NEW YORK / LONDON (IT BOLTWISE) – Mercury-CEO Immad Akhund sieht Künstliche Intelligenz als Beschleuniger für Unternehmensgründungen. Im Zuge neuer Finanzierungsrunden und der geplanten Mercury Bank, N.A. richtet die Plattform ihre Banking- und Analysefunktionen konsequent auf Software-gestützte Geschäftsabläufe aus. Der Ansatz bleibt dabei bewusst kontrolliert: KI schlägt nächste Schritte vor, aber Nutzer genehmigen Ausführungen. Gleichzeitig zieht Mercury Lehren aus dem Synapse-Crash, um Direct-Banking-Beziehungen und eine mögliche Charter-Strategie stärker zu verzahnen.

Die Kluft zwischen einer Idee und einem laufenden Unternehmen war selten so schmal wie heute. Der Grund liegt nicht nur in günstigeren Softwarebausteinen, sondern vor allem in KI-Werkzeugen, die Gründungs- und Betriebsaufwände messbar senken. Mercury-CEO Immad Akhund beschreibt, dass diese Entwicklung eine neue Generation von Unternehmern hervorbringt und die Zeit bis zur Markteinführung verkürzt. In einem Gespräch mit Karen Webster wurde besonders deutlich: Wenn Unternehmen schneller entstehen, müssen auch Finanzprodukte ihre Nutzerreise neu denken – weg von Filiallogik hin zu digitaler, prozessnaher Unterstützung im Alltag.
Im Zentrum steht dabei Mercurys Unternehmensstrategie, die nach eigener Darstellung einen „Anti-Legacy“-Ansatz verfolgt. Anders als klassische Institute positioniert sich Mercury nicht primär als Kontoanbieter, sondern als Softwarelage um Geldflüsse herum. Zur Plattform gehören mittlerweile Business-Banking, Zahlungen, Rechnungsstellung, Spend-Management, Corporate Cards, Treasury-Funktionen sowie personalisierte Angebote für qualifizierte Kunden. Zusätzlich setzt das Unternehmen auf KI-gestützte Analyse über „Mercury Insights“. Vorgesehen ist mit „Mercury Command“ außerdem eine natürlichsprachige Schnittstelle, die mehrstufige Finanz-Workflows aus Benutzereingaben ableiten soll, ohne dass dafür jede einzelne Funktion separat gesucht werden muss.
Technisch betrachtet hängt die Wirksamkeit solcher Ansätze stark von Architektur und Sicherheitsmodell ab. Mercury spricht von zwei KI-„Tracks“: einerseits für hoch technische Teams, die bereits in KI-nativen Umgebungen arbeiten (z. B. mit Coding-Assistenten und agentischen Workflows), andererseits für Kundinnen und Kunden, die Automation direkt in einer vertrauten Banking-Oberfläche nutzen wollen. Wichtig ist dabei die Kontrollschleife: Während KI Transaktionen und Cashflows analysieren sowie Vorschläge für operative Schritte machen soll, lässt Mercury Finanzaktionen aktuell nicht vollständig autonom ausführen. Nutzer müssen genehmigen, bevor Änderungen durchgeführt werden. Das reduziert Risiko durch Fehlinterpretationen, aber erhält dennoch Tempo im Tagesgeschäft.
Der Marktkontext unterstreicht, warum diese Ausrichtung jetzt an Bedeutung gewinnt. Mercury verweist auf eine Serie-D-Finanzierung über 200 Millionen US-Dollar mit einer Bewertung von 5,2 Milliarden US-Dollar sowie auf eine Historie von vier Jahren Profitabilität. Zudem erhielt das Unternehmen nach eigener Darstellung eine bedingte Genehmigung durch das Office of the Comptroller of the Currency, um Mercury Bank, N.A. aufzubauen. Wettbewerber wie Brex, Chime oder auch Stripe-orientierte Banking-Ökosysteme konkurrieren nicht nur über Features, sondern über Integrationsgeschwindigkeit, Nutzererlebnis und regulatorische Stabilität. Experten berichten, dass sich der Zahlungs- und Bankmarkt dabei von „Banking als Produkt“ hin zu „Banking als eingebettete Funktion“ verschiebt – vergleichbar mit dem Übergang von Apps zu Plattformen, in denen Workflows nahtlos ineinandergreifen.
Historisch betrachtet war Banking-as-a-Service mehrfach an Schnittstellenfragen, Datenflüssen und Haftungsmodellen gescheitert – der Synapse-Crash gilt vielen Marktteilnehmern als Mahnmal. Akhund argumentiert, dass FinTechs langfristig besser mit Partnerbanken direkt arbeiten sollten, statt Zwischenebenen dauerhaft zu akzeptieren. In der Folge seien sponsor-bank-Plattformen und reifere Partnerschaften entstanden, die direkte Kommunikation und Vertragsabwicklung praktisch erleichtern. Gleichzeitig zeigt Mercury mit der Charter-Perspektive, dass ein rein sponsor-bank-getriebenes Modell mit wachsendem Maßstab Grenzen erreicht: „Zu viele Instanzen“ zwischen Unternehmen, Technologie und Regulierung erhöhen Reibung. Mercury beschreibt daher die Charter weniger als Bruch mit Partnern, sondern als Skalierungshebel für regulatorische Ausrichtung und erweiterte Fähigkeiten.
Für Unternehmen und Entwickler bedeutet das vor allem eins: Banking wird zum Bestandteil operativer Software. Mercury deutet eine Zukunft an, in der Finanzfunktionen nicht isoliert neben dem Geschäft existieren, sondern im Prozesskontext wirken – etwa wenn Cashflow-Analysen Planungsentscheidungen vorbereiten oder natürliche Sprache wiederkehrende Abwicklungen unterstützt. Der Charter- und KI-Ausbau zielt damit auf mehr als nur Komfort ab; er soll die Grundlage für tiefere Zahlungsinfrastruktur, breitere Lending-Angebote und direkten Zugang zu Netzwerken wie Zelle legen. Gleichzeitig bleibt die Sicherheits- und Compliance-Komponente zentral: KI-gestützte Automatisierung erfordert Auditierbarkeit, rollenbasierte Freigaben und saubere Datenhygiene, damit Geschwindigkeit nicht zur Schwachstelle wird.
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