DARMSTADT / LONDON (IT BOLTWISE) – Merck hat nach einem unerwartet starken zweiten Quartal seine Jahresziele erneut angehoben. Für 2026 rechnet der Konzern nun mit 21,0 bis 21,8 Milliarden Euro Umsatz und einem bereinigten EBITDA von 5,9 bis 6,3 Milliarden Euro. Besonders die Laborsparte profitiert von einer anhaltenden Erholung im Laborbetrieb und von robuster Nachfrage nach KI-Halbleitermaterialien. Parallel baut Merck die Pharmapipeline mit einem neuen Fokus auf seltene Erkrankungen aus.

Merck hebt Ziele nach starkem Quartal an – KI-Halbleiter treiben Laborsparte
Merck hebt Ziele nach starkem Quartal an – KI-Halbleiter treiben Laborsparte (Foto: IT BOLTWISE)
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Der Pharma- und Technologiekonzern Merck hat nach einem überraschend starken Quartal die eigenen Erwartungen für das laufende Geschäftsjahr nicht nur bestätigt, sondern spürbar nach oben gezogen. Im Kern zeigt sich der Effekt in zwei operativ unterschiedlichen Segmenten: Die Laborsparte zieht wieder verlässlich an, während die Pharmasparte trotz Gegenwind durch den bevorstehenden Patentablauf bei Mavenclad bereits aus Übernahmen Kapital schlägt. Dazu kommt ein dritter Hebel, der in der aktuellen Lage gern unterschätzt wird: Nach Angaben des Managements nimmt der Gegenwind von der Währungsseite weiter ab, was die Ergebnisrechnung kurzfristig stabilisiert. Die Aktie reagierte laut dem Bericht am Donnerstag mit einem Anstieg von zuletzt gut ein Prozent.

Für das Geschäftsjahr 2026 nennt Merck nun einen Umsatzkorridor von 21,0 bis 21,8 Milliarden Euro; zuvor hatte der Konzern 20,4 bis 21,4 Milliarden Euro in Aussicht gestellt. Beim bereinigten Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (EBITDA pre) liegt die neue Zielspanne bei 5,9 bis 6,3 Milliarden Euro, nachdem zuvor 5,7 bis 6,1 Milliarden Euro angepeilt waren. Als Vergleichsgröße nennt Merck für 2025 ein operatives Ergebnis von 6,1 Milliarden Euro bei 21,1 Milliarden Euro Umsatz. Diese Zahlen sind auch deshalb aussagekräftig, weil sie nicht nur von einem Segment dominiert werden: Merck stellt den Ausblick zwar vor allem auf die starke Entwicklung der Laborsparte ab, macht aber deutlich, dass alle drei Geschäftsbereiche etwas optimistischer geplant sind. Konzernchef Kai Beckmann ordnete das mit Blick auf die Wachstumsbereiche ein: „Unsere Ergebnisse im zweiten Quartal bestätigen die anhaltende Dynamik unserer wichtigsten Wachstumsbereiche“, sagte Beckmann in Darmstadt.

Die technische und operative Detailtiefe steckt in der Laborsparte. Dort profitiert Merck laut Bericht von einer anhaltenden Erholung der Laborexperimente nach dem früheren Nachfrageknick im Anschluss an die Corona-Pandemie. Gleichzeitig bleibt die Nachfrage nach KI-Halbleitermaterialien robust, und das adressiert eine spezifische Engpasslogik in der Fertigung: Beckmann beschreibt die Nachfrage als Anwendungen im Bereich Künstliche Intelligenz, bei denen es vor allem um sogenannte Advanced Nodes geht. Gemeint sind modernere Halbleiterfertigungsprozesse mit kleineren Strukturgrößen und leistungsstärkeren Chips. Das klingt nach einem klassischen Halbleiterzyklus, hat aber eine praktische Komponente, weil die Fertigungswege eng getaktet sind: Wenn Kapazitäten knapp sind, wird jede Verzögerung bei Materialien, Chemikalien oder Prozessmitteln sofort in den Produktionsplänen spürbar. Merck nennt außerdem Zollrückerstattungen aus den USA als weiteren kurzfristigen Faktor: Der Konzern habe im ersten Halbjahr erhebliche Erstattungen erhalten, der größere Teil dürfte nach Aussage von Finanzchefin Helene von Roeder aber in der zweiten Jahreshälfte folgen, insgesamt im hohen zweistelligen Millionen-Bereich. Betroffen seien vor allem die Laborsparte und in kleinerem Umfang der Elektronik-Bereich.

