Reform- und Bündnisprozessen verknüpft worden. In Phasen, in denen internationale Konkurrenz besonders schnell voranschreitet, werden Regulierungsdetails zu einem Bestandteil von Standortvergleichen: Wie schnell kann ein Betrieb seine Ressourcen hoch- oder runterfahren? Wie robust sind Schichtmodelle gegen Nachfragevolatilität? Wie lassen sich Qualifizierungs- und Investitionsfenster mit Personalverfügbarkeit koordinieren? „Made for Germany“ interpretiert diese Dimension offenbar als Teil eines breiteren Wettbewerbsnarrativs. Dass die Initiative sowohl Unternehmen als auch Investoren umfasst, unterstreicht dabei den Anspruch, wirtschaftspolitische Maßnahmen nicht nur auf Wachstum auf dem Papier zu beziehen, sondern auf Kapitalflüsse und reale Projektstarts.

Für die nächsten Schritte bis zur Beratung im September bedeutet das: Die Regierung wird sich daran messen lassen müssen, ob Reformen nicht nur beschlossen, sondern in der betrieblichen Praxis umsetzbar werden. Eine Flexibilisierung hin zu stärker wochengestützter Planung würde in vielen Industriebetrieben die Disposition vereinfachen und damit die Produktivität in Peaks erhöhen. Gleichzeitig bleibt die politische Aufgabe, die Akzeptanz bei Beschäftigten und die administrativen Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass Unternehmen und Belegschaften gleichermaßen Planungssicherheit erhalten. Entscheidend ist dabei auch, ob die Initiative in der Kommunikation weiterhin präzisiert, welcher Anteil der 800 Milliarden Euro tatsächlich zusätzlich ist. Denn je konkreter der zusätzliche Effekt belegt werden kann, desto besser lassen sich Reformfortschritte gegenüber ausländischen Investoren argumentieren – und desto schneller kann aus „Interesse“ wieder messbarer Ausbau von Produktionskapazitäten werden.

Unterm Strich ist die Botschaft von „Made for Germany“ ein doppelter Impuls: Erstens muss das bereits beschlossene Reformpaket sichtbar Wirkung entfalten, damit Industrieprojekte nicht weiter in die Länge geraten. Zweitens soll der Reformkurs erweitert werden, weil zentrale Stellschrauben – wie die Arbeitszeitflexibilität und die Personalverfügbarkeit – noch nicht ausreichend justiert sind. Für Unternehmen heißt das, dass sie ihre Projektkalkulationen weiterhin eng an politische Entscheidungen koppeln müssen, während die Initiative versucht, mit klaren Investitionssignalen Vertrauen aufzubauen. Am Ende entscheidet jedoch die Umsetzungsgeschwindigkeit: Wenn Maßnahmen „schnell und spürbar“ ankommen, kann aus dem Bündnis ein stabiler Investitionspfad entstehen; wenn nicht, bleibt die Wirkung vor allem ein kommunikatives Signal.


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