HOUSTON / LONDON (IT BOLTWISE) – Bei einem Besuch im Johnson Space Center zeigte sich, wie NASA und Zulieferer heute schon gemeinsam an der nächsten Phase des Astronautentrainings arbeiten. Das ISS Mission Control bleibt als Vorbild für „Arbeitsteilung“ bestehen, während das CLD-Programm den Wechsel zu privaten Low-Earth-Orbit-Stationen vorbereitet. In der Neutral Buoyancy Laboratory werden Trainingsabläufe zunehmend so simuliert, dass sie später auch für neue Fahrzeug- und Modulkonzepte passen. Gleichzeitig rücken Sicherheits- und Notfallübungen in Einrichtungen wie Building 9 noch stärker in den Fokus.

NASA in Houston: So verändert sich das Astronautentraining mit kommerziellen Raumstationen
NASA in Houston: So verändert sich das Astronautentraining mit kommerziellen Raumstationen (Foto: IT BOLTWISE)
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Im Johnson Space Center in Houston wirkt die Zukunft der bemannten Raumfahrt nicht wie ein abstraktes Versprechen, sondern wie ein Wartungsplan, der schon heute geschrieben wird. NASA arbeitet dort mit privaten Teams zusammen, um das Astronautentraining bis weit über das Lebensende der Internationalen Raumstation hinaus tragfähig zu machen. Der zeitliche Horizont ist dabei klar gesetzt: Die NASA will das ISS-Betriebsende weiterhin etwa um 2030 planen, hält sich aber die Option offen, die Laufzeit zu verlängern, falls der Kongress das anordnet. Genau in dieses Zeitfenster fällt die Umstellung auf kommerzielle Low-Earth-Orbit-Ziele, die im CLD-Programm (Commercial LEO Destinations) als Nachfolger in den Orbit geholt werden sollen.

Welche Rolle das Training selbst dabei spielt, wird besonders greifbar, wenn man die „Bühne“ betrachtet, auf der Entscheidungen in Echtzeit fallen. Das ISS Mission Control mit seinen getrennten Kontrollräumen zeigt, wie stark sich Betrieb in spezialisierte Kompetenzen zerlegen lässt. Vor den Bildschirmen verfolgen Leitstellen-Teams zum Beispiel, ob Astronauten gerade mit Ausrüstung so belastet sind, dass ein Rückruf oder eine dringende Abstimmung unpraktisch wäre. Gleichzeitig sorgen Live-Ansichten und ein bewusst geöffnetes Laptop-Setup im Kamerabereich dafür, dass Leitstellen am Boden einschätzen können, ob die Crew die Kommunikation tatsächlich wahrnimmt – während die Raumstation ständig zwischen Sichtfenstern von Satelliten und Bodensystemen wechselt. Diese Mischung aus Situationsbewusstsein, Kommunikationsprüfung und Prozessdisziplin ist ein entscheidender Lernpunkt, wenn später unterschiedliche Betreiber und Systeme zusammenarbeiten sollen.

Im gleichen Atemzug zeigt die Tour auch, wie sehr der Umbau bereits organisatorisch gedacht ist. NASA adressiert im CLD-Programm nicht nur die Idee „private Station“, sondern gleich die Umsetzungsmechanik über Verträge: Bereits 2021 wurden frühe Projektaufträge im Umfang von etwa 415 Millionen US-Dollar an drei Teams vergeben, die von Nanoracks, Blue Origin und Northrop Grumman angeführt werden. Danach folgte ein Abstimmungsprozess zur Programmausrichtung; die Inhalte wurden nach Rückmeldungen aus der Industrie so weiterentwickelt, dass eine aktualisierte Ausschreibungsrunde für die Weiterführung des CLD-Ansatzes in Kürze erwartet wird. Parallel dazu arbeiten einzelne Firmen an eigenen Modulen: Vast Space bringt bereits selbst finanzierte Bausteine in Richtung Flugreife, während Bigelow Aerospace ein aufblasbares Modul auf der ISS testet, mit dem sich die Tragfähigkeit des Konzepts für künftige frei fliegende Ziele über längere Zeit prüfen lässt.

