LONDON (IT BOLTWISE) – Eine neue Auswertung zu ICE-Verhaftungen zeigt: Unter beiden Amtszeiten von Donald Trump stieg die Zahl der Festnahmen deutlich. Im zweiten Zeitraum sank jedoch der Anteil der Festgenommenen mit tatsächlichen strafrechtlichen Verurteilungen auf nur 34 Prozent. Gleichzeitig verlagerte ICE einen größeren Teil der Einsätze in Richtung von Community Arrests. Die Studie liefert damit ein messbares Bild dafür, wie sich die Vollzugspraxis von der öffentlichen Erzählung unterscheiden kann.

Mehr ICE-Verhaftungen, aber weniger mit Vorstrafen: neue Analyse
Mehr ICE-Verhaftungen, aber weniger mit Vorstrafen: neue Analyse (Foto: IT BOLTWISE)
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Die Debatte um innere Abschiebekontrollen in den USA dreht sich häufig um die Frage, ob Behörden dabei vor allem „Kriminelle“ herausgreifen. Eine aktuelle Analyse des federalen Vollzugs, die im Proceedings of the National Academy of Sciences veröffentlicht wurde, zeichnet ein deutlich differenzierteres Bild: Zwar wuchsen die Verhaftungszahlen unter Donald Trump in beiden Amtszeiten massiv. Parallel dazu sank im zweiten Zeitraum der Anteil der Festgenommenen mit tatsächlichen strafrechtlichen Verurteilungen spürbar.

Technisch und methodisch setzt die Arbeit auf eine detaillierte Rekonstruktion von Zielpersonen, Ort und Vorgehensweise. Die Forschenden um Chloe N. East (University of Colorado Boulder) und Caitlin Patler (University of California, Berkeley) sowie Elizabeth Cox untersuchen Verwaltungsdaten aus dem „Deportation Data Project“. Grundlage sind über 1,5 Millionen ICE-Verhaftungen im Zeitraum von Oktober 2015 bis März 2026. Weil die Vollzugsintensität in der Biden-Ära zeitweise wegen der COVID-19-Pandemie sowie vorübergehender Änderungen in den Aufgaben am Grenzbereich auf ein Zehnjahrestief fiel, vergleichen die Autorinnen und Autoren bewusst die Zeitfenster unmittelbar rund um die beiden Trump-Inaugurationen: grob Dezember 2015 bis März 2018 sowie Dezember 2024 bis März 2026.

Die Studie betrachtet dabei nicht nur die absolute Zahl der Festnahmen, sondern auch die regionale Zuständigkeit und ob die betroffenen Personen überhaupt irgendeine strafrechtliche Verurteilung hatten. Zusätzlich teilt sie ICE-Einsätze nach zwei zentralen Methoden ein: Law Enforcement Agency collaborative arrests und Community Arrests. Im ersten Fall nimmt ICE eine Person in Gewahrsam, die bereits in einem lokalen oder staatlichen Gefängnis bzw. in einer Justizvollzugsanstalt festgehalten wird. Bei Community Arrests greifen ICE-Beamtinnen und -Beamte dagegen Personen direkt in Nachbarschaften, Wohnungen oder am Arbeitsplatz auf.

In den Ergebnissen fällt zunächst die Dynamik der Gesamtzahlen auf. Im Jahr vor der ersten Trump-Inauguration lag ICE im Schnitt bei 304 Verhaftungen pro Tag. In den ersten 14 Monaten des ersten Mandats stieg die Zahl auf 436 pro Tag; das entspricht einem Plus von 43 Prozent. Vor der zweiten Amtszeit blieb das Niveau zunächst ähnlich bei 304 pro Tag. Doch zwischen Januar 2025 und März 2026 erreichte die Organisation im Mittel 952 Verhaftungen pro Tag, also einen Zuwachs um 214 Prozent gegenüber dem vorherigen Jahr.

Entscheidend ist dann die Gegenbewegung beim Strafrechtsbezug: Während die Zahl der Verhaftungen massiv zunahm, sank der Anteil der Menschen mit einer strafrechtlichen Verurteilung. Für den zweiten Zeitraum liegt die Quote bei 34 Prozent und damit nahe am niedrigsten Wert, den das Team im untersuchten 10,5-Jahresfenster beobachtet hat. Um zu verstehen, ob sich dieser Rückgang allein durch die Verschiebung der Einsatzart erklären lässt, rechnen die Autorinnen und Autoren den Einfluss der Methodenänderung separat aus. Community Arrests stiegen von 17 Prozent der Ingewahrsamnahmen im Jahr vor dem zweiten Mandat auf 47 Prozent zwischen Januar 2025 und März 2026. Diese aggressive Verlagerung Richtung direkter Einsätze im Umfeld der Betroffenen erklärt jedoch laut Studie nur etwa ein Viertel des Rückgangs bei den Verurteilungsquoten.

Der verbleibende Teil – die „anderen drei Viertel“ – hängt vielmehr damit zusammen, dass ICE in beiden Kategorien weniger Personen mit einschlägigen Vorstrafen festnimmt. Die Auswertung beziffert den Rückgang innerhalb von Community Arrests mit minus 10 Prozentpunkten bei der Verurteilungsquote und innerhalb der Law Enforcement Agency arrests mit minus 16 Prozentpunkten. Unabhängig von der konkreten Vorgehensweise deutet das auf eine breitere Veränderung der Zielstruktur hin. Auch geografisch zeigt sich ein heterogenes Muster: Steile Anstiege bei jail-basierten Verhaftungen finden sich im zweiten Zeitraum etwa in El Paso, Miami, New Orleans und San Antonio. Dagegen nehmen Community Arrests in anderen Regionen besonders stark zu, etwa in Boston, Chicago, Newark, Seattle sowie in allen untersuchten Zuständigkeiten in Kalifornien und New York.

In der Einordnung verweisen die Forschenden darauf, dass das regionale Profil mit dem erklärten politischen Ziel zusammenpasst, sogenannte sanctuary jurisdictions stärker ins Visier zu nehmen. Dabei handelt es sich um Städte oder Bundesstaaten, die die Kooperation lokaler Polizeibehörden mit Bundesstellen in Einwanderungsfragen einschränken. Gleichzeitig betonen die Autorinnen und Autoren: Trotz der deutlichen Unterschiede im Vollzugsstil fällt der Rückgang des Anteils verurteilter Personen „nahezu universell“ aus. Als Einschränkung nennt die Arbeit, dass die Daten auf den eigenen Verwaltungsaufzeichnungen von ICE beruhen und damit nur jene Personen abbilden, die formell in das System eingeordnet werden. Zudem betrachtet die Analyse ausschließlich den „interior“-Vollzug innerhalb der USA; Grenzinteraktionen durch Border-Agents am physischen Grenzabschnitt werden nicht erfasst. Unklar bleibt außerdem, warum die Verurteilungsquote gerade innerhalb jail-basierten Festnahmen sank – hier nennen die Autorinnen und Autoren mögliche Mechanismen, etwa veränderte Priorisierung in Haftkontexten oder Verschiebungen in den lokalen Beständen, die am Ende zu unterschiedlicher Zusammensetzung der Überstellungen führen. Für Unternehmen, Behörden und Forschung ist das vor allem ein Signal: Wenn Vollzugskennzahlen wie „Sicherheitsfokus“ politisch gerahmt werden, sollte man die tatsächliche Ziel- und Methodenverteilung noch stärker anhand belastbarer Daten prüfen.


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