WASHINGTON / LONDON (IT BOLTWISE) – Anhand der vorgeschlagenen Mittel für das CLD-Programm erwarten Vast und Starlab, dass NASA ab 2027 zwei kommerzielle Raumstationen parallel finanzieren kann. Während die Agentur früher Zweifel hatte, argumentieren die Unternehmen, dass privates Kapital den Großteil der Entwicklungskosten trägt. Entscheidend bleibt die Frage, wie NASA den Bedarf technisch und organisatorisch in den verbleibenden ISS-Zeithorizont übersetzt. Gleichzeitig rücken damit Beschaffungslogik, Zeitpläne für Hardware und Sicherheitsanforderungen in den Mittelpunkt.

Die Debatte um die Nachfolge der Internationalen Raumstation (ISS) bekommt mit dem vorgeschlagenen Budgetrahmen für das Fiskaljahr 2027 neuen Schub. Nach Angaben, die sich auf die im US-Kongress fortgeschriebene Commerce-Justice-Science-Vorlage beziehen, sieht das Paket rund 400 Millionen US-Dollar für das NASA-Programm „Commercial Low Earth Orbit Destinations“ (CLD) vor. Das wäre mehr als die 300 Millionen US-Dollar, die die Verwaltung zuvor anvisiert hatte und die in 2026 genehmigt worden sind. Für Entwickler kommerzieller Raumstationen ist diese Verschiebung vor allem ein Signal: Sie wollen glaubhaft machen, dass zwei Projekte gleichzeitig finanzierbar sind und nicht nur eines.
In Washington diskutierten dazu Führungskräfte zweier Vorhaben, die häufig als zentrale Wettbewerber im entstehenden Low-Earth-Orbit-Ökosystem genannt werden: Vast und Starlab Space. Beide argumentieren, dass NASA das CLD-Budget aufteilen könne, um mehrere Anbieter zu stützen, weil der Markt aktuell mehrere Betreiber hergeben könne. Der Punkt ist dabei weniger „Wer bekommt Geld?“ als „Wie verteilt man das Risiko entlang des Beschaffungsmodells?“. CLD ist aus Unternehmenssicht nicht primär ein klassischer Bauauftrag für ganze Stationen, sondern soll insbesondere die von NASA eingekauften Dienstleistungen und Betriebsaspekte mitfinanzieren. Diese Interpretation verschiebt die finanzielle Last für Entwicklung und Integration teilweise Richtung privater Investoren.
Technisch knüpft diese Argumentation an die historische Genese des kommerziellen LEO-Förderansatzes an. Seit 2020 hat NASA in mehreren Wellen Verträge vergeben, um die Entwicklung kommerzieller Raumstationen voranzutreiben, die später die ISS ersetzen sollen. Hintergrund ist, dass die ISS nach aktuellem Plan bereits Anfang 2031 außer Betrieb gehen soll. Ursprünglich schien eine spätere Auswahl von zwei Unternehmen für zusätzliche Finanzierungsschritte vorgesehen zu sein, doch im Frühjahr kommunizierten Regierungsstellen, das Budget sei zu knapp, um selbst eine einzelne Station „in vollem Umfang“ abzusichern – geschweige denn zwei. Die aktuellen Befürworter der Zwei-Stationen-Variante widersprechen dieser Lesart, weil sie die Kostenstruktur ihrer Programme und die Rolle privater Mittel betonen.
Im Kern prallen damit zwei Planungslogiken aufeinander. Die erste Logik nimmt an, dass NASA als primärer Geldgeber den größten Hebel für den Ausbau der Infrastruktur braucht. Die zweite Logik betrachtet CLD eher als Nachfrage- und Leistungsprogramm: NASA bezahlt Leistungen, während Unternehmen die Hardware- und Entwicklungsrisiken tragen. Genau hier setzen Vast und Starlab an, indem sie darauf verweisen, dass die privaten Investitionen den Großteil der Entwicklungskosten abdecken. Für Entscheider in Unternehmen und bei Zulieferern ist das relevant, weil es die „go-to-market“-Zeitachse verändert: Wer nur auf staatliche Baufinanzierung setzt, plant anders als ein Anbieter, der Finanzierung über Risikokapital, Industrial Partnerships und stufenweise Reifegrade absichert.