Technisch betrachtet verschiebt sich der Fokus vom reinen „Replikat ISS“ hin zu „Trainingsfähigkeit für unterschiedliche Hardware“. Genau das sieht man besonders in der Space Vehicle Mockup Facility, im Jargon „Building 9“, die ständig im Fluss ist, weil Module je nach Mission wieder hinein- und herausgefahren werden. Die Anlage soll nicht nur NASA-Übungen abbilden, sondern auch private Industrie unterstützen, indem sie physische Umgebung und Hardware bereitstellt, um Probleme in der Raumfahrt realistisch zu simulieren. Als konkretes Beispiel wurde das CPR-Training genannt: In der Schwerelosigkeit ist nicht nur die Routine anders, sondern es fehlt auch die „Unterstützung“ der Schwerkraft. Stattdessen müssen Astronauten lernen, sich anzuschnallen und in einer kontrollierten Position zu arbeiten, damit auch im Ernstfall saubere Handgriffe möglich bleiben. Dazu kommen Notfallabläufe wie Feueralarme, bei denen Teams erstens einen klaren Sammelpunkt („safe haven“) brauchen, zweitens Kommunikations- und Computerzugriff erproben und drittens sicherstellen müssen, dass alle Beteiligten tatsächlich am richtigen Ort ankommen.

Dass solche Übungen nicht in einem luftleeren Raum stattfinden, zeigt die Detailtiefe im Ablauf. Bei den simulierten Feueralarmen muss das nahe Umfeld informiert werden, dass es sich um eine Trainingssimulation handelt und nicht um eine reale Gebäudewarnung. Diese scheinbar kleine organisatorische Schleife ist für den Ernstfall relevant, weil sie die Grenze zwischen „Proben“ und „Ereignis“ sauber zieht. Außerdem wurde betont, dass das Gebäude beim Training eng an ISS-Operationen angekoppelt ist – nicht zuletzt im Zusammenhang mit Crew-13. Gleichzeitig sind außerhalb des unmittelbaren Trainingsbereichs bereits Hardware-Anmutungen anderer Akteure sichtbar, etwa von SpaceX und Blue Origin, sowie eine mehrstöckige Mockup-Struktur des Starlab-Space-Konsortiums. Für die Zeit nach dem ISS-Rückzug ist das ein Hinweis darauf, dass Building 9 eher zu einer gemeinsamen Infrastruktur wird, an der unterschiedliche Stationen ihre Ausbildungs- und Integrationsbedarfe abgleichen können.

Den deutlichsten Kontrast zur Leitstellenlogik liefert am Ende das Neutral Buoyancy Laboratory in der Sonny Carter Training Facility. Dort geht es um das Erlernen von Bewegung und Verfahren in einer Umgebung, die die Rahmenbedingungen von Außenbordeinsätzen möglichst realistisch nachbildet. Im riesigen, einem Sportstadion ähnlichen Schwimmbecken trainieren Kandidaten in angepasster Ausrüstung mit Tauchern, während Mockups der Missionsmodule im Wasser stehen und die sichtbaren Blasen und Schläuche dem Team den Fortschritt signalisieren. Die Atmosphäre ist vertraut – die Geräuschkulisse und Luftfeuchte erinnern an Schwimmbad-Erfahrungen – wirkt aber wegen der enormen Ausmaße zugleich ungewohnt. Das Training wird hier nach Aussage von Leitstellen im Verlauf der Ausbildung immer stärker in Richtung „echte Welt“ gedrückt: Anfangs bekommen die Lernenden viel Unterstützung, später lassen sich Abläufe bewusst so führen, dass die Kandidaten Schritte eigenständig ausführen.

Auch das technische Spektrum geht dabei über ISS-spezifische Szenarien hinaus. In einem Bereich wurde während der Trainingsnutzung die Orion-Kapsel für Artemis 2 in die Prozeduren eingebunden: Simuliert werden Fragen wie die Belastbarkeit durch Wellen oder die Frage, was passiert, wenn die Kapsel beim Anlanden kopfüber liegt. Solche Wiederholungen sollen die Bergungs- und Recovery-Prozesse so weit stabilisieren, dass sich das Team auch bei „schlechten“ Ankunftssituationen orientieren kann. Interessant ist außerdem der Blick auf private Unternehmen als Nutzer der Poolkapazitäten: Axiom Space hatte 2025 angekündigt, den AxEMU-Raumanzug in einem Umfeld zu testen, das der Praxis von Missionen im Außenbereich näherkommt. Mit Blick auf künftige kommerzielle Angebote wurde zugleich gesagt, dass aktuell ein großer Teil der freien Kapazitäten von der US Navy genutzt wird, das Labor aber grundsätzlich erwartet, mehr kommerzielle Dienstleistungen anbieten zu können, sobald zusätzliche Nachfrage nach Recovery- oder trainingsnahen Leistungen entsteht.


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