LONDON (IT BOLTWISE) – Mercer International fährt bis zum zweiten Quartal 2027 einen massiven Personalabbau in Torgau und baut dort schrittweise Stellen ab. Parallel laufen Gespräche mit den Inhabern von Senior Notes, die in 2028 und 2029 fällig werden, um die Kapitalstruktur zu stabilisieren. Für das zweite Quartal meldet das Unternehmen einen Nettoverlust von 76,0 Millionen US-Dollar, gleichzeitig steigt die operativ gemessene Ergebnisqualität auf EBITDA-Ebene dennoch ins Minus. Das Sparprogramm „One Goal One Hundred“ liefert bereits spürbare Einsparungen, während Analysten nach der Verschlechterung der Kreditwürdigkeit ihre Ziele weiter zurückfahren.

Mercer International steht derzeit nicht nur wegen operativer Ergebniskennzahlen unter Druck, sondern vor allem, weil sich die Finanzierungsfrage immer näher an konkrete Fälligkeiten heranschiebt. Im frühen Handel legte die Aktie am Montag um 2,3 % auf 0,3322 Euro zu, doch der Abstand zum 52-Wochen-Hoch bleibt erheblich: Das Papier notiert weiterhin rund 88 % darunter. Diese Kombination aus kurzfristiger Kursreaktion und langfristiger Schwäche ist für Unternehmen typisch, die zwar an Kostenseite und Liquidität arbeiten, aber gleichzeitig ein erhöhtes Refinanzierungsrisiko tragen. Genau dort setzt der aktuelle Maßnahmenmix an: Sparprogramm, Restrukturierung am Standort Torgau und Gespräche zur Schuldenstruktur.
Im Kern verhandelt Mercer International mit den Inhabern vorrangiger Anleihen, den sogenannten Senior Notes. Dabei geht es um Instrumente, die in den Jahren 2028 und 2029 fällig werden, also um Zeitfenster, in denen die Gesellschaft ihre Kapitalstruktur neu ordnen muss, um Liquidität und Handlungsfähigkeit zu sichern. Laut Unternehmensangaben gibt es in diesem Prozess bisher noch keine abschließenden Vereinbarungen. Dass das Thema heute so prominent ist, hängt eng mit der Einschätzung der Kreditwürdigkeit zusammen: Anfang Juli hat die Ratingagentur Moody’s die Einstufung von Caa1 auf Caa3 gesenkt. Als Begründung wurde dabei die Wahrscheinlichkeit einer Restrukturierung der Bilanz oder eines notleidenden Umtausches genannt, was für den Markt ein deutliches Signal ist, wie eng der finanzielle Spielraum geworden ist.
Die Lage zeigt sich auch in den Zahlen, die das Management gleichzeitig mit den Kapitalmaßnahmen adressiert. Für das zweite Quartal berichtet Mercer einen Nettoverlust von 76,0 Millionen US-Dollar; im Vergleich zum Vorjahresverlust von 86,1 Millionen US-Dollar entspricht das zwar einer Verbesserung, aber nicht einer Rückkehr in die Gewinnzone. Auf operativer Ebene liegt das EBITDA im zweiten Quartal bei minus 21,0 Millionen US-Dollar. Damit bleibt die zentrale Frage für Anleger und Finanzierungspartner: Reicht die Geschwindigkeit der Kostensenkung und der operativen Stabilisierung, um den Zeitraum bis zu den Anleihefälligkeiten zu überbrücken – oder droht die Notwendigkeit, Kapitalstrukturen bereits früher und unter ungünstigeren Bedingungen neu zu verhandeln?
