BOSTON / LONDON (IT BOLTWISE) – In den USA werden Mehrgenerationen-Haushalte zunehmend zur finanziellen Absicherung: Familien bündeln Miete, Wohnraum und Betreuung, während steigende Lebenshaltungskosten und Haushaltsprobleme den traditionellen „Single-Unit“-Lebensentwurf verdrängen. Der Trend verändert auch die Immobilientechnik, weil neue Grundrisse, separate Einliegerbereiche und vernetzte Sicherheits- sowie Komfortsysteme stärker nachgefragt werden. Gleichzeitig rückt der Datenschutz in den Fokus, denn Smart-Home- und Gesundheitsdaten müssen in gemischten Haushaltsstrukturen sauber getrennt und abgesichert werden.

Wer in den USA noch vor wenigen Jahren von einem „perfekten“ Familienbild aus Einfamilienhaus, getrennten Lebensphasen und klar abgegrenzten Haushalten ausging, muss heute genauer hinsehen. Der Grund ist nicht nur kultureller Wandel, sondern ein ökonomischer Druck, der sich durch Inflation bei Energie, Lebensmitteln und Wohnen durchzieht. Viele Familien schaffen sich Handlungsspielräume, indem sie Großeltern, Eltern und Kinder wieder stärker in einer gemeinsamen Wohnform organisieren. Das reduziert Fixkosten, verteilt Betreuungsaufgaben und stabilisiert Einkommen – allerdings auf Kosten neuer Anforderungen an Privatsphäre, Betrieb und IT-Sicherheit, die in klassischen Mietmodellen oft vernachlässigt werden.
Technisch betrachtet beginnt die Veränderung bereits an der „Schnittstelle“ zwischen Gebäude und Haushalt: Mehrgenerationenwohnen verlangt heute häufig separate Wohneinheiten, etwa Einliegerbereiche mit eigenem Bad, Küche oder sogar eigenem Eingang. Damit verschiebt sich auch die Rolle digitaler Infrastruktur. Elektronische Schließsysteme, Zugangskontrollen für mehrere Bewohnergruppen und die Bereitstellung von Diensten wie Licht-, Heizungs- oder Medientransparenz werden relevanter, sobald im selben Haus unterschiedliche Lebensrealitäten koexistieren. Entscheidend ist dabei, dass Systeme nicht nur funktionieren, sondern kontrollierbar bleiben: Wer darf wann welche Bereiche betreten, und wie werden Ereignisse revisionssicher protokolliert?
Im Markt zeigt sich der Trend bereits messbar. Daten aus einem aktuellen Bericht der National Association of Realtors zu Käufer- und Seller-Generational-Trends deuten darauf hin, dass der Anteil von Käufern, die ein Mehrgenerationenhaus erwerben, im Zeitraum Juli 2023 bis Juni 2024 deutlich gestiegen ist. Außerdem wird aus dem Vertrieb berichtet, dass in Großstadtvierteln mit hoher Dichte und typischen Reihen- oder Brownstone-Strukturen solche Wohnformen bereits häufiger sichtbar sind. Experten ordnen das als Kombination aus Haushaltsnotwendigkeit und veränderten Familienbiografien. So wird die höhere Verbreitung nach Scheidungen oder Trennungen damit begründet, dass mehr „Übergangszeit“ organisiert werden muss – etwa beim Umzug, bei der Kinderbetreuung und beim Wiederaufbau der Wohnbasis.
Für die technischen Rahmenbedingungen ist dabei wichtig, dass Mehrgenerationenhaushalte nicht nur „mehr Personen pro Adresse“ sind, sondern auch mehr Rollen mit unterschiedlichen Datenbedürfnissen. Ältere Angehörige benötigen häufig assistive Funktionen, etwa Überwachung im Sinne von Anwesenheitssignalen, Notruf-Workflows oder Gesundheits-Integrationen. Gleichzeitig bleiben Datenschutz und Transparenz zentrale Pflichten gegenüber allen Bewohnern. Aus Enterprise-Sicht bedeutet das: Datenminimierung, starke Rollenmodelle und segmentierte Benutzerkonten sind keine „Nice-to-have“-Features, sondern Voraussetzung für akzeptable Sicherheit. Besonders wenn Cloud-Dienste beteiligt sind, müssen Logging, Aufbewahrung und Zugriffstransparenz so gestaltet werden, dass weder Verwandte noch Dritte ungewollt in private Abläufe hineinsehen.