Gleichzeitig steht die Branche vor einer zweiten, technischen Unsicherheit: dem Pfad, den NASA als Übergang zur ISS-Nachfolge einschlägt. Im Frühjahr wurde dazu eine Informationsanfrage veröffentlicht, die Feedback für eine alternative Strategie einholt. Dabei geht es um die Idee, dass NASA ein neues „Core Module“ beschaffen könnte, an das Unternehmen in den letzten ISS-Jahren ihre Module anbinden. Aus Sicht von Vast-CEO Max Haot ist das jedoch zeitkritisch: Für eine rechtzeitige Bereitstellung bis 2030 sei ein Designstart ausstehend, was die Realisierbarkeit gefährde. Das ist ein klassischer Konflikt zwischen politischer Übergangsplanung und industrieller Hardware-Entwicklungsdauer, bei der Design-Freeze, Qualifikation, Lieferketten und Integrationsfenster streng aufeinander abgestimmt werden müssen.
Für den Markt bedeutet eine mögliche Zwei-Stationen-Finanzierung mehr als nur zusätzliche Projekte: Sie erhöht die Wahrscheinlichkeit von standardisierten Schnittstellen, beschleunigt Lernkurven in Bereichen wie Andocklogik, Nutzlastintegration und Betriebssicherheit und schafft damit indirekt Chancen für Zulieferer aus Software, Avionik und Bodeninfrastruktur. Gleichzeitig verstärkt sich der Wettbewerbsdruck zwischen Anbietern – etwa wenn ähnliche Nutzungsmodelle entstehen, beispielsweise für Forschung, Fertigung oder kommerzielle Dienstleistungen. In der Praxis analysieren Experten die Verteilung von CLD-Mitteln deshalb auch unter dem Gesichtspunkt „wie viele Anbieter kann NASA organisatorisch betreuen?“. Die Beschaffung muss neben dem Budgetrahmen auch Vertrags- und Qualitätsmetriken abbilden, um die geforderte Betriebskontinuität zu sichern.
Nicht zuletzt darf bei Raumfahrtprojekten die Sicherheits- und Compliance-Ebene nicht ausgeblendet werden. Auch wenn es sich um Infrastruktur im Orbit handelt, unterliegen Entwicklung und Betrieb politischen und regulatorischen Leitplanken: Exportkontrollregime, Rüstungsnahen- und Dual-Use-Fragen, sowie Anforderungen an Datenzugriff, Kommunikationssicherheit und Nachweisführung bei sicherheitsrelevanten Subsystemen. Unternehmen, die für NASA-Programme liefern oder mit NASA-Betriebsleistungen verknüpft sind, müssen deshalb von Beginn an ein belastbares Compliance- und Security-by-Design-Konzept nachweisen. Das betrifft nicht nur Hardware, sondern auch Bodenstationen, Telemetrie-Pipelines, Rollenmodelle im Mission Operations Center und dokumentierte Incident-Response-Prozesse.
Der weitere Verlauf dürfte vor allem davon abhängen, wie NASA die Entscheidung „zwei statt eine“ konkret in Prozessschritte überführt: Vertragsmechanik, Meilensteine, KPI-Setzung und die Frage, wie viel NASA jeweils als Service-Kauf absichert. Wenn der Zeitplan für ein Core Module tatsächlich nicht aufgeht, gewinnt das Argument „Aufteilung des Budgets“ zusätzlich an Plausibilität, weil dann der Übergang eher über bestehende Entwicklungsstände und private Investitionen organisiert werden muss. Umgekehrt würde ein erfolgreiches Design- und Lieferfenster für das Kernmodul das Portfolio erweitern, jedoch mit hoher Integrations- und Testlast. Für Entwickler und Investoren bleibt damit klar: Das entscheidende Asset ist nicht nur die Raumstation, sondern die Fähigkeit, in einem engen, regulierten Zeit- und Budgetkorridor schnell genug planbar zu liefern.
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