Auch in der Pharmasparte zeigt sich, wie Merck versucht, Substitution in der Produktpipeline aktiv zu managen. Ein Problem bleibt zwar: Wegen des Patentablaufs in den Vereinigten Staaten steht Mavenclad Konkurrenz durch Nachahmerprodukte ins Haus. Doch laut dem Bericht kommt diese Konkurrenz offenbar später auf den Markt als ursprünglich angenommen. Beckmann bestätigt hier keinen stillen Rückzug, sondern ein aktives Monitoring des Übergangs. Auf der Pressekonferenz sagte Finanzchefin Helene von Roeder: „Im Moment geht es uns eher darum, wie sich der Rückgang entwickelt, als darum, wo er letztlich endet.“ Im Quartal machten sich die Wettbewerbsmaßnahmen allerdings trotzdem bemerkbar, denn im Bericht ist von Umsatzbußen von zehn Prozent für Mavenclad die Rede. Gleichzeitig stützt eine milliardenschwere Übernahme den Verlauf: Merck hat seit der Übernahme des US-Biotechspezialisten Springwork Therapeutics einen neuen Geschäftsbereich mit Medikamenten gegen seltene Erkrankungen aufgebaut, der sich zuletzt als Wachstumstreiber erwies.

Der Blick auf das zweite Quartal liefert dafür konkrete Anknüpfungspunkte. Konzernweit stieg der Umsatz im Vergleich zum Vorjahr um 3,4 Prozent auf 5,43 Milliarden Euro; aus eigener Kraft lag das Plus bei 4,1 Prozent. Der auf die Aktionäre entfallende Nachsteuergewinn sank dagegen um fast ein Viertel auf 490 Millionen Euro, unter anderem wegen gestiegener Forschungskosten. Bereinigt um Sondereffekte legte das EBITDA um gut 9 Prozent auf 1,6 Milliarden Euro. In der Laborsparte meldete Merck erneut ein Umsatz- und Ergebnisplus, wobei die Produkt- und Lösungsbereiche rund um die Arzneimittelfertigung als Treiber genannt werden. Dass die Ziele erst im Mai aufpoliert wurden, aber nun weiter steigen, unterstreicht dabei die Dynamik: Der Konzern rechnet außerdem damit, dass US-Umsätze mit Mavenclad nun erst ab August wegfallen, nachdem man zuvor noch von Mai ausgegangen war (ursprünglich sogar ab März). Für das operative Management heißt das vor allem: weniger Modellierungsrisiko in der Übergangsphase und mehr Planbarkeit für die Auffüllung der Pipeline.

Die Unternehmensstrategie geht dabei über den reinen Prognose-Update hinaus. Beckmann hatte bereits als eine seiner ersten Amtshandlungen den Kauf des US-Unternehmens Bio-Techne angekündigt, der umgerechnet rund zehn Milliarden Euro kosten soll. Bio-Techne ist ein Anbieter von Life-Science-Werkzeugen und Analysetechnologien, und Merck will damit nach eigenen Angaben die Spitzenposition in wachstumsstarken Marktsegmenten absichern. Laut Bericht arbeitet der Konzern mit Hochdruck daran, die Übernahme bis spätestens Anfang des kommenden Jahres abzuschließen; zudem lässt das Management weitere Akquisitionen nicht ausschließen, inklusive eines Fokus auf Pipeline-Auffüllung. „Wir konzentrieren uns derzeit sehr darauf, unsere Pipeline wieder aufzufüllen“, ergänzte von Roeder, und sie fügte hinzu, dass Merck alle Optionen offenhalte. In der Praxis bedeutet das für viele Tool- und Service-Anbieter in der Life-Science-Wertschöpfungskette: Wer eng an der Prozesskette für Arzneimittelfertigung und an der Entwicklung neuer Material- und Analysewerkzeuge hängt, kann bei so einem Expansionskurs häufiger in mittel- und langfristige Beschaffungszyklen gelangen.

Ein weiterer strategischer Aspekt liegt im Wechsel an der Konzernspitze. Der Bericht ordnet ein, dass Kai Beckmann den bisherigen Konzernchef Mitte Mai abgelöst hat; vorher leitete Beckmann die Elektronik-Sparte, während Belen Garijo nun die Geschicke bei Sanofi führt. Für Merck ist das nicht nur ein Personalthema, sondern auch ein Signal, wie stark die Verbindung zwischen Elektronik- und Laborlogik in der Ergebnisentwicklung noch wirkt. Denn sowohl die Nachfrage nach KI-Halbleitermaterialien als auch die Laborerholung nach der Pandemie folgen keiner reinen Pharma-Metrik, sondern eher einer Mischung aus Fertigungs- und Investitionszyklen. Wenn Merck die aktuellen Trends in der Prognose konsistent abbildet, wird 2026 damit vor allem als Testjahr dafür, ob die Nachfrage nach Advanced Nodes und Prozesslösungen dauerhaft stabil bleibt und ob die Pharmasparte den Übergang bei Mavenclad ohne größere Überraschungen übersteht.


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