BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Die anhaltend hohen Krankenstände in Deutschland verursachen erhebliche wirtschaftliche Belastungen und führen zu politischen Kontroversen. Arbeitgeber fordern Reformen der Lohnfortzahlung, während Gewerkschaften die Arbeitsbedingungen als Hauptursache sehen. Die Debatte spiegelt die Herausforderungen des Arbeitsmarktes wider, insbesondere den Fachkräftemangel und die steigende Arbeitsbelastung.

Die Diskussion um die hohen Krankenstände in Deutschland hat sowohl wirtschaftliche als auch politische Dimensionen erreicht. Die Wirtschaft sieht sich mit Milliardenschäden konfrontiert, die durch die hohen Fehlzeiten der Arbeitnehmer entstehen. Arbeitgeberverbände fordern daher eine Reform der Lohnfortzahlung, um die Kosten zu senken. Auf der anderen Seite sehen Gewerkschaften die Ursachen für die hohen Krankenstände in den belastenden Arbeitsbedingungen und fordern Verbesserungen in diesem Bereich.
Im Jahr 2024 fehlte jeder Arbeitnehmer im Durchschnitt an 22,3 Tagen, was die Unternehmen laut dem arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft (IW) rund 82 Milliarden Euro an direkten Entgeltfortzahlungen kostete. Hinzu kommen weitere 26 Milliarden Euro an indirekten Kosten durch Produktionsausfälle, wie eine Studie des Pharma-Verbands VFA zeigt. Die Gründe für diesen Anstieg sind vielfältig, darunter auch die starken Infektionswellen nach dem Wegfall der Corona-Maßnahmen und die seit 2022 verpflichtende elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (eAU), die auch kurzzeitige Ausfälle vollständig erfasst.
Die politische Debatte ist entbrannt, nachdem Bundeskanzler Friedrich Merz die hohe Zahl der Krankheitstage infrage stellte und eine Diskussion über die telefonische Krankschreibung forderte. Der Präsident der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA), Rainer Dulger, geht noch weiter und fordert eine grundlegende Reform, die unter anderem die Abschaffung der telefonischen Krankschreibung und die Begrenzung der Lohnfortzahlung auf sechs Wochen pro Jahr vorsieht. Diese Vorschläge stoßen auf heftigen Widerstand von Gewerkschaften und Oppositionsparteien, die den Arbeitgebern vorwerfen, die Beschäftigten unter Generalverdacht zu stellen.
Experten warnen davor, die Debatte auf die Arbeitsmoral zu reduzieren und fordern stattdessen einen Fokus auf Prävention. Dazu gehören die Stärkung des betrieblichen Gesundheitsmanagements, die Förderung flexibler Arbeitsmodelle und eine bessere Work-Life-Balance zur Stärkung der psychischen Gesundheit. Die transparente Datenlage durch die eAU könnte helfen, Problemfelder künftig gezielter zu identifizieren. Die Suche nach einem ausgewogenen Weg zwischen Kostendruck und Arbeitnehmerschutz wird die Agenda weiter bestimmen.
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