Am operativen Hebel arbeitet Mercer International vor allem über die Restrukturierung am Werk in Torgau. Im Juli wurde bereits der Abbau von etwa 100 Stellen bei Subunternehmern abgeschlossen. Insgesamt plant das Unternehmen eine Reduzierung der Belegschaft in Torgau um circa 350 Positionen, die schrittweise bis zum zweiten Quartal 2027 umgesetzt werden soll. Solche Schritte sind nicht nur ein HR-Thema, sondern beeinflussen direkt die Kostenbasis (Fixkostenanteil, Vertrags- und Servicekosten, Auslastungslogik). Gleichzeitig fährt Mercer ein Kostensenkungsprogramm namens „One Goal One Hundred“, das im zweiten Quartal zusätzliche Einsparungen in Höhe von 13,0 Millionen US-Dollar geliefert hat. Seit dem Start der Initiative im April 2025 sind damit bereits rund 54,0 Millionen US-Dollar eingespart; das Ziel lautet, bis zum Ende des laufenden Jahres Gesamteinsparungen von 100 Millionen US-Dollar zu erreichen.
Für die Börse und damit auch für potenzielle Strukturgespräche ist die Einschätzung durch Analysten ein wichtiger Taktgeber. Am 10. August senkte der TD-Analyst die Einschätzung auf „Sell“ und reduzierte das Kursziel von 0,40 US-Dollar auf 0,15 US-Dollar. Zeitgleich passte Hamir Patel von CIBC seine Erwartungen an und senkte das Kursziel am 10. August von zuvor 1,00 US-Dollar auf 0,75 US-Dollar, wobei die Einstufung „Neutral“ beibehalten wurde. Diese Anpassungen sind im Kontext der herabgestuften Kreditwürdigkeit nachvollziehbar: Sobald die Wahrscheinlichkeit von Restrukturierungsschritten im Markt höher eingeschätzt wird, verändern sich meist sowohl Bewertungslogik als auch Timing-Annahmen für den Cashflow-Ausblick. Zudem wirkt eine hohe Zinslast in der Regel wie ein konstantes Gegenargument gegen jede kurzfristige Ergebnisverbesserung.
Entlastung kommt allerdings nicht nur aus dem Sparprogramm, sondern auch aus einer staatlichen Unterstützung für die Tochtergesellschaft Mercer Peace River Pulp Ltd. Nach Angaben aus der Berichterstattung hat die kanadische Regierung eine finanzielle Zusage über insgesamt 20 Millionen kanadische Dollar im Rahmen der Regional Tariff Response Initiative gemacht. Davon entfallen 19 Millionen auf ein rückzahlbares Darlehen, dessen Tilgung im Jahr 2031 beginnen soll; die Mittel sind für die Modernisierung des Standorts vorgesehen. Genau hier liegt ein entscheidender Mechanismus: Eine Modernisierung kann die Wettbewerbsfähigkeit in einem schwierigen Marktumfeld stabilisieren und damit perspektivisch die operative Basis verbessern. Gleichzeitig bleibt die Gesamtlage angespannt, weil hohe Zinslasten und die notwendige Refinanzierung der ausstehenden Anleihen die Bilanz weiterhin prägen.
Für Unternehmensentscheider ergibt sich daraus eine klare Doppelaufgabe: Erstens müssen Kostenprogramme wie „One Goal One Hundred“ schnell in wiederkehrende Effekte übersetzt werden, damit der Markt den Turnaround nicht nur als Reaktion, sondern als belastbare Strategie einordnet. Zweitens entscheidet die konkrete Ausgestaltung der Gespräche mit den Inhabern der Senior Notes über den Spielraum in den Jahren 2028 und 2029 – und damit darüber, ob Mercer International vor allem verhandelt oder im Ernstfall umstrukturiert. Dass Moody’s den Ausblick bereits verschärft hat, erhöht die Dringlichkeit, die Kommunikations- und Verhandlungsfähigkeit bis zu den nächsten Marktkatalysatoren hochzuhalten. In der Praxis wird der weitere Kursverlauf daher stark davon abhängen, ob sich aus den Gesprächen belastbare Struktur-Schritte ableiten lassen und ob die Einspar- und Modernisierungseffekte die Refinanzierungsrisiken mindestens teilweise kompensieren können.
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