HANNOVER / LONDON (IT BOLTWISE) – Mahle-Chef Arnd Franz ordnet den Wettbewerb um die Elektrifizierung von Lkw als noch völlig offen ein. Er betont, dass der Nutzfahrzeugmarkt technologisch deutlich früher steht als der Pkw-Bereich. Gleichzeitig verweist Franz auf eine nahezu komplett chinesische Wertschöpfungskette bei Batterien und warnt Neueinsteiger wegen des nötigen Händler- und Servicenetzes. Für Mahle sei das Nutzfahrzeuggeschäft besonders wichtig, weil das Unternehmen beim batterieelektrischen Lkw pro Fahrzeug deutlich mehr Umsatz erwartet.

Mahle-Chef sieht Lkw-Elektrifizierung als offenen Kampf der Lieferketten
Mahle-Chef sieht Lkw-Elektrifizierung als offenen Kampf der Lieferketten (Foto: IT BOLTWISE)
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Auf der IAA Transportation in Hannover hat Arnd Franz den Wettbewerb um die Elektrifizierung von Lastkraftwagen als Phase beschrieben, in der noch keine klare Siegerrolle feststeht. Im Vergleich zum Pkw-Markt sei das Nutzfahrzeugsegment technologisch „in einem wesentlich früheren Stadium“. Genau diese frühe Phase entscheidet nach seiner Lesart nicht nur über einzelne Antriebe, sondern über ganze Geschäftsmodelle entlang der Wertschöpfungskette – und damit darüber, wer Skalierung erreicht, bevor sich Standards verfestigen.

Technisch betrachtet ist der entscheidende Hebel bei E-Lkw weniger die reine Akku-Leistung als das Zusammenspiel aus Energieverteilung, Thermomanagement und Systemintegration über den gesamten Lebenszyklus. Franz ordnet deshalb die Elektrifizierung als „Wettbewerb der Giganten“ ein, weil große Player gleichzeitig an mehreren Stellen ansetzen müssen: Sie brauchen passende Fahrzeuge für unterschiedliche Kundenprofile, robuste Betriebsparameter im Dauerbetrieb und eine Lieferfähigkeit, die auch bei Nachfrage- oder Routenwechseln nicht einbricht. Der Hinweis auf „gemischte Karten“ zielt auch darauf, dass sich im Nutzfahrzeugbereich Nutzlast, Ladefenster und Betriebszyklen noch stark unterscheiden – und damit die Anforderungen an Komponenten und Serviceprozesse noch nicht überall harmonisiert sind.

Beim Blick auf die Markt- und Lieferkettendimension wird die Brisanz besonders sichtbar. Franz sagt, die Wertschöpfungskette für Batterien sei „nahezu komplett chinesisch“ und europäische Hersteller würden zwar große Teile des Weltmarkts dominieren, gleichzeitig aber chinesische Anbieter aufholen. Genau an dieser Schnittstelle liegt die strategische Spannung: Wer für E-Lkw nicht nur Komponenten liefert, sondern die Abhängigkeiten bei Schlüsselmaterialien und Fertigungstakten aktiv managt, kann im Hochlauf Wettbewerbsvorteile sichern. Mahle positioniert sich dabei als global agierender Zulieferer, dessen Nutzfahrzeuggeschäft laut Franz rund 20 Prozent des Umsatzes ausmacht. In einem Segment, das nach seinen Angaben stärker wachsen soll als die Weltwirtschaft, ist dieser Anteil nicht nur ein Ergebnis aus der Vergangenheit, sondern ein Hebel für die nächste Planungsrunde.

Franz stellt außerdem die Markteintrittsbarrieren heraus, die bei vielen Elektrifizierungsdebatten untergehen: Neueinsteiger können den Aufbau von Kundenbeziehungen und Betriebsunterstützung nicht „über Nacht“ nachbilden. Für Speditionen ist ein funktionierendes Händler- und Servicenetzwerk überlebenswichtig, weil Ausfälle im Fuhrpark unmittelbar Kosten verursachen. Damit wird die Elektrifizierung im Nutzfahrzeugkontext zu einem Thema für Field-Service-Fähigkeiten, Ersatzteilverfügbarkeit und die Fähigkeit, Reparaturen und Updates in realen Betriebsszenarien umzusetzen. Gleichzeitig verweist Franz auf den eigenen Standortvorteil: Die europäische Ingenieurskunst dürfe man nicht unterschätzen, vor allem dann nicht, wenn es um die Anpassung der Fahrzeuge an konkrete Kundenanforderungen geht.

Auch die finanzielle Einordnung unterstreicht, dass Mahle den Umbau nicht als kurzfristige Wette behandelt. Laut Angaben im Bericht sank der Umsatz 2025 von 11,68 auf rund 11,26 Milliarden Euro, das Konzernergebnis ging von 22 auf 20 Millionen Euro zurück. Positiv fällt jedoch auf, dass Mahle damit das dritte Jahr in Folge schwarze Zahlen schrieb, nachdem zuvor mehrere Jahre Verluste in Kauf genommen werden mussten. Solche Ergebnisse sind typisch für Zulieferer, die parallel Produktzyklen durchlaufen und ihre Kostenbasis an neue Nachfrageerwartungen anpassen, oft begleitet von Sparprogrammen und Stellenanpassungen.

Für die operative Wachstumslogik ist entscheidend, wie stark sich der Absatzmix verschiebt. Franz sagt, der batterieelektrische Lkw könne Mahle beim Umsatz pro Fahrzeug fast doppelt so viel einbringen wie der Verbrenner. Damit wird Elektrifizierung für ein Zulieferunternehmen zum direkten Ergebnishebel: Wenn sich Hersteller-Portfolios Richtung Batterieantrieb bewegen, steigen nicht nur Stückzahlen, sondern auch der Wert pro eingesetzter Lösung. Zudem deutet Franz an, dass bei einem weiteren Bedeutungsgewinn von Brennstoffzellenfahrzeugen im nächsten Jahrzehnt das Umsatzpotenzial pro Fahrzeug noch einmal deutlich zulegen könnte. Für die Strategie bedeutet das: Mahle muss parallel in mehrere Antriebs- und Systempfade investieren, ohne den Cashflow zu überdehnen.

Am Ende verdichtet sich das Bild zu drei Faktoren: ein noch offenes Rennen, hoher Wettbewerbsdruck durch chinesische Zulieferer sowie die Notwendigkeit, elektrifizierte Fahrzeuge nicht nur zu bauen, sondern im Betrieb zuverlässig zu begleiten. Franz erwartet Wachstum über mehrere Regionen, darunter einen deutlich höheren Marktanteil in China und zusätzlichen Rückenwind durch Indien. Für Entscheider in der Industrie heißt das: Wer die Elektrifizierung von Lkw als reines Komponentenprojekt betrachtet, unterschätzt die Geschwindigkeit, mit der Servicefähigkeit, Integrationsqualität und Lieferkettenhandhabung in den Wettbewerb eingreifen. Mahles Aussagen wirken deshalb wie eine Aufforderung, den Hochlauf als Systemwettbewerb zu planen – inklusive der Frage, wie Wertschöpfungsketten real verschoben werden können, wenn einzelne Schlüsselbereiche stark konzentriert sind.


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