RICHMOND / LONDON (IT BOLTWISE) – An der Virginia Commonwealth University wird mit dem „Mighty Pen Project“ ein Schreibformat erprobt, das Veteranen und Angehörige beim Verarbeiten belastender Erlebnisse unterstützen soll. Das Programm kombiniert angeleitete Textarbeit mit frei gewählten Genres und läuft als kostenlose Online-Session über zehn Wochen. Mit einem neuen Förderbetrag in Höhe von 100.000 US-Dollar wird das Projekt weiterentwickelt, um es künftig auch an anderen Schulen und Organisationen nutzbar zu machen. Entscheidend ist dabei die Abgrenzung: Es handelt sich ausdrücklich nicht um klassische klinische Therapie.

Mighty Pen Project: Schreibworkshop an der VCU soll Veteranenerlebnisse verarbeiten
Mighty Pen Project: Schreibworkshop an der VCU soll Veteranenerlebnisse verarbeiten (Foto: IT BOLTWISE)
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Eine Schreibübung wirkt im ersten Moment wie etwas Privates: Stift aufs Papier, Gedanken sortieren, eine Geschichte entstehen lassen. Genau an dieser schlichten Ebene setzt das „Mighty Pen Project“ an, das an der Virginia Commonwealth University in Richmond, Va. gestartet ist. Hinter dem Ansatz steht die Idee, dass das Schreiben als Prozess mentale Ordnung schaffen kann – nicht als Ersatz für medizinische oder psychotherapeutische Behandlung, sondern als strukturiertes Handwerk, das zugleich emotionalen Raum öffnet. In virtuellen Workshops lernen Veteranen, andere Angehörige des Militärs und auch erste Responders, Erlebnisse in Textform zu bringen und dabei einen eigenen Zugang zu Themen wie Überforderung, Sinnsuche oder Resilienz zu finden.

Organisatorisch ist das Projekt dabei bewusst pragmatisch aufgebaut: Es läuft seit rund einem Jahr und erhält eine neue Förderung in Höhe von 100.000 US-Dollar vom Virginia Department of Veterans Services. In der aktuellen Durchführungsphase geben die Teilnehmenden vorab grobe Schreibproben ab, arbeiten dann über zehn Wochen jeweils einmal pro Woche in kostenlosen Sessions – remote und über ZOOM. Aus didaktischer Sicht ist das Konzept nicht auf einen einzigen Stil festgelegt: Teilnehmende können unterschiedliche Genres einbringen; häufig entstehen jedoch autobiografisch geprägte Texte. Melissa Zhu, Nachwuchs-Forschende und Master- bzw. Graduate-Studentin an der VCU im Bereich Health Professions, beschreibt den Unterricht als sehr direkt: „We’re teaching people literally how to write.“ Daneben betont sie, dass viele Teilnehmende nach Abschluss des Workshops „stunning therapeutic benefits“ berichten.

Schon die erste Phase zeigt, wie stark das Projekt auf Fähigkeiten und nicht auf Pathologisierung setzt. Phase eins war laut Projektaufbau zunächst darauf ausgerichtet, die „mechanics of writing“ zu vermitteln – also die handwerkliche Umsetzung von Texten: Aufbau, Bildsprache, Rhythmus, Verständlichkeit. Erst später wurde die Initiative systematisch erweitert, unter anderem durch Professor Jared Schultz (Ph.D.), der an der VCU im Department of Rehabilitation Counseling tätig ist. Schultz verortet die therapeutische Relevanz dabei nicht in einer Behandlungssituation, sondern in der Auseinandersetzung: „Man, there’s a lot of therapeutic value to this. These people are digging into stuff.“ Inhaltlich bedeutet das, dass die Workshops eine Bühne schaffen, in der Teilnehmende lesen, hören und reflektieren, wie sie Vergangenes einordnen und wie sich das eigene Leben dadurch weiterentwickelt hat.

Die zweite Phase macht den nächsten Schritt: Sie heißt „Life Between the Lines“ und richtet sich gezielt an Familienmitglieder von Veteranen sowie an aktive Militärangehörige. Schultz und sein Team prüfen, wie sich das Programm für andere Schulen und Organisationen replizieren lässt, um eine größere Zielgruppe zu erreichen. Dabei verwenden sie den Begriff der „desensitization“ als praktische Arbeitsrichtung: Teilnehmende sollen genügend oft und mit ausreichender Selbstbestimmung über ihre Erfahrungen, Traumatisches und Durchhaltevermögen schreiben, bis diese Themen im Alltag weniger „stören“. Das hat auch eine kontrollierende Komponente, die im Workshop-Design bewusst mitgedacht wird: Der Schreibprozess soll die Kontrolle beim Autor verorten – in dem Maß, in dem jemand schreiben möchte oder auch nicht. Schultz fasst das Ziel so zusammen: „What this does is it puts the power and control in the hands of the writer, so they can write however much they want, or don’t want, at their comfort level.“

Für Unternehmen und Bildungseinrichtungen ist dabei besonders relevant, wie das Format seine Wirkung kommuniziert und abgrenzt. Die Macherinnen und Macher stellen klar, dass der Workshop keine klinische Therapie ist. Zhu bringt diese Linie deutlich auf den Punkt: „That’s something that we always make very clear. This is not an outright therapeutic type of group. Truly, it’s writing first and foremost.“ Der Mechanismus liege trotzdem in der kognitiven und sprachlichen Arbeit: Wer eigene Lebensereignisse so formulieren muss, dass sie für andere verständlich, zugleich aber auch literarisch stimmig werden, zwingt sich zur Interpretation – und damit zu einem bewussteren Verständnis dessen, was die Erfahrung bedeutet. In der nächsten Kohorte, die im Herbst startet, läuft außerdem ein Online-Bewerbungsprozess, der Teilnehmende „from across the country“ zulässt; Zhu nennt bereits Anmeldungen in verschiedenen Zeitzonen, sodass nicht einmal die Ostküste der alleinige Fokus ist.

Langfristig zielt das Projekt auf eine wiederverwendbare Curriculum-Logik. Zhu beschreibt, dass an einer Form gearbeitet wird, die nicht nur einmalig vor Ort funktioniert, sondern über Jahre in Schulen und anderen Institutionen einsetzbar sein soll. Dazu gehört vor allem die „Manualisierung“ des Schreibformats: Damit soll das Wissen in Trainings für andere Fachkräfte überführt werden können – also in Schulungen für professionelle Begleiter, Counselor oder Interessierte aus dem Bereich psychische Gesundheit. Die Prüf- und Implementationsaufgabe ist hier ähnlich wie bei vielen MLOps- oder Schulungsprogrammen in der IT: Ein Ansatz muss in wiederholbare Module zerlegt werden, damit Qualität und Tonalität auch außerhalb der Ursprungsteams erhalten bleiben. Gleichzeitig bleibt das Projekt offen für Vielfalt in den Biografien und Schreibstilen: Zhu stellt klar, dass niemand „gatekeepen“ wolle, weil das Schreiben auch harte und bedeutende Erfahrungen sichtbar machen könne – und dass das anschließende „Auspacken“ genau über Fragen läuft wie: Was bedeutet diese Lebensgeschichte für mich? Haben Erinnerungen mich verändert? Wie haben sie mich herausgefordert?


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