BENGALURU / LONDON (IT BOLTWISE) – Marvell hat seine Prognosen für die Jahre 2027 und 2028 zwar angehoben, die Aktie ist nachbörslich dennoch um mehr als 6% gefallen. Der Grund liegt weniger im Umsatz-Update als in der Frage, wann Einnahmen aus einer neuen Custom-Chip-Vereinbarung mit Googles Alphabet spürbar werden sollen. CEO Matt Murphy verweist darauf, dass ein größerer Beitrag erst ab 2029 erwartet wird. Investoren wollten schon früher sichtbare Wachstumseffekte sehen, insbesondere nach dem Hype um KI-Accelerator-Projekte.

Marvell Technology hat nach Zahlen zwar die Erwartungen für den Umsatzverlauf in den kommenden Geschäftsjahren leicht nachjustiert, aber genau bei der Kernerzählung der Anleger gerendert: Das Timing. Nachdem das Unternehmen eine große Custom-Chip-Vereinbarung mit Alphabet-Tochter Google angekündigt hatte, blieb die langfristige Wachstumsspur in der Außendarstellung hinter dem zurück, was viele Marktteilnehmer aus dem Deal ableiteten. Die Aktie rutschte am Donnerstag nach der Börsenzeit um über 6% ab, während parallel die Aktie im laufenden Jahr bereits deutlich zugelegt hatte und die Hoffnungen auf KI-getriebenen Bedarf die Bewertung gestützt hatten.
Technisch betrachtet geht es bei dem Deal um kundenspezifische Siliziumlösungen statt um klassische, breit vermarktete Standardchips. Solche Custom-Designs sind für Anbieter wie Marvell attraktiv, weil sie die Position in einem bestimmten Wertschöpfungs- und Systempfad stärken: Aus Nutzersicht kann die Hardware besser zu Workloads passen, aus Herstellersicht entstehen länger laufende Entwicklungs- und Validierungszyklen. Genau hier prallen jedoch Produkt- und Finanzperspektive aufeinander. Auf der Investor-Relation-Ebene erwarten Investoren, dass sich ein solcher Umsatzhebel nicht erst am Ende einer Planungskurve bemerkbar macht, sondern möglichst früh messbar wird.
Im Ergebnis verschob Marvell die zeitliche Erwartung an den größeren finanziellen Beitrag der Google-Partnerschaft. Während die Firma nach eigenen Angaben Umsatzwachstum für das kommende Jahr über den bisherigen Zielen erwartet, adressierte CEO Matt Murphy in der Post-Earnings-Kommunikation direkt die Frage nach der fehlenden Materialität im Jahr 2028. Er sagte, die kundenspezifischen Umsatz-Ziele bis einschließlich 2028 hätten bereits einen Teil des erwarteten Ergebnisses aus dem Google-Abkommen eingerechnet; deutlich stärker soll es dann in den Jahren danach ausfallen. Murphy erklärte außerdem, dass die Erlöse aus Custom Chips im nächsten Jahr mehr als verdoppeln sollen, und betonte dabei eine „upside bias“-Perspektive gegenüber dem bisherigen Ziel von über 10 Milliarden US-Dollar für das Geschäftsjahr 2029, ohne ein neues konkretes Ziel zu nennen. Die Details sollen vielmehr auf einem Investor Day am 6. Oktober folgen.
Die konkreten Zahlen, die Marvell genannt hat, spiegeln dieses Spannungsfeld: Für das Geschäftsjahr 2027 erwartet der Chiphersteller nun ein Umsatzwachstum von rund 45% auf etwa 12 Milliarden US-Dollar, zuvor war von ungefähr 11,5 Milliarden US-Dollar die Rede. Für 2028 geht Marvell von etwa 18 Milliarden US-Dollar aus, nachdem das Unternehmen zuvor rund 16,5 Milliarden US-Dollar anvisiert hatte. Operativ lag zudem der zweite Quartalsumsatz bei 2,74 Milliarden US-Dollar nach einem Plus von 37% gegenüber dem Vorjahr und damit knapp über den Erwartungen von 2,71 Milliarden US-Dollar. Der bereinigte Gewinn je Aktie stieg auf 94 US-Cents, während Analysten 92 US-Cents erwarteten. Dass die Börse dennoch abverkaufte, zeigt: Ein positives Zahlenwerk reicht allein nicht, wenn der erwartete Wachstumsbeschleuniger durch den Ausblick zeitlich nicht überzeugend „nach vorn“ gelegt wird.
Aus Marktsicht ist der Hintergrund allerdings klar: In der Branche steigt der Druck, eigene Chips für bestimmte KI- und Datenzentrumsanforderungen zu entwickeln, weil Standardlösungen von großen Herstellern teurer sind und häufig unter Lieferengpässen leiden. Dadurch gewinnt der Custom-Silizium-Zweig an Zugkraft, weil Anbieter wie Marvell zu Bausteinen in der internen Hardware-Landschaft der großen Rechenzentrumsbetreiber werden können. Zusätzlich verschiebt sich der KI-Fokus im Alltag vieler Systeme von reinen Trainingsphasen hin zum Inferenzbetrieb; genau dort zählen Effizienz und Performance pro eingesetztem Strom oder pro Server besonders stark. Bob O’Donnell, Chief Analyst bei TECHnalysis Research, brachte es in einer Einschätzung auf den Punkt: „I believe expectations around custom AI accelerator projects are riding very high, especially given the recent news about the Broadcom and OpenAI work on Jalapeno. Clearly expectations are getting ahead of themselves, making it difficult for any, except perhaps an Nvidia, to move forward, and even they were down initially after earnings before the big annual forecast prediction they made.“
Für Entscheider bedeutet das: Die nächsten Quartale werden nicht nur daran gemessen, ob Umsatzkurven steigen, sondern auch daran, ob die Kundenabrufe, Design-Win-Zeiträume und Produktionsfreigaben den versprochenen Effekt früher oder später im Ergebnis „sichtbar“ machen. Der Hinweis auf eine stärkere Ergebniswirkung aus der Custom-Chip-Linie im Jahr 2029 verschiebt die Aufmerksamkeit in Richtung der Frage, welche Design- und Ramp-Phasen bei den Kunden tatsächlich bereits abgeschlossen sind. Bis zum Investor Day am 6. Oktober dürfte Marvell daher vor allem erklären müssen, wie verlässlich der Übergang von Vereinbarung zu messbarem Umsatzhebel funktioniert und wie planbar das für andere Custom-Projekte neben der Google-Linie ist.
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