Historisch lässt sich der Trend als Rückkopplung an frühere Wohn- und Fürsorgemuster verstehen. In vielen Regionen der Welt waren Mehrgenerationen-Haushalte lange selbstverständlich, während die US-Idealvorstellung lange stärker auf Autonomie und klar getrennte Lebensphasen setzte. Heute wirken jedoch mehrere Faktoren gleichzeitig: steigende Lebenshaltung, zunehmend knappe Rentenplanung durch zurückbleibende Ersparnisse sowie der organisatorische Druck rund um Kinderbetreuung und die Pflege von Angehörigen. Zusätzlich spielt die veränderte Familienstruktur eine Rolle: Wenn Kinder nicht mehr automatisch im selben Haushalt aufwachsen oder getrennte Familienmodelle entstehen, wird gemeinsames Wohnen oft zur „praktischen Infrastruktur“ für Stabilität. Experten betonen dabei, dass diese Wohnform häufig aus Notwendigkeit entsteht, nicht als erster Wunsch.
Auch der Immobilienbau reagiert. Viele Bau- und Entwicklungsansätze fokussieren Grundrisse, die sowohl Nähe als auch Rückzug ermöglichen: größere Schlafzimmer, überdimensionierte Bäder und Duschen sowie häufig zweite Küchen oder „dual home“-Konzepte, bei denen eine separate Wohneinheit innerhalb des Hauses entsteht. Aus der Praxis wird zudem berichtet, dass sich Käufer besonders von Lösungen angezogen fühlen, die zugleich Privatsphäre herstellen und die Betreuung im Alltag erleichtern. Das ist nicht nur Architektur, sondern Produktentwicklung mit Blick auf Nutzerrollen. Wenn Eltern tagsüber unterstützen, Kinder abends Ruhe brauchen und Großeltern eigene Routinen haben, wird Interoperabilität zwischen Gebäudetechnik, Zugangssystemen und Haushaltsdiensten zum realen Wettbewerbsvorteil.
Für die Marktlogik lässt sich der Trend auch im Wettbewerb der Plattformen und Dienstleister erkennen. Während klassische Smart-Home-Ökosysteme oft primär für einzelne Haushalte optimiert wurden, wächst der Bedarf an Lösungen, die mehrere Nutzergruppen mit klaren Rechten verwalten können. Vergleichbar dazu arbeiten Anbieter in der Zugangstechnologie oder im Energie-Management zunehmend an granularen Berechtigungsmodellen und nachvollziehbaren Audit-Trails, weil „shared living“ andere Risiken erzeugt als „single tenant“. In Mehrgenerationenhäusern ist die Angriffsfläche nicht nur technisch, sondern auch organisatorisch: falsch konfigurierte Rechte, unsaubere Konto-Hygiene oder unklare Verantwortlichkeiten können zu Sicherheitslücken führen. Darum wird das Zugriffskonzept selbst zum Produktbestandteil.
Der Ausblick ist entsprechend zweigeteilt. Kurzfristig werden mehrgenerationale Grundrisse und Einliegerlösungen weiter zunehmen, weil sie Kosten teilen und Betreuung abfedern. Gleichzeitig dürften digitale Betriebsmodelle nachziehen: unternehmensnahe Identity- und Access-Konzepte, Automatisierung für Wartung und Verbrauchsdaten sowie Datenschutz-By-Design in Smart-Home-Workflows. Langfristig kann das auch neue Geschäftsfelder öffnen, etwa für vertraglich abgesicherte Services, bei denen technische Systeme Verantwortlichkeiten zwischen Angehörigen sauber trennen. Entscheidend wird sein, dass sich „Komfort“ nicht über Nachvollziehbarkeit stellt: Nur wenn Nutzer die Datenflüsse verstehen und der Zugriff steuerbar bleibt, kann Smart-Home-Technik in Mehrgenerationenstrukturen Vertrauen aufbauen und die Akzeptanz nachhaltig sichern